Wie entsteht eigentlich ein Fahrplan?

Immer am zweiten Wochenende im Dezember stellen die europäischen Bahnen einen neuen Fahrplan für den Regional- und Fernverkehr vor. Wir wollten wissen, wie eigentlich so ein Fahrplan zustande kommt und wieso es jedes Jahr einen neuen gibt.

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Alle Jahre wieder - immer am zweiten Sonntag im Dezember - tritt bei der Deutschen Bahn ein neuer Fahrplan in Kraft. Aber nicht nur die Deutsche Bahn, auch die ÖBB, die SBB und die anderen Bahnen im benachbarten Ausland stellen ihre Fahrpläne zu diesem Zeitpunkt um; genauso wie die Regionalbahnen.


Der Fahrplan, der jetzt am Wochenende in Deutschland in Kraft getreten ist, ist das Ergebnis von rund 18 Monaten Planung. Mehr als 600 Menschen arbeiten in Deutschland an dem Plan: Mitarbeitende von der DB Netz AG, Angestellte der deutschen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU), aber auch Expert:innen der EVU aus dem benachbartem Ausland.

Zunächst stimmen sich die Planer:innen auf internationaler Ebene ab. Wenn ein Zug beispielsweise von Frankfurt aus über München, Salzburg und Wien nach Budapest verkehrt, muss zuvor vereinbart werden, wann der Zug welche Grenze passiert. Im nächsten Schritt werden die Gleise festgelegt, auf denen die Züge aus dem Ausland ankommen - und wann und wo ihre Anschlusszüge weiterfahren. Erst wenn dieser Plan für die Fernverkehrszüge steht, kommen die nationalen EVU ins Spiel.


Für NRW zum Beispiel sitzen Vertreter und Vertreterinnen von Abellio Rail NRW, DB Regio NRW, Keolis Deutschland, National Express, NordWestBahn, Regiobahn, Rurtalbahn, Transregio, VIAS Rail und WestfalenBahn mit am Tisch. Sie alle bringen ihre Bedürfnisse, Wünsche - und Baustellen - mit.

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Auch Ferien, verlängerte Wochenenden und regionale sowie nationale Feiertage werden berücksichtigt. Weil die Verkehrsunternehmen nicht jede Baustelle und jede regionale Großveranstaltung auf dem Schirm haben können, bestellen Bund und Länder die entsprechenden Verbindungen - und finanzieren sie auch. Auch Schulen, kleinere Gemeinden und Verbände sowie Kammern geben den EVU ihre Fahrplanwünsche mit.

 

In Nordrhein-Westfalen gibt es seit 1998 den sogenannten Integralen Taktfahrplan (ITF). ist Der ITF ist ein Fahrplanmodell, bei dem nicht mehr für jede Linie einzeln geplant wird, sondern die Taktfahrpläne unterschiedlicher Bahn- und Buslinien integriert und aufeinander abgestimmt werden. In NRW sind das immerhin 120 Linien des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV). Mittlerweile arbeitet das sogenannte Kompetenzcenter Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF NRW) am sogenannten NRW-Takt.

 

All diese regionalen Pläne, Anforderungen und Wünsche müssen jetzt mit dem bestehenden Fernverkehrsplan - und den Plänen des Güterverkehrs überein gebracht werden. Denn ICEs, ICs, Güterbahnen und Regionalverkehr teilen sich streckenweise die Gleise. Außerdem müssen bei der Planung noch die Fahrgastzahlen und -muster sowie Infrastrukturbedingungen berücksichtigt werden:

  • wie viele Menschen fahren wann von wo nach wo?

  • wie lange brauchen die Menschen an einem Bahnhof wie Essen zum Ein- und Aussteigen?

  • und wie lange in Wuppertal-Oberbarmen?

  • wie schnell kann ein Zug auf einem bestimmten Streckenabschnitt maximal fahren?



Im Februar 2021 haben die Verkehrsunternehmen der DB Netz AB, der die Gleise in Deutschland gehören, gemeldet, welche Linien sie 2022 wo fahren sollen. Trassenanmeldung nennt sich das Procedere. Bis zum zweiten Montag im April müssen alle Trassenanmeldungen bei der DB Netz vorliegen, denn danach beginnt die Arbeit am vorläufigen Netzfahrplanentwurf. Software berechnet dann anhand des Fernverkehrsplans, der Pläne des Güterverkehrs und der Trassenamledungen die bestmögliche Kombinationen. Das dauert rund zwei Monate.


Jeweils am ersten Montag im Juli wird der vorläufige Plan den Verkehrsunternehmen vorgelegt. Diese haben nun einen weiteren Monat Zeit, etwaige Änderungswünsche mitzuteilen.

Ende August steht dann der fertige Fahrplan mit allen eingegangenen Korrekturen. Dieses sogenannte Trassenangebot der DB Netz können die Verkehrsunternehmen jetzt annehmen oder ablehnen. Erst danach erhalten die kommunalen Verkehrsunternehmen wie Rheinbahn, DSW21, Bogestra, Wupsi oder KVB den endgültigen Netzplan, damit sie ihre eigenen Fahrpläne darauf abstimmen können.

Wenn dann am zweiten Sonntag im Dezember der große europäische Fahrplanwechsel stattfindet, stellen deshalb auch viele kommunale Verkehrsbetriebe ihre Fahrpläne um. Sonst fährt die Straßenbahn schon ab, bevor der ICE da ist oder der Bus kommt am Bahnhof an, lange bevor die Regionalbahn einfährt. Manche ziehen jedoch auch erst zum Jahreswechsel nach.


Fahrpläne geraten leicht aus dem Takt

Damit der Fahrplan reibungslos funktioniert, müssen aber nicht nur die Planer und Planerinnen ihre Arbeit machen. Sobald ein Zug nicht rechtzeitig bereitgestellt wird, der Lokführer krank wird, Personen im Gleis sind oder umgeknickte Bäume die Oberleitungen beschädigen, gerät das ganze System aus dem Gleichgewicht. Vergleichbar mit der Chaostheorie: ein knutschendes Pärchen, das in Passau die ICE-Tür blockiert, kann dafür sorgen, dass der RE1 von Aachen nach Hamm sowohl in Duisburg als auch in Leverkusen mehrere ICEs durchlassen muss und sich so um über eine halbe Stunde verspätet.




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