Wir brauchen weltweit inklusive und nachhaltige Mobilität

Itzel Garcia Mejia setzt sich dafür ein, dass die Welt in Sachen umweltfreundlicher Mobilität voneinander lernt. Nicht nur die Schwellenländer von Europa. Auch umgekehrt.


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Die Diskussion um umweltfreundliche und inklusive Mobilität sowie über nachhaltige Stadtplanung wird manchmal sehr akademisch und oft nur in bestimmten Kreisen geführt. Dabei sind Urbanisierung und Mobilität längst nicht mehr nur die Sache von Metropolen wie Berlin oder London. Sie sind globale Megatrends, wie auch das Zukunftsinstitut bestätigt:


„Immer mehr Menschen leben weltweit in Städten und machen sie zu den wichtigsten Lebensräumen der Zukunft. Städte sind mehr als Orte – sie sind hyperkomplexe, dynamische Systeme, wichtige Problemlöser globaler Herausforderungen, kreative Zentren der pluralistischen Gesellschaft, Knotenpunkte der globalisierten Wirtschaft und zunehmend auch mächtige politische Akteure.“

Zukunftsinstitut über Megatrend Urbanisierung



Weil immer mehr Menschen in den Städten leben, wird der Wohnraum knapp, und die Mieten und das Verkehrsaufkommen steigen. Diejenigen, die sich die Mieten in den Innenstädten nicht leisten können, verursachen durch ihr Pendeln auch mehr Verkehrsstaus im Umland.


Urbanisierung bedingt zunehmendes Verkehrsaufkommen

Schon jetzt leben mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2050 werden es fast 70 Prozent sein, was bedeutet, dass rund 6,5 Milliarden Menschen Mobilitätslösungen benötigen werden. Die Urbanisierung beeinflusst also auch direkt das Mobilitätsverhalten der Menschen. Und das weltweit.


Die Mobilität von morgen wird definiert durch das Ineinandergreifen von Arbeit, Wohnen und Freizeit. Von A nach B zu kommen, reicht künftig nicht mehr aus – entscheidend in einer multimobilen Welt sind: Erlebnis, Nachhaltigkeit und Gesundheit.

Zukunftsinstitut über Megatrend Mobilität


Eine, die sich dafür einsetzt, Mobilität weltweit umweltfreundlicher und inklusiver zu gestalten, ist Itzel Garcia Mejia. Sie stammt aus Mexiko-Stadt und studierte Bauingenieurwesen in Mexiko sowie in Polen und absolvierte ihren Masterstudiengang in Urban Management mit dem Schwerpunkt nachhaltige Mobilität in Deutschland. Derzeit lebt und arbeitet sie als Expertin für nachhaltige Mobilität und unabhängige Beraterin beim Cities Forum und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Berlin.


Wissen jenseits der Mobilitätsblase weitergeben

Garcia Mejia ist unter anderem am Projekt „Transformative Urban Mobility Initiative“ (TUMI) der GIZ beteiligt. Das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Auftrag gegebene Projekt fördert innovative Pilotprojekte zur urbanen Mobilität. Die Ziele des Projektes:

  • die Umsetzung einer nachhaltigen städtischen Verkehrsentwicklung

  • die Eindämmung des Klimawandels durch die Mobilisierung von Finanzmitteln

  • beschleunigter Aufbau von Kapazitäten und die Förderung innovativer Ansätze

TUMI schult und befähigt außerdem Führungskräfte aus Entwicklungs- und Schwellenländern, damit sie das notwendige Wissen, um eine nachhaltige urbane Mobilität zu schaffen, in die Politik und zu den Investoren tragen.


„Menschen, die in der Mobilitätsbranche arbeiten, Stadtplaner und politische Entscheidungsträger aus den zuständigen Ministerien diskutieren bereits darüber, was wir für eine Verkehrswende brauchen. Aber das Konzept muss auch darüber hinaus bekannt werden. Wir wollen Studierende und Bürgerinnen und Bürger ebenso informieren wie Praktiker oder CEOs - und das weltweit."


Itzel Garcia Mejia



Die drei Grundvoraussetzungen für eine nachhaltige, umweltfreundliche Mobilität sind Garcia Mejia zufolge:


  1. Vermeiden/Reduzieren: Städte müssen kompakter gestaltet bzw. (neu) entwickelt werden. Durch die Verbindung und Vermischung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitquartieren werden Wege kürzer und Menschen sind seltener auf ein Auto angewiesen.

  2. Verlagerung/Aufrechterhaltung: Die Mobilität muss von den energieintensivsten und umweltschädlichsten Verkehrsträgern (d. h. Autos) auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel (d. h. aktive Mobilität und öffentliche Verkehrsmittel) verlagert werden.

  3. Verbessern: Die Fahrzeug- und Kraftstofftechnologien müssen verbessert und umweltfreundlicher werden. Die betriebliche Effizienz des öffentlichen Verkehrs muss optimiert und seine Attraktivität gesteigert werden.


Das sei besonders in den Schwellenländern wichtig; aber natürlich auch in Europa, sagt Mejia. Entsprechend sind im Rahmen von TUMI seit 2016 mehr als 60 Infoveranstaltungen durchgeführt und mehr als 50 Publikationen veröffentlicht worden. Außerdem investierte TUMI bisher mehr als zwei Milliarden Euro in nachhaltige Mobilitätsprojekte in Partnerländern des BMZ.



Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen bei der GIZ setzt sich Mejia nicht nur für eine nachhaltige Mobilität ein, sondern vor allem für eine inklusive Mobilität für alle. "Wir brauchen Mobilitätslösungen, die für alle funktionieren: Frauen, Männer, ältere Menschen, Kinder und Menschen mit körperlichen Einschränkungen."

Hier können die einzelnen Länder viel voneinander lernen. "Nicht nur Schwellenländer wie Brasilien, Indien oder afrikanische Länder von Europa - auch umgekehrt: Europa kann auch viel von Südamerika, Asien oder Afrika lernen", sagt Garcia Mejia.


Busse haben in Südamerika Vorfahrt


BRT (Bus Rapid Transit Systeme) zum Beispiel sind in Lateinamerika entstanden. Bei diesen Bussen handelt es sich um kosteneffiziente Dienste mit Kapazitäten auf Metro-Niveau, die auf einer eigenen Spur fahren und daher nicht im Stau stecken bleiben. Die Erschwinglichkeit und die Vorfahrt dieser Busse sollen die Attraktivität dieser Form des öffentlichen Verkehrs erhöhen.

In Lateinamerika erfreuen sich auch so genannte Seilbahnen zunehmender Beliebtheit, da sie Menschen aus geografisch und sozial benachteiligten Stadtteilen auf integrative, erschwingliche und umweltfreundliche Weise befördern, sagt Garcia Mejia.

"Seilbahnen sind ein wichtiges Verkehrsmittel, das ungeplante einkommensschwache Viertel in Medellín mit dem öffentlichen Nahverkehr und den Vierteln, in denen die Menschen zur Arbeit gehen, verbindet."


Im Gegensatz dazu spiele das Radfahren in Südamerika kaum eine Rolle, so Mejia. In ihrem Heimatland Mexiko gebe es so gut wie keine Radwege, sagte sie.

Dennoch fahren weniger als 22 Prozent der Bevölkerung im Großraum Mexiko-Stadt mit dem Auto. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 22 Millionen sind das aber immer noch 4,8 Millionen Autos, die die Stadt verstopfen.


"In Mexiko gibt es noch keine Kultur des Radfahrens - und es ist auch sehr gefährlich, sowohl wegen verkehrsbedingter Unfälle als auch wegen der Kriminalität."

Itzel Garcia Mejia


Auch Kinderwagen, Rollstühle oder Rollatoren seien in der Stadtplanung offenbar nicht vorgesehen, sagt Garcia Mejia: Die Bürgersteige seien sehr schmal und voller Barrieren, Aufzüge zu den U-Bahnen existierten nicht oder funktionierten nicht richtig, und es gebe immer noch "Fußgänger"-Hochbrücken, die Autos den Vorrang vor Menschen geben.


Was Europa von Asien, Afrika und Lateinamerika lernen kann


Fahrräder sind in öffentlichen Verkehrsmitteln verboten - außer am Sonntagmorgen. Zu dieser Zeit finden in Städten wie Mexiko-Stadt und Bogotá Programme für den Freizeitradverkehr statt. Dann sind die Hauptstraßen der Städte ausschließlich für den nicht motorisierten Verkehr - vor allem für Radfahrer - da. In Mexiko-Stadt nehmen jede Woche mehr als 20.000 und in Bogotá mehr als 1,5 Millionen Menschen daran teil. "Ich finde das großartig. In Berlin gibt es auch ähnliche Projekte, die aber nur sporadisch und nur auf Nebenstraßen durchgeführt werden. In Mexiko-Stadt und Bogota findet es jeden Sonntag auf den Hauptstraßen statt."


Garcia Mejia sagt, die westliche Welt könne sich auch ein Beispiel an den reinen Busspuren und dem informellen Verkehr in den so genannten Schwellenländern nehmen. Sie nennt unter anderem die Tuk Tuks und Matatus aus den asiatischen und afrikanischen Städten. Die seien vor allem im Hinblick auf die letzte Meile und die integrative Mobilität (z. B. zur Berücksichtigung der Mobilitätsmuster von Frauen) interessant.

Manche Herausforderungen seien dagegen auf allen Kontinenten ähnlich: Ticketing- und Tarifsysteme sind vieler Orten undurchsichtig und Frauen fühlen sich in öffentlichen Verkehrsmitteln oft nicht sicher. "Sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln ist in Lateinamerika ein großes Problem. Nicht dass es in Berlin nicht auch vorkommt, aber es ist nicht vergleichbar". erzählt Garcia Mejia. Dementsprechend wird in Südamerika mit Kampagnen versucht, Männer aufzuklären und zu sensibilisieren, wie Frauen öffentliche Verkehrsmittel wahrnehmen.


Für die Mobilitätswende, so Garcia Mejia, spielt auch die Sicherheit und die Wahrnehmung von Sicherheit eine Rolle:

Mobilität muss für alle funktionieren - und alle müssen sich mit den angebotenen Mobilitätslösungen wohlfühlen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung, vor allem von Städten und Verkehrsunternehmen, aber auch die Einbeziehung von Forschern und der Zivilgesellschaft.

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