„Es gibt noch Vieles, was in der Mobilitätspolitik nicht aus weiblicher Perspektive gedacht wird."

Vergangene Woche hat unsere Mobilmacherin der Woche die Women in Mobility zu sich ins Büro eingeladen: Daniela Kluckert (FDP) ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr. Mit den Frauen vor Ort sprach sie über Daten, Innovationen und female mobility.

Foto: BMDV, Jesco Denzel


Am Donnerstag, den 3. November 2022, waren Women in Mobility im Bundesverkehrsministerium eingeladen, um mit unserer Mobilmacherin der Woche über Daten und Mobilität und die weibliche Perspektive auf die Verkehrspolitik zu diskutieren.

20 Frauen von WiM waren vor Ort in Berlin dabei, mehr als 100 hatten sich digital angemeldet. Die Bandbreite der Unternehmen, die sie vertraten, reichte von Verkehrsunternehmen wie der Deutschen Bahn und den Berliner Verkehrsbetrieben über Autobauer und Mobilitätsdienstleister wie BMW und voi bis zu Hochschulen und Unternehmensberatungen.


Sie wollten von unserer Mobilmacherin der Woche wissen: Welche Rolle spielen Frauen in der (Verkehrs-)Politik, wie arbeitet das Ministerium, wie steht es um die Finanzierung verschiedener Verkehrsträger und wie können Daten die Mobilität der Zukunft verbessern? Gastgeberin Daniela Kluckert (FDP) ist seit Dezember 2021 Parlamentarische Staatsekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr, Volker Wissing.


Neben ihren Themenschwerpunkten Digitale Infrastruktur, Digitale Gesellschaft, Elektromobilität, Mobilität 4.0 sowie Schifffahrt ist sie Beauftragte für Ladesäuleninfrastruktur. Über das Geschlechterverhältnis im BMDV und der Verkehrspolitik sagte sie: ""Es verändert sich etwas, auch weil Gruppen wie Sie Druck machen."


Mobilität ist keine reine Männerdomäne mehr, das ändert sich auch im Bundestag. Auch der ist weiblicher geworden, was uns freut. Wir wissen, dass in diverseren Teams und Strukturen bessere Ergebnisse erzielt werden. Das gilt natürlich auch für die Verkehrspolitik und deshalb arbeiten wir daran.

Daniela Kluckert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr


„Ich komme aus einer politischen Familie. Wir wurden immer dazu angehalten, Zeitung zu lesen, uns unsere eigene Meinung zu bilden und mitzudiskutieren“, erzählt sie. Während ihre Eltern den Grünen zugetan seien, sei einer ihrer Brüder CDU-Mitglied, der andere bei der SPD. Sie ist seit 2016 Mitglied im Landesvorstand der FDP in Berlin, seit 2017 sitzt sie für die Liberalen im Bundestag.

„Da ich die Einzige bei uns bin, die professionell Politik macht, ist das zu Hause immer von Interesse: was ich mache, wie es in meinem Job ist, welche Themen ich behandle und so weiter.“ Dabei gebe es durchaus Meinungsverschiedenheiten. „Wir streiten uns im positiven Sinne über Politik, weil wir Dinge schon sehr anders sehen, aber das sind keine Streits, die ausarten.“ Dass ihr Weg sie in die Politik führen werde, sei ihr schon während ihres VWL-Studiums klar gewesen. „Ich habe mich während des Studiums eher nicht in einem Unternehmen gesehen. Ich wollte immer etwas machen, was eng mit der Gesellschaft verknüpft ist. Dabei hätte ich mir auch etwas Internationales vorstellen können. Die Vereinten Nationen oder die WTO hätten mich beispielsweise interessiert“, sagt sie.



Ich habe mir nie gedacht: Ich möchte mal Mitglied des Bundestages, Parlamentarische Staatssekretärin oder Verkehrspolitikerin werden. Das kam alles erst später. Ich bin diesen Weg Schritt für Schritt gegangen und ich glaube, so funktionieren alle politischen Karrieren.

Daniela Kluckert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr


Zur Verkehrspolitik sei sie dagegen eher zufällig gekommen. Sie habe für das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr des Landes Sachsen in Berlin gearbeitet und den Bereich Verkehr und Digitales übernommen. „Als ich dann in den Bundestag gewählt worden bin, habe ich gesagt: Da möchte ich weitermachen. Zum einen, weil ich mich darin auskenne und zum anderen, weil ich Mobilität für ein sehr wichtiges Zukunftsthema halte, wenn nicht überhaupt für das Zukunftsthema.“

Sie wurde stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur. „In den Verkehrsausschuss von der Fraktion entsandt zu werden, war gar nicht so einfach. Es war ein sehr begehrter Ausschuss, den man 2017 nicht so einfach bekommen hat. Aber ich konnte mich durchsetzen und seitdem bin ich da“, sagt Daniela.

In meinem Berufsleben ist vieles automatisch gelaufen. Ich hatte natürlich auch an der ein oder anderen Stelle Förderer, genauso musste ich mich an der ein oder anderen Stelle durchsetzen. An meine Position kommt man nicht ohne Gegenkandidatur.

Daniela Kluckert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr


Ihr liege vor allem die Verbindung von Digitalisierung und Mobilität am Herzen, erzählt Daniela. „Bei uns im Ministerium wird gerade an einer Datenstrategie gearbeitet. Daten werden auch für die Mobilitätsplanung genutzt, weshalb hier ein starker Fokus darauf liegt, Daten zu nutzen, die auch die weibliche Perspektive berücksichtigen.“ In der Mobilitätsplanung dürfe man nicht einfach die Hälfte der Bevölkerung ignorieren.

„Die Unterschiede im Mobilitätsverhalten sind bekannt: Frauen bewegen sich anders, weshalb der weibliche Faktor genauso mitgedacht und mitgeplant werden muss, wie der männliche“, sagt Daniela. „Allerdings gibt es noch immer viel zu viele Dinge, die in der Verkehrs- und Mobilitätspolitik überhaupt nicht aus weiblicher Perspektive geplant werden.“

Dass female mobility in der Verkehrspolitik berücksichtig werde, sei neu, sagt sie. Sie gehöre zu einer neuen Generation von Politiker:innen, die auf die Berücksichtigung der Unterschiede sowie Diversität in Beiräten und Arbeitsgruppen Wert lege. Auch Barrierefreiheit sei für sie ein wichtiges Thema. Sowohl im Digitalen als auch im öffentlichen Nahverkehr.

„Als ich meine erste Tochter bekommen habe, habe ich eine ganz neue Sensibilität dafür entwickelt, wie schwierig Mobilität ist, wenn man nicht schnell die Treppe hoch und runter laufen kann und auf Hilfsmittel angewiesen ist. Die Politik ist dafür verantwortlich, dass Barrieren abgebaut werden “, sagt sie.

Mobilität ist essenziell für unser Land und für die Wirtschaft. Es ist aber auch ein Freiheitsthema, wenn man selbst nicht mobil sein kann, weil man die finanziellen Möglichkeiten nicht hat oder mobilitätseingeschränkt ist. Das ist dramatisch einschneidend.

Daniela Kluckert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr


Sie habe schon immer etwas verändern wollen und großen Spaß daran, Dinge zu bewegen. Das sei jedoch auch in ihrer Position nicht immer einfach. „Es gibt einfach Sachen, die man nicht sofort ändern kann, weil die Rahmenbedingungen so sind, wie sie sind.“ Das sei zum Beispiel beim Personenbeförderungsgesetz der Fall gewesen, das in der vergangenen Legislaturperiode reformiert und um private Mobilitätsdienstleistungen erweitert werden sollte. Aus der geplanten großen Reform sei jedoch nur ein „Reförmchen“ geworden.

„Das zu ändern ist ein sehr schwieriger, komplexer Vorgang. Auch, weil das kein Gesetz ist, das der Bundestag alleine beschließen kann, da brauchen wir auch im Bundesrat eine Mehrheit“, erklärt sie. „Die Frage ist, ob man da jetzt Zeit und Energie reininvestiert, das noch einmal ganz neu aufzurollen, oder ob man die nicht woanders mehr braucht. Derzeit stehe insbesondere der Ausbau der Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität und die digitale Infrastruktur in ihrem Fokus. Und für manche Dinge benötige man auch länger als eine Legislaturperiode.“


Man muss sich Verbündete suchen und manchmal dicke Bretter bohren. Das ist in der Politik so. Und man darf sich mit einem Nein oder einem Das geht nicht oder einem Das haben wir immer schon so gemacht nicht zufriedengeben. Dann muss man antworten: Dann müssen Sie nochmal prüfen, auf welchem Weg es möglich ist.

Daniela Kluckert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Verkehr


Auch der Ausbau des Schienennetzes sei nichts, das von heute auf morgen umzusetzen sei. „Das liegt natürlich daran, dass in der Vergangenheit viele Schienen abgebaut worden sind, wodurch wir die Resilienz im System verloren haben. Dann haben wir im Bereich der Güterverkehre nicht genug Kapazitäten. Um das alles wiederaufzubauen, braucht man Geld.“ Auch die Digitalisierung der Schiene müsse vorangetrieben werden. „Es geht einfach nicht, dass wir hier noch Systeme nutzen, die im Kaiserreich das letzte Mal überarbeitet worden sind“, sagt sie.


„Wenn ich mir etwas im Verkehrsbereich wünschen könnte – egal was – und Geld keine Rolle spielen würde, würde ich mir wünschen, dass unsere Bahn gut ausgebaut und aufgestellt ist. Ich hätte noch mehr Wünsche, aber das wäre im Verkehrsbereich mein größter.“

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