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"Wir helfen, die Verkehrswende zu kommunizieren"

Aktualisiert: 8. März

Neue Straßenbahnlinien, eine bessere Bustaktung, Reaktivierung von Schienenstrecken: viele Kommunen gehen ganz konkrete Verkehrswendeprojekte an. Steffi Gretschel und ihre Kolleg:innen helfen ihnen dabei, die Veränderungen zu kommunizieren. Mit uns hat sie über die Bedeutung von datengestützter Kommunikation in der Mobilität gesprochen.


Foto: Lots*


Die Verkehrswende setzt auf Maßnahmen wie Verkehrsvermeidung und Verlagerung auf die Schiene, während der Verkehrswegeplan gleichzeitig auf den Neu- und Ausbau von Fernstraßen in Deutschland abzielt. Derartige Projekte – sei es die Reaktivierung von stillgelegten Bahnstrecken, die Einführung neuer Buslinien oder der Ausbau von Infrastruktur egal welcher Art – gelingen nur, wenn sie entsprechend kommunikativ begleitet werden. Und das so frühzeitig wie möglich. Nicht erst, wenn der erste Bagger rollt.

Damit alle, die von Infrastruktur- und Verkehrswendeprojekten betroffen sind, rechtzeitig informiert werden, beraten Steffi Gretschel und ihre Kolleginnen und Kollegen Kommunen, Verkehrsunternehmen sowie Verkehrsverbünde und Infrastrukturunternehmen bei der Kommunikation.

Ein Thema, das mich persönlich sehr umtreibt, ist die Frage, wie wir durch Kommunikation dafür sorgen können, dass die breite Öffentlichkeit bei den großen Transformationsprozessen unserer Kund:innen mitmacht. Oft machen bei Beteiligungsprozessen immer dieselben Heavy User mit, während die relevante Mehrheit nicht erreicht wird. Wie wir das ändern können, damit befasse ich mich seit einiger Zeit.

Steffi Gretschel, Kommunikationsberaterin bei Lots* Gesellschaft für verändernde Kommunikation mbH


Steffi hat Anglistik und Kommunikationswissenschaft sowie Germanistik/Deutsch als Fremdsprache studiert und mehr als 15 Jahre Erfahrung im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit. 2022 wechselte sie zu Lots*, einer Kommunikationsberatung mit Sitz in Leipzig, Berlin, Dresden und Köln. Das Motto von Lots* Gesellschaft für verändernde Kommunikation mbH: Vertrauen in Veränderung. Steffi arbeitete dort als Beraterin mit Projektverantwortung im Bereich Infrastruktur, Akzeptanzkommunikation und Digitalkommunikation mit den Schwerpunkten Redaktion und Öffentlichkeitsarbeit. Bis sie aus familiären Gründen von Leipzig nach Shanghai zog.


Seit Mai 2023 ist sie jetzt in Shanghai – und arbeitet remote für die deutsche Kommunikationsberatung. „Ich war schon mal drei Jahre in Changchun und weiß daher, wie schwierig es ist, eine Arbeitserlaubnis für einen Job in China zu bekommen. Von der Sprachbarriere einmal ganz zu schweigen“, erzählt sie.

„Außerdem möchte ich in Deutschland gern anschlussfähig bleiben, denn momentan befinden wir uns in einem spannenden Wandel im Bereich Künstliche Intelligenz und datenbasierter Kommunikation. Also arbeite ich als freie Kommunikationsberaterin weiter für Lots* und berate verschiedene Unternehmen der Daseinsvorsorge, Verkehrsunternehmen, Betreiber:innen von Verkehrsinfrastruktur, aber auch Verkehrsverbünde und Kommunen bei den Themen Verkehrswende und Mobilität sowie Energiewende.“

Ihr Schwerpunkt ist die datengestützte Kommunikation. Anhand der existierenden Daten und Informationen – von Verkehrsaufkommen über Luftqualität und durchschnittliche Pendelstrecke bis hin zu Bevölkerungskennzahlen – bereitet sie die passenden Botschaften pro Zielgruppe auf. „Wenn man mit der Wirtschaft vor Ort spricht, sind andere Daten relevant als für Jugendliche vor Ort oder Pendler:innen. Mit Hilfe der jeweiligen Informationen kommen wir zu den Botschaften für die jeweilige Zielgruppe“, erläutert sie.


Wenn wir beispielsweise den Bau einer neuen Straßenbahn kommunikativ begleiten sollen, sprechen wir über eine ganze Menge unterschiedlicher Daten und Zielgruppen. Wie sind Verbindungsmuster, wie sieht es mit Barrierefreiheit aus, welche Daten sind denn hier relevant? Und wie kann man sie klug aufbereiten? Hier müssen Kommunen und Co. noch mehr in den Dialog mit der breiten Öffentlichkeit treten, um den Menschen zu erklären, was die Verkehrswende mit ihnen persönlich zu tun hat.

Steffi Gretschel, Kommunikationsberaterin bei Lots* Gesellschaft für verändernde Kommunikation mbH


Daten helfen Steffi und ihren Kolleg:innen nicht nur dabei, komplexe Themen für die Bevölkerung herunterzubrechen. Sie teste beispielsweise auch anhand von Daten, ob eine Botschaft bei einer bestimmten Zielgruppe gut ankomme oder ob eine andere Formulierung besser verfange.


Ohne gute Kommunikation keine Verkehrswende-Projekte

In Eschborn bei Frankfurt klagen drei Landwirte gegen das geplante Stadtbahn-Projekt "Regionaltangente West", weil sie befürchten, dass die Trasse wertvolle Ackerböden zerstören wird. Trotz eines Vermittlungsversuchs des Darmstädter Regierungspräsidiums deutet sich keine gütliche Einigung an. Der Konflikt besteht seit Jahren, die Fronten zwischen den Bauern und den Planern sind verhärtet. In Köln wird der Ausbau der Stadtbahnlinie1 aktuell parallel überirdisch als auch unterirdisch geplant. Beide Planungen werden von Bürgerdialogen und politischen Gremien begleitet. Umgesetzt wird letztlich das Projekt, das den meisten Zuspruch erhalten hat.

Die Beispiele unterstreichen die Bedeutung einer frühzeitigen Einbeziehung aller Betroffenen und einer effektiven Kommunikation, um mögliche Probleme bei Verkehrswende-Projekten zu identifizieren und zu lösen. Das sei nicht einfach, eine Faustregel gebe es nicht.


„Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen“, sagt Steffi. Deshalb nutzen sie und ihre Kolleg:innen ein eigens entwickeltes Modell für den Beratungsprozess, der fünf Schritte umfasst:

Identifizieren: Bestandsaufnahme im Projektumfeld

Analysieren: Basis für Strategie- und Umsetzungsplanung

Adressieren: Individualisierte Ansprache

Einbeziehen: Transparenter Dialog

Aktivieren: Anreize zum Mitmachen

Diese Herangehensweise gebe Orientierung, wo im Prozess man sich befinde und ermögliche die Evaluation und Anpassung von Maßnahmen. Außerdem solle es eventuelle Lücken im Beratungsprozess aufzeigen und helfen, diese zu schließen.

Die begleitende Kommunikation zu einem Mobilitätsprojekt beginnt im Optimalfall in Phase Null, also sobald die Idee entsteht. Nur so kann man gucken, wie sich alle Akteur:innen einbeziehen lassen und wo mögliche Konflikte entstehen könnten.

Steffi Gretschel, Kommunikationsberaterin bei Lots* Gesellschaft für verändernde Kommunikation mbH



Die richtige Mischung aus Sachlichkeit, Empathie und Krisenkommunikation

Steffis Job ist es, mit Hilfe gemeinwohlorientierter Datennutzung individuelle Strategien zu entwickeln und Beteiligungskonzepte zu konzipieren. Und diese iterativ anzupassen. Krisenkommunikation sei ebenfalls ein Thema, das in ihrem Arbeitsalltag immer wieder vorkomme.

„Wir versuchen, vor der Welle zu bleiben, Konflikten zuvorzukommen und Anwohnende und Bürgerinitiativen frühzeitig einzubeziehen.“ Dazu gehöre ein gutes Community-Management in den sozialen Netzwerken, wo diese Themen oft hitzig diskutiert werden.


Wichtig für ihren Job seien die Begeisterung für Mobilitätsthemen, Einfühlungsvermögen, Transparenz, Sachlichkeit – und starke Nerven. „Es ist wichtig, gut zuhören zu können und vor allem ehrlich zu beraten. Gute Kommunikationsfähigkeit und Empathie sind wichtig für den Job wie auch Konfliktfähigkeit im Sinne von Aushalten können. „Ich würde mich selber als eher harmoniebedürftig bezeichnen. Deshalb ist es mir wichtig, im Projekt einen gesunden Abstand zu halten, sonst könnten mir manche Dinge zu nahe gehen“, sagt sie. Denn ganz ohne Konflikte seien Verkehrswende-Projekte nie umsetzbar. „Aus Sicht der Betroffenen sehen Dinge oft anders aus als aus Sicht der Stadtplanung.“


Ihr Job sei es dann, für Akzeptanz zu sorgen. Nicht für Begeisterung. „Akzeptanzkommunikation zielt nicht darauf, dass am Ende alle happy sein müssen. Es geht oft um eine grundsätzliche Diskussion und den bestmöglichen Kompromiss.“ Auch auf Seiten der Auftraggeber funktioniere nicht immer alles reibungslos, erzählt sie. „Manchmal sind wir nur für die externe Kommunikation mandatiert, stellen aber ganz schnell fest, dass wir zunächst die interne Kommunikation glattziehen müssen, weil die den Prozess sonst behindern kann. Das muss man ansprechen können.“


Grundsätzlich seien sie und ihre Kolleg:innen sowohl im Hintergrund tätig als auch ganz vorne zu sehen. So visualisieren sie zum einen Daten und entwickeln Konzepte, zum anderen seien sie als Moderator:innen bei Bürgerdialogen und Infoveranstaltungen dabei.

„Wir sind unseren Kund:innen verpflichtet, aber natürlich auch der Sache an sich und der breiten Öffentlichkeit“, erklärt Steffi.

Entsprechend gehören auch Bürgerbeteiligungsformate zum Aufgabenbereich der Beratung.


Doch die Bürgerbeteiligung bei wichtigen Mobilitätsprojekten bleibt oft unter ihren Möglichkeiten, weil die Menschen die Möglichkeit zur Beteiligung nicht kennen.

Eine bundesweite repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag von Lots* in Zusammenarbeit mit dem VKU Verlag und der Zeitung für kommunale Wirtschaft zeigt, dass die Mehrheit der Befragten noch nie an lokalen Beteiligungsangeboten teilgenommen hat, wobei über 40 Prozent wenig oder keine Kenntnisse darüber haben. Frauen nehmen seltener an solchen Formaten teil als Männer.

Dabei sei das Interesse an Mitbestimmung und Gestaltung bei Veränderungen in Verkehr, Mobilität und Energiepolitik durchaus vorhanden. Die wichtigsten Motivationen für Beteiligung sind laut Studie Einflussnahme auf Entscheidungen, Mitbestimmung im eigenen Lebensumfeld und die Verbesserung der Lebensqualität vor Ort. Auch eine unabhängige Moderation ist für Teilnehmenden laut Umfrage ein entscheidendes Kriterium.

Umgesetzt werden könne zwar nie alles, was vorgeschlagen werde, aber in einem guten Beteiligungsprozess werden alle Stimmen gehört und anschließend analysiert, was machbar ist, sagt Steffi. „Beteiligungen sind ein Mittel der Demokratie. Das bekannt zu machen, ist eine unserer Aufgaben. Bisher ist da noch viel Luft nach oben“, sagt Steffi.


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