“Orientierung im ÖPNV muss so einfach und verständlich wie möglich sein.”

Aktualisiert: 12. Apr.

Viktoria Brandenburg, unsere Mobilmacherin der Woche, ist Geschäftsführerin des Kölner Designstudios DIE INFORMATIONSDESIGNER. Dort werden komplexe Sachverhalte aus der Verkehrsbranche visualisiert, um den Nutzer:inen des ÖPNV Orientierung zu bieten. Außerdem ist Brandenburg die Initiatorin des geplanten Kölner Reallabors „Lebenswerte Stadt“.

Fotos: DIE INFORMATIONSDESIGNER GmbH


Das Ziel von Viktoria Brandenburg, Geschäftsführerin des Kölner Designstudios DIE INFORMATIONSDESIGNER, ist es, komplexe Informationen verständlich und barrierearm darzustellen.

Ein Großteil der Kunden von Brandenburg und ihren Kolleg:innen sind Verkehrsunternehmen - und verbünde, darunter beispielsweise die Deutsche Bahn, die Kölner Verkehrsbetriebe, die Rheinbahn, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg oder der Regio-Verbund Freiburg. Für sie entwickeln die Designer:innen professionelle Kundeninformationen in Form von verständlichen und möglichst barrierearmen Medien. “Wir gestalten beispielsweise Liniennetzpläne. Diese sollen natürlich auch von Menschen mit bspw. einer Rot-Grün-Sehschwäche gut erfassbar sein”, so Brandenburg. „Das mitzudenken ist Teil unseres Designprozesses“.


So vielen Menschen wie möglich Orientierung zu bieten ist ein Tanz aus Kompromissen – mit dem Versuch, den besten zu finden.

Viktoria Brandenburg, Geschäftsführerin Die Informationsdesigner


Ein weiteres Feld: “Die Baustellenkommunikation der Verkehrsunternehmen kann sehr textlastig sein, aber welcher Fahrgast liest denn drei Seiten Text über eine Baustelle?” Brandenburg und ihr Team entwickelt stattdessen nutzerfreundliche Infografiken, welche die Informationen für die Fahrgäste auf den Punkt bringen. Nur dringend notweniger Text bleibt.


„Wir sind Spezialdienstleister für den ÖPNV – der Kunde gibt uns die Inhalte und wir liefern passende Medien für den Nutzer”, so Brandenburg. “Der Unterschied zu anderen Dienstleistern: Weil wir ÖPNV-Fachwissen mitbringen, können uns die Kunden eben auch unaufbereitete interne Planungs-Dokumente einfach über den Zaun werfen und müssen nicht alles lang und breit erklären.“


Aus solchen Unterlagen entwickelt das Team der Informationsdesigner dann je nach Auftrag passende Infomedien für die Fahrgäst:innen – von print bis digital:

Aushänge für Haltestellen, Infoflyer für Bahnhöfe und Fahrzeuge, Grafiken und Animationen für Websiten, Plakate zu Ersatzverkehren und zum Teil sogar die gesprochenen Ansagen in den Bussen und Bahnen.


Keine Angst vor Veränderung – Brandenburgs Weg in die Mobilitätsbranche

Die Informationsdesigner sind seit über 36 Jahren für die Verkehrsbranche tätig. 1985 wurde das Unternehmen von Viktoria Brandenburgs Vater, Verkehrsingenieur Wolfgang Brandenburg, gegründet, gut ein Jahr vor Brandenburgs Geburt. „Ich bin also mit dem Thema und der Selbstständigkeit aufgewachsen – inklusive der Vor- und Nachteile”, sagt sie. „Die Idee zur Weiterführung kam aber erst Ende meiner Zwanziger“.


Zunächst absolviert Viktoria Brandenburg ein duales BWL-Studium bei der Deutschen Tele-kom. „Der Arbeitgeber war top, das Studium war eine sichere Sache, das Gehalt für einen Berufseinsteiger exorbitant hoch.“

Trotz spannender Aufgaben im Konzern in verschiedenen Marketing-Positionen zweifelt Brandenburg jedoch immer häufiger daran, dass ihr die Position im Konzern dauerhaft genug Herausforderung bietet.


Mein Vater ist hier ein absolutes Vorbild für mich – weil er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Das hat mich immer inspiriert, dass er etwas tut, wofür er brennt. Ich hatte immer das Gefühl, dass er Erfüllung in seiner Arbeit findet.

Viktoria Brandenburg, Geschäftsführerin Die Informationsdesigner



Den Stein ins Rollen bringt ein Urlaub im Portugal. Dort absolviert Brandenburg einen Kurs im Kitesurfen, geführt von einer Gruppe deutscher Auswanderer. „Die waren einfach richtig happy mit ihrem Leben. Sie hatten kein dickes Auto oder schickes Haus, sie führten hinge-gen ein Leben, dass sie sich selbstbestimmt ausgesucht haben und womit sie rundum glücklich waren.” Diese Begegnung in Zusammenhang mit dem Tod ihres Großvaters, der in den gleichen Zeitraum fällt, habe bei ihr im Kopf einiges in Bewegung gesetzt, so Brandenburg.

„Ich hatte schon immer ein Interesse an Design und mir gedacht: darauf lässt sich doch auf-bauen – im Bezug auf den Aufbau einer Selbstständigkeit, mit einer etablierten Firma in der Familie, die eine Design-Nische bedient.”

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland bespricht sie sich mit ihrem Vater. „Mein Vater hat mich nie gefragt, ob ich sein Unternehmen mal übernehmen möchte und das war wahrscheinlich das Klügste, was er tun konnte. Den so gab es Raum, dass der Wunsch von mir kommt.“


Weil Brandenburg – wie sie offen erklärt, auch aus finanziellen Gründen – nicht mehr in ein klassisches Studentenleben zurück möchte, beginnt sie neben ihrem Vollzeitjob bei der Deutschen Telekom ein berufsbegleitendes Studium im Fach Mediendesign. „Ohne meinen damaligen Chef wäre das nie möglich gewesen, er kannte meinen langfristigen Plan für die Selbstständigkeit und hat mich trotzdem sehr unterstützt.”

Nach dem Abschluss 2015 steigt sie mit Ende 20 schließlich in die Agentur ihres Vaters ein und leitet diese zunächst gemeinsam mit dem Gründer.

„Das war natürlich super, weil mich alle Kunden bereits kannten, als ich die Geschäftsführung dann 2017 komplett übernommen habe. Und ich konnte mir vorher bei meinem Vater noch einiges abschauen.”

2019 beginnt Brandenburg dann, ein Team aus Designer:innen aufzubauen. Diese Vision treibt sie bereits seit dem Ausscheiden ihres Vaters an. Wolfgang Brandenburg bevorzugte jeher das eigenständige Arbeiten, mit seiner Leidenschaft für den ÖPNV, den er zum Beruf machte. Seine Tochter hat noch größere Pläne für das Unternehmen. Inzwischen zählen die Informationsdesigner acht Mitglieder: Viktoria Brandenburg als Geschäftsführerin, sechs Designer:innen und zeitweise Wolfgang Brandenburg in beratender Funktion.


Ich habe festgestellt, dass ich eine Leidenschaft für den Teamaufbau habe. Mein Antrieb: für meine Leute den bestmöglichen Arbeitsplatz schaffen, an dem jede:r auf den Stärken arbeiten kann. Und den Menschen im Ganzen zu sehen.

Viktoria Brandenburg, Geschäftsführerin Die Informationsdesigner


Auch das Repertoire des Designstudios habe sie erweitert: um die Baustellenkommunikation und Infografiken zu komplexen Themen auch für Unternehmen aus anderen Branchen.

Der Fokus bleibt derselbe: Orientierung ermöglichen.

Brandenburg sagt über ihren Job: “Immer mehr Verkehrsunternehmen merken, dass Service am Fahrgast und Nutzerzentrierung nicht schaden sondern helfen, und machen aus dem einstigen „Beförderungsfall“ einen Kunden, der im Zentrum steht. Diese Entwicklung zu begleiten, macht einfach großen Spaß.”


Von der Idee zur Realität: Deutschlands erster Design-Netzplan

Ein anderes, bekanntes Projekt von Brandenburg und Kolleg:innen ist der neue, konzent-rische Liniennetzplan der KVB, der seit dem letzten Fahrplanwechsel im Einsatz ist.


Die Idee dafür entsteht bereits 2016: der Psychologe Maxwell Roberts beschäftigte sich da-mit, wie derartige Pläne gestaltet sein müssen, damit das menschliche Gehirn die Informatio-nen möglichst schnell erfasst und entwickelt u.a. eine konzentrische Netzplan-Variante für Köln.

Auf seinen Erkenntnissen begründet sich zwei Jahre später die Abschlussarbeit des Desig-ners Benedikt Schmitz an der Köln International School of Design. Für diese Arbeit wird der Designer für den Kölner Design Preis – ein Preis, der unter Kölner Designabsolvent:innen vergeben wird – 2018 nominiert. Damals schon geht Schmitz er für eine Zusammenarbeit auf Brandenburg und ihr Team zu.

2021 wird der neue Kölner Liniennetzplan dann von der KVB zusammen mit dem Team der Informationsdesigner umgesetzt.

Quelle: Die Informationsdesigner/Ben Schmitz/KVB



„Bisher erreicht uns überwiegend positives Feedback“, sagt Brandenburg. „Vereinzelt gab es natürlich auch berechtige Kritikpunkte – für manche entfernte sich die konzentrische Darstellung der Stadt etwas zu sehr von der geografischen Lage und von gelernten Gestaltungsmustern. Gleichzeitig man muss eben den Tanz aus Kompromissen wagen und einen gemeinsamen Nenner finden. So können möglichst viele Menschen abgeholt werden.“


Es gibt verschiedene Meinungen zum neuartigen Liniennetzplan, pro und kontra. Am Ende ist Design eben auch subjektiv. Eins ist klar: Der Plan sorgt für Aufmerksamkeit.

Viktoria Brandenburg, Geschäftsführerin Die Informationsdesigner


Seit Ende 2021 läuft die Feedback-Phase zu Deutschlands erstem konzentrischen Liniennetzplan. Was bringt ein solch gestalteter Plan mit sich neben ästhetischen Gesichtspunkten und dem Ausdruck von Modernität?

Die Kölner Verkehrsbetriebe sowie Brandenburg möchten mit diesem Design eine deutlich leichtere Nutzung des Plans im Alltag ermöglichen. Beispielsweise sollen Fahrgäste Linien und Haltestellen durch ihre kreisförmige Darstellung schneller finden.


Mobilität aktiv gestaltet – die Idee des Kölner Reallabors


Die Geschäftsführerin des Designstudios treibt noch ein weiteres Herzensprojekt für die Mobilitätsbranche an: In Köln soll ein Reallabor für eine lebenswerte Stadt entstehen. Dabei soll Raum für verschiedene Projekte und Kooperationen geschaffen werden, die Köln nachhaltig nach vorne bringen. Alle relevanten Akteure sollen gemeinschaftlich an einem Strang ziehen und interdisziplinär agieren – Akteure aus der Personenmobilität, der Logistik, der Energiewirtschaft sowie der Immobilienwirtschaft und des Städtebaus. Schon dabei: die Stadt Köln, die Technische Hochschule, die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), die koelnmesse, die Rheinenergie, sowie Start-ups wie Pinkbus und goFlux.

„Die Idee kam mir schon 2020 bei einem Austausch mit Kolleg:innen der Hochbahn in Hamburg. Denn die Hochbahn hat erfolgreich ein Reallabor für digitalen Mobilitätslösungen auf die Beine gestellt”, erzählt die Unternehmerin. „So etwas brauchen wir in Köln”.

Mit dieser Motivation entwickelt Viktoria Brandenburg einen Plan um ein derartiges Projekt auch in Köln zu initiieren und umzusetzen.

Über einen Kontakt bei KölnBusiness nimmt sie am 2021 initiierten „Mobility Meetup“ der Kölner Wirtschaftsförderung teil. Dort stellt Brandenburg ihre Idee vor – und stößt auf große Begeisterung. Mittlerweile hat sich eine Arbeitsgruppe aus den relevanten Stakeholdern gebildet und erarbeitet ein konkretes Konzept. „Wir sind in der Finalisierung des Konzeptes, dann geht es an Anträge für Fördergelder.”, sagt Brandenburg. Anfang 2023 könnte es mit dem Start des Reallabors dann soweit sein. Sie sagt: “Wenn alle an einem Strang ziehen und miteinander reden, dann kann das wirklich funktionieren. Wir können einen echten Mehrwert für den Alltag aller Bürger:innen und eine Blaupause für andere Metropolregionen schaffen.”


Marie-Astrid Reinartz von der Startup Unit der KölnBusiness Wirtschaftsförderungs-GmbH, die das Reallabor koordinierend begleitet, sagt über Brandenburg: „Viktoria ist fantastisch. Wenn die sich an ein Thema ranhängt, wird das großartig. Sie ist Geschäftsführerin, frisch gebackene Mutter und engagiert sich noch nebenbei bei der Arbeitsgruppe Reallabor – und sie macht alle drei Sachen richtig, richtig gut und mit ganz viel Herzblut. Ich bin wirklich Fan."

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