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„Wenn die Wege für Kinder sicherer sind, ist es auch für alle anderen sicher."

Damit Kinder sicher mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule kommen, gibt es den digitalen Schulwegplaner. schulwege.de ist eine deutschlandweite Plattform der Initiative für sichere Straßen und 2025 mit dem Innovationspreis der deutschen Mobilitätswirtschaft ausgezeichnet worden. Wir haben mit Projektleiterin Michaela Grahl über Risiken auf den Straßen, Dunkelziffern und Schulwegsicherheit gesprochen.


Porträt einer lächelnden Frau mit schulterlangem, leicht gewelltem, hellbraunem Haar und Brille, die mit verschränkten Armen auf einer Straße steht. Sie trägt einen grünen Blazer über einem weißen Oberteil; im Hintergrund sind unscharf parkende Autos und herbstliche Bäume zu sehen.
Michaela Grahl, (Foto Jörn Wolter)

Vor vielen Schultoren stauen sich morgens und nachmittags die Elterntaxis. Und auch jenseits des Eingangsbereichs ist viel los: Zu Fuß, mit dem Rad oder aus dem Bus kommend müssen Kinder täglich Verkehrssituationen meistern, die für sie unübersichtlich oder sogar gefährlich sein können.

Genau hier setzt schulwege.de an. Die Plattform bündelt offizielle Unfalldaten, ergänzt sie um Pkw-Sensordaten und macht über die Crowd jene kritischen Stellen sichtbar, die in der Statistik oft fehlen. Über eine Routingfunktion können Eltern bei schulwege.de gemeinsam mit ihren Kindern die sichersten Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad planen. Grundlage hierfür ist eine digitale Karte, die Gefahrenstellen berücksichtigt und die sicherste Route zur Schule anzeigt.


Für diesen Ansatz wurde der digitale Schulwegplaner im November 2025 mit dem Sonderpreis „Jugendverkehrssicherheit“ des Innovationspreises der deutschen Mobilitätswirtschaft ausgezeichnet. Der Sonderpreis „Jugendverkehrssicherheit“ wird für Projekte, Produkte, Initiativen oder Einzelpersonen ausgelobt, die sich in besonderem Maße und mit innovativen Ansätzen für die Verkehrssicherheit junger Menschen engagieren.

„Wir freuen uns irre über den Preis für Schulwege.de. Wir setzen uns seit Jahren für Verkehrssicherheit ein, und besonders die Sicherheit auf dem Schulweg war uns immer ein wichtiges Anliegen. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass das Thema leider nicht überall die Priorität hat, die wir uns wünschen würden. Umso mehr hoffen wir jetzt, durch die Auszeichnung mehr Aufmerksamkeit für unsere Arbeit zu bekommen", sagt Michaela Grahl. Sie leitet das Projektmanagement bei der Initiative für sichere Straßen GmbH und ist für die Plattform schulwege.de verantwortlich.


Vier Männer in Anzügen stehen nebeneinander auf einer Bühne vor einer Steinwand und lächeln in die Kamera. Einer hält eine geöffnete Urkunde, ein anderer eine gläserne Trophäe. Vor ihnen steht ein Blumenkübel, im Hintergrund sind zwei Aufsteller mit der Aufschrift „Innovationspreis“ zu sehen.
Arno Wolter, Geschäftsführer der Initiative Sichere Straßen (2.v.r.) mit dem Sonderpreis „Jugendverkehrssicherheit“ in der Frankfurter Pauls Kirche

Auslöser für die Gründung der Plattform war der Fahrradunfall eines Kindes auf dem Weg zur Schule, erzählt Michaela. Menschen in der Umgebung kamen sofort zu den Eltern und sagten, dass dies eine bekannte kritische Stelle sei – hier quietschten täglich die Reifen. „Zum Glück ist der Unfall recht glimpflich ausgegangen."

Weil nicht genügend offizielle Unfalldaten vorlagen, konnte die Kommune aber nicht handeln. Damit eine Kommune zum Beispiel Tempolimits veranlassen kann, müssen eine gewisse Anzahl von offiziell gemeldeten Unfällen an einer Stelle vorliege. Oft sind es drei Unfälle in drei Jahren. Diese sogenannte Unfallhäufungsstellen-Definition ist in der Straßenverkehrsordnung verankert

Viele Schulwegunfälle werden allerdings gar nicht polizeilich erfasst. Kinder fahren geschockt zur Schule oder melden Unfälle erst im Nachgang. Allgemein gebe es im Rad- und Fußverkehr eine hohe „Dunkelziffer", wie Michaela erklärt. Genau hier setzt schulwege.de an. Statt auf offizielle Unfalldaten zu warten, macht die Plattform die bekannten, aber in der Statistik verborgenen Gefahrenstellen sichtbar.


schulwege.de nutzt offizielle Unfalldaten vom Statistischen Bundesamt und kombiniert sie mit anonymisierten Daten zu sicherheitskritischen Pkw-Fahrmanövern wie scharfes Bremsen oder Ausweichen von Versicherungsunternehmen; sogenannten Versicherungstelematiktarifen, mit denen Autofahrende bei guter Fahrweise bessere Konditionen erhalten können. Zusätzlich können Bürgerinnen und Bürger über Portale wie Gefahrenstellen.de und schulwege.de selbst Probleme melden. „Was uns interessiert, sind nicht einzelne Ereignisse", erklärt Michaela, „das kann ja Zufall sein. Aber wenn es Häufigkeiten gibt, dann schauen wir uns das an und machen es im Schulwegplaner sichtbar."

Über fünf Jahre hinweg entwickelte Michaela und das Team der Initiative für sichere Straßen gemeinsam unter anderen mit Projektpartnern wie dem Institut für Straßenwesen an der RWTH Aachen und der Deutschen Hochschule der Polizei einen Algorithmus, der auch Verzerrungen in den Daten berücksichtigt. Der Algorithmus schaut, wo viele Menschen etwas melden und wie sich das durch Crowdsourcing selbst bereinigt. Gleichzeitig gibt es Unter- und Obergrenzen: kein rotes Gefahrenfeld ohne zusätzliche Datengrundlagen.

Um die Validität zu prüfen, führte das Team zusammen mit den Projektpartnern mehr als 300 Ortsbegehungen durch. Die Erkenntnis: Die allermeisten Meldungen, die über die Plattform kamen, waren sehr fundiert. „Wenn man nach Schulweggefahren fragt, wissen die Leute, worum es geht, und nehmen das Thema auch entsprechend ernst", so Michaela.


Eltern und, Kinder und Schulen können den digitalen Planer deutschlandweit mit einer Begrenzung von zehn Routenabrufen pro Tag kostenlos nutzen. Das Routing-System funktioniert für sie auch unabhängig davon, ob ihre Kommune offiziell dabei ist oder nicht. Im kostenpflichtigen Lizenzmodell für Städte und Gemeinden enthält der Plan zusätzlich bspw. die Lage von Ampeln, Zebrastreifen und Bushaltestellen. Standorte von Schülerlotsen, Informationen zu Laufgruppen, die morgens gemeinschaftlich zur Schule gehen oder zum Notinsel-Projekt, bei dem Geschäfte als erste Anlaufstelle für Kinder in Notfällen zur Verfügung stehen, können von der Kommune selbst eingetragen werden.


„Mobilität muss ja gelernt werden. Und mit dem Schulwegplan soll man alle Informationen erhalten, die dafür notwendig sind – die beste Route raussuchen, aber auch Hilfestellung finden, wo Ampeln sind, wo Zebrastreifen sind. Und jetzt bei der digitalen Anwendung hat man auch den Vorteil, dass man auch andere Projekte wie Laufgruppen noch mit integrieren kann."

Michaela Grahl, Leiterin Projektmanagement Initiative für Sichere Straßen


Das Team hinter schulwege.de ist eher klein, „Bis auf die Programmierung macht man hier als Projektmanagerin eigentlich fast alles“, sagt Michaela und lacht. Sie selbst koordiniert unter anderem die Forschungsprojekte. Das macht ihr Spaß.

Auch die Rückmeldungen bestätigen sie in ihrer Arbeit: Eltern fühlen sich ernst genommen. Die Tatsache, dass es ein digitales, intuitives Tool gibt, schafft das Gefühl, dass die Kommune sich um das Thema kümmert. Und genau das kann einen Unterschied machen: „Vielleicht überlegen sich die Eltern, das Kind doch zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule zu bringen, wenn sie sehen, dass es sichere Strecken gibt.“ Deshalb wünscht sie sich von der Politik und natürlich auch den Kommunen, dass Schulwegsicherheit endlich höher auf die Agenda kommt. Sie beobachtet bereits eine Bewegung – Baden-Württemberg etwa hat verpflichtende Schulwegpläne, andere Bundesländer empfehlen sie immerhin.

„Wenn die Wege für Kinder sicherer werden, dann ist es auch für alle anderen sicherer, und dann ist es auch viel lebenswerter", sagt Michaela. Sie verweist auf europäische Städte wie Helsinki oder Copenhagen, die bereits viel mehr investiert haben – und wo es zu deutlich lebenswerten Stadtbereichen geführt hat. “Alle reisen jetzt dahin und sagen: Was sind das für wunderschöne Städte? Da würde ich mir wünschen, dass sich die Entscheidungsträger hier in Deutschland mehr abschauen.“

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