Schulweg, Software, Sinn: Drei Frauen über GovTech und die Digitalisierung der Schülerbeförderung
- womeninmobility
- 20. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Apr.
Wie kommen Kinder sicher zur Schule? Für Länder, Städte, Kommunen und Verkehrsunternehmen ist das ein organisatorischer Kraftakt. Das Dresdner Unternehmen Stadt.Land.Netz (SLN) entwickelt seit zehn Jahren Software für die Schülerbeförderung. Wir haben mit Jessica, Lisa und Anne von SLN über GovTech, Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle gesprochen.

Jeden Tag sind bundesweit Millionen Schülerinnen und Schüler mit dem Bus unterwegs, morgens zur Schule, nachmittags zurück nach Hause. In Städten genauso wie auf dem Land. Verwaltungs- bzw. organisationstechnisch steckt dahinter ein riesiger Aufwand: Ansprüche prüfen, Bescheide verschicken, Fahrpersonal koordinieren, Routen planen, Tickets ausstellen. In der Stadt Dortmund beispielsweise organisierten acht Menschen im Schulverwaltungsamt die Beförderung von 17.000 Schülerinnen und Schülern aus rund 160 Schulen mittels analoger Karten und einer Menge Papier. Kam ein Antrag auf Beförderung rein, schaute ein Mitglied des Teams auf einer Landkarte nach, ob das jeweilige Kind qua Entfernung überhaupt berechtigt ist, ein Bus-Ticket zu bekommen. Wenn ja, wurden die neuen Bedarfe den Verkehrsunternehmen gemeldet und die Bescheide an die Familien verschickt.
Wegen hohen Bearbeitungsaufwands und geringer Ressourcen häufig erst nach Schuljahresbeginn.
„Wir hatten für die weiterführenden Schulen große, uralte Karten, auf denen die Grenzen händisch eingezeichnet wurden. Man musste sich erstmal durchwühlen, um die richtige Schule zu finden. Heute kommt ein Antrag rein, wird geprüft, beschieden und fertig. So waren wir zu Schuljahresbeginn auf einem aktuellen Stand – ohne große Rückstände und das trotz unbesetzter Stelle.“
Mitarbeiterin des Schulverwaltungsamts der Stadt Dortmund
Die Stadt Dortmund arbeitet mittlerweile mit dem GovTech-Unternehmen Stadt.Land.Netz zusammen. SLN entwickelt seit zehn Jahren Software für Schülerbeförderung und verwaltet über 357.000 Schulkinder über seine Plattform, die zusammengerechnet 63,3 Millionen Kilometer befördert wurden. 20 Menschen arbeiten für das Dresdner Unternehmen, acht davon sind Frauen. Drei dieser Frauen sind: Anne Wolak (Marketing Lead), Jessica Braig (Sales Managerin) und Lisa Büchner (Customer Success Lead).
Gegründet wurde das Unternehmen von zwei Männern, Lars Lehmann und Marcus Dawidjan. Lars arbeitete damals auf der Seite der Aufgabenträger als Sachbearbeiter, später Teamleiter und ärgerte sich, dass es keine gute Software für die komplexen Herausforderungen in der Schülerbeförderung gab. „Existierende Software war eher für Krankenfahrten und allgemeine Personenbeförderung gedacht, die passte einfach nicht zu den speziellen Bedarfen in der Schülerbeförderung oder war nicht wirklich intuitiv", sagt Anne. Und Jessica ergänzt: „Deshalb haben die beiden SLN gegründet.“
Die Softwareprodukte von Stadt.Land.Netz
VIA von Stadt.Land.Netz ist eine Lösung für öffentliche Verwaltungen (Landkreise, Kommunen, Städte): von der Routenplanung über die Anspruchsprüfung bis zur Fahrkostenerstattung lassen sich alle Prozesse abbilden.
myVIA ist ein Onlineportal und richtet sich an Erziehungsberechtigte, die über das Portal Anträge zur Schülerbeförderung für ihre Kinder einreichen können.
Das Produkt NovaHub bietet Fahrdiensten, Taxiunternehmen und Wohlfahrtsverbänden digitale Tourenplanung, Personalplanung und Abrechnung in einem System. Quasi ein ERP für die Personenbeförderung.
Die App heyNova versorgt das Fahrpersonal und Begleitpersonen unterwegs mit allen nötigen Informationen zur Tour.
Schülerbeförderung ist hierzulande gesetzlich geregelt: Kinder, deren Schulweg über bestimmte Kriterien als nicht zumutbar eingestuft wird, haben in Deutschland Anspruch auf Beförderung bzw. Kostenerstattung für die Beförderung. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Unterschiedliche Schulformen, Sondertransporte, ÖPNV-Integration: „Jeder Träger handhabt das anders", sagt Anne. Und weiter: „Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Schüler in Deutschland befördert werden müssen, weil keine zentrale Stelle das erfasst."
Auch weil das Thema und die Wirtschaftlichkeit der Schülerbeförderung oft unterschätzt werden, wie Jessica sagt. „Schülerbeförderung wird so stiefmütterlich behandelt: Auf einem Mobilitätskongress wurden Kinder mal als Zwangskunden bezeichnet. Dabei muss man sich klarmachen, was die Schülerbeförderung für Chancen bietet." Gerade für Taxiunternehmen sei dies eine sichere Einnahmequelle über mehrere Jahre hinweg.
Unternehmerinnen und Unternehmer der Taxibranche haben oft Scheu vor den Ausschreibungen, weil sie meinen, dass das Geschäft schon verteilt ist und das eh die Großen gewinnen. Dabei ist das ein Trugschluss, denn die Qualität des Angebots entscheidet, nicht die Größe des Unternehmens. Jeder, der gut digital aufgestellt ist, hat die Chance darauf, eine Ausschreibung zu gewinnen.
Anne Wolak, Marketingleiterin bei Stadt.Land.Netz
Sie erzählt von Taxifahrern, die anfangen, Kinderprogramme einzuschalten und Pixiebücher bereitzulegen, weil Schülerbeförderung eben nicht nur Pflicht ist, sondern auch Geschäftsmodell. „Der Schülerverkehr ist auch für das Taxigewerbe ein wichtiger Pfeiler, viele merken das gerade erst."
Drei Frauen, drei Umwege in die Mobilitätsbranche
Als Lisa bei SLN angefangen hat, war sie die zweite Frau im Unternehmen. Heute sieht das anders aus. Auch, weil aktiv darauf geachtet wird, dass das Team weiblicher wird. „Bei gleicher Qualifikation entscheiden wir uns für die weibliche Kandidatin“, sagt sie. Das Unternehmen hinterfrage Strukturen und arbeite daran, Rollenbilder aufzubrechen.
Alle drei betonen, dass sie auf Umwegen in die Branche gekommen sind und genau das als Stärke sehen:
Jessica kommt aus der Luxusbranche. Sie ist ausgebildete Uhrmacherin und war im Verkauf hochwertiger Uhren tätig. „Ganz nett, aber macht die Welt nicht wirklich besser“, sagt sie heute. Die Gründer von Stadt.Land.Netz kannte sie schon lange privat. Die Idee, irgendwann zusammenzuarbeiten, stand schon länger im Raum. Seit einem Jahr ist sie nun dabei und glücklich. Auch, weil sie den Job als sinnstiftend erlebt: „Funktionierende Mobilität macht nicht nur das Leben leichter, sondern ist der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe und Selbstbestimmung. Das spüre ich in meiner Arbeit.“
Anne kommt aus der Forschung, hat aber ihre Promotion über Energieunternehmen abgebrochen, weil sie merkte, dass sie reale Probleme lösen und nicht nur theoretisch arbeiten wollte. Bevor sie zu SLN kam, arbeitete sie zunächst in diversen Startups und in einem Konzern, erlebte Silos, produzierte Quartalszahlen. Ohne das Gefühl zu haben, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. „Ich habe auf LinkedIn mein Profil auf ‚Open to Work' gestellt und keine zwei Stunden später hatte ich ein Angebot von Lars, mit dem ich fast zehn Jahre zuvor in einem Coworkingspace Tür an Tür gearbeitet hatte", erzählt sie. Nun hat sie die Leitung des Marketings übernommen. „Ich sehe den Effekt meiner Arbeit sofort. Ich bekomme schnell Feedback aus dem wahren Leben von echten Menschen. Das ist wirklich motivierend.“
„Ich könnte nicht in einem Konzern mit ewigen Entscheidungswegen arbeiten, wo ich erst sieben Leute fragen und mir drei Stempel abholen muss. Bei uns arbeiten wir partizipativ, jeder kann sich einbringen."
Lisa Büchner, Customer Success Lead bei Stadt.Land.Netz
Lisa wiederum hat Gartenbau studiert. Das Fach mochte sie, die Perspektive, später einen Betrieb auf dem Land zu führen, weniger. Also hat sie sich in ihrem Studium breiter aufgestellt und u.a. BWL, Marketing und Projektmanagement belegt. Nach dem Abschluss suchte sie einen Job, der zu ihren Stärken passt. Nach einer Zwischenstation in einem Unternehmen, das für sie keine gute Arbeitsumgebung war, hat sie ihn bei SLN gefunden. Sie fing dort als Customer Success Managerin an, heute ist sie Customer Success Lead. In ihre Rolle ist sie hineingewachsen und wurde aktiv dahin entwickelt. Als Lars ihr die neue Leitungsrolle anbot, war ihre erste Reaktion: Herausforderung. Ihre zweite: Freude. „Leitung auf Augenhöhe und sich gegenseitig zu unterstützen, das macht mich glücklich und stolz“, sagt sie.
Wer Software an die öffentliche Hand und an Verkehrsunternehmen verkauft, braucht allerdings auch Geduld. Lange Entscheidungswege, Ausschreibungen, Ansprechpartner, die wenig Interesse an Veränderung haben; auch das gehört zum Alltag der drei. „Was mich nervt, sind diese alten, eingefahrenen Strukturen. Aber genau deshalb bin ich hier. Weil wir die Möglichkeit haben, Dinge neu zu denken“, sagt Anne. Und Lisa ergänzt: „Man muss viel Feingefühl haben, um Menschen dazu zu bringen, auch mal etwas Neues zu probieren. Aber oft merkt man auch: Die sind dankbar, wenn es funktioniert.“
Es gibt natürlich auch die Gespräche mit Unternehmen und Aufgabenträgern, die weniger zufriedenstellend verlaufen, wie Jessica erzählt: „Wenn ich mit einem alteingesessenen Unternehmer über meine Kompetenz diskutieren muss statt über deren Probleme und mögliche Lösungen, ist das oft nervig und herausfordernd.
Alle drei beschreiben ihre Arbeit als sehr sinnstiftend und erfüllend.
„Unser Kundenservice ist unsere Superpower. Man muss sich nicht erst durch einen Entscheidungsbaum durchtelefonieren und hat sofort jemanden aus unserem Unternehmen dran. Wir haben ganz kurze Entscheidungswege. Wenn ein Kunde sagt, er würde eine Liste gerne nach einem bestimmten Kriterium filtern können, dann geht man fünf Meter weiter und lässt das umsetzen. We truly care klingt immer so cheesy, aber wir meinen das wirklich ernst."
Jessica Braig, Sales Managerin bei Stadt.Land.Netz
Lisa erlebt das täglich im Customer Success. „Wir hören wirklich zu. Viele Produkte am Markt sind starr und bilden die Realität der Verkehrsunternehmen nicht ab. Wir versuchen, genau da anzusetzen, wo es im Alltag hakt.“
Und gerade deshalb braucht es Menschen wie Lisa, Jessica und Anne, die von außen draufschauen und sich fragen, warum Dinge eigentlich so sind wie sie sind – und ob es nicht eine Alternative gibt.
Für Jessica ist klar, warum sich das lohnt. „Jede Woche passiert etwas Neues, ich lerne ständig dazu.“ Manchmal seien es aber gar nicht die großen Meilensteine, sondern die kleinen Augenblicke im Team, wie Jessica es beschreibt: „Es gab einen Moment zwischen uns, wo wir gemerkt haben: Jetzt haben wir genau den Sweet Spot gefunden, wo wir richtig gut miteinander arbeiten können. Da haben wir uns angeguckt und alle drei gemerkt: Das ist größer und nachhaltiger als alles andere."


Kommentare