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"Der Preis spielt bei Mobilität nicht immer die dominierende Rolle“

vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

Carolin Bauder forscht am Future Mobility Lab des Instituts für Mobilität der Universität St. Gallen zu einer Frage, die im Mobilitätsdiskurs oft untergeht: Wann macht Mobilität eigentlich Spaß? Mit der neuen Studie "Positive Mobility" will sie mit dem Konsortium des Future Mobility Labs herausfinden, wie sich nachhaltiges Verhalten über Freude erreichen lässt.


Carolin Bauder vom Institut für Mobilität der Universität St. Gallen vor dunkelrotem Hintergrund.
Doktorandin Carolin Bauder vom Institut für Mobilität der Universität St. Gallen.

Wenn über Mobilität diskutiert wird, klingt es oft entweder nach Amtsdeutsch oder nach Ideologie: Debatten über Modal-Split-Quoten auf der einen, Verbotsdiskussionen auf der anderen Seite. Beides bringt eine nachhaltige, nutzendenzentrierte Mobilität für alle jedoch nicht wirklich weiter.

Das Future Mobility Lab (FML) der Universität St. Gallen schlägt deshalb mit seiner Studie einen anderen Weg ein: Gemeinsam mit rund 30 Partnern aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Verbänden untersucht das Team um Prof. Dr. Andreas Herrmann und Jürgen Stackmann, wie Mobilität aussehen muss, damit sie Menschen Spaß macht und gleichzeitig langfristig positive Effekte insbesondere auf Gesundheit, Umwelt und Mitmenschen hat.


Auch Women in Mobility ist Teil des Projekts. Wir bringen die weibliche Perspektive in die Studie ein, denn Mobilitätsbedürfnisse, -erfahrungen und -barrieren unterscheiden sich oft erheblich, wie auch dieses Erklärvideo von Mobilitätsexpertin Dr. Ines Kawgan-Kagan zeigt.


Erklärvideo von Dr. Ines Kawgan-Kagan vom AEM Institute zum Thema Gender & Mobilität

Wir haben mit Carolin Bauder über die Studie gesprochen. Seit Juni 2025 ist sie Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Mobilität (IMO-HSG) und forscht dort zur Rolle hedonistischer Werte in der Mobilitätswende.  Die aktuelle Studie ist aus zwei Vorgängerstudien entstanden.

Screenshot eines Blogartikels zur genannten zweiten Mobilitätsstudie zur betrieblichen Mobilität
Hier gehts zum Artikel über die zweite Studie zum Thema betriebliche Mobilität

In der ersten hat das FML das individuelle Mobilitätsverhalten verschiedener Haushalte untersucht, in der zweiten die berufliche Mobilität.

Das zentrale Learning aus beiden: Vernunft regiert unsere Mobilitätsentscheidungen in den meisten Fällen nicht alleine. Etwas anderes wirkt.


Verhalten lasse sich auf zwei Arten beeinflussen, erklärt Carolin: über positive Anreize oder über Regulierung und Verbote – sozusagen „Zuckerbrot oder Peitsche“. Aus dem ersten Ansatz ist die aktuelle Studie entstanden, für die das Team selbst einen neuen Begriff geprägt hat: Positive Mobility.


"Positive Mobility besteht aus kurzfristiger, freudvoller, spaßiger Wirkung, aber auch aus langfristig positiver Wirkung auf Gesundheit, Umwelt und Mitmenschen, sodass das Ganze nachhaltig gestaltet ist und langfristig trägt. Nicht rein hedonistisch nach dem Motto: Lebe im Moment, egal was morgen passiert."

Carolin Bauder, Doktorandin am Institut für Mobilität der Universität St. Gallen


Mobilität mache dann Spaß, so Carolin, wenn sie die Bedürfnisse trifft, die man gerade hat, und die vor allem positiven Erwartungen erfüllt werden, ohne dass negative Effekte das Ganze im Keim ersticken. Wenn der Bus pünktlich und sauber ist und die Fahrgäste nett; dann ist es angenehm, damit zu fahren.  

Die negativen Effekte, die den Spaß an Mobilität im Keim ersticken können - Carolin nennt sie Totschlagfaktoren - hat das Team gesammelt. Es beginne schon beim Zugang. Wer aus finanziellen oder körperlichen Gründen gar keinen Zugang zu einem Verkehrsmittel hat, kann an Mobilität grundsätzlich keine Freude entwickeln. Auch das Miteinander mit Mitmenschen spielt eine Rolle und das Autonomieempfinden.


Besonders deutlich zeige sich das im Fernverkehr, sagt Carolin: „Menschen fühlen sich im ICE bei Verspätungen ausgeliefert statt autonom. Am Steuer eines Autos ist das komischerweise anders, auch wenn sie dort genauso wenig an der Störung oder dem Stau ändern können.“ Die gute Nachricht: Das Autonomiegefühl lasse sich, vor allem durch Information, positiv beeinflussen. „Wenn die Deutsche Bahn bei Verzögerungen früh und transparent kommuniziert, schafft das Verständnis und erlaubt es den Fahrgästen, die Situation realistischer einzuschätzen und vielleicht eine andere Verbindung zu wählen.“

Auch im Straßenverkehr helfen heute Echtzeit-Updates etwa über Google Maps: Steht man nur im normalen Stau oder gibt es einen Unfall? Schon das verändere, wie eine Verzögerung erlebt wird.


Erst die Basis, dann der Spaß

Damit positive Mobilität überhaupt wirken kann, müssen laut Carolin erst Grundvoraussetzungen erfüllt sein: Sicherheit gehört dazu, ebenso die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst oder der Zugang zu einer Toilette.

Sie gibt ein Beispiel: „Beim Fahrrad ist es vor allem die Infrastruktur. Nur wer weiß, dass es heil von A nach B kommt, ohne an jeder Kreuzung um sein Leben bangen zu müssen, kann Freude am Radfahren entwickeln.“

 

Zusätzlich könne man Menschen aber auch über Marketing, Selbstbild oder Statusempfinden dazu motivieren, sich umweltfreundlicher von A nach B zu bewegen.


Ein besonders wirksamer Hebel ist das Bedürfnis nach körperlicher Betätigung. Studien zur sogenannten "Worthwhile Travel Time" zeigen, dass Fuß- und Radwege bei praktisch allen Nutzendengruppen am besten abschneiden. Einfach, weil Bewegung guttut und Endorphine ausschüttet. Selbst im öffentlichen Verkehr macht es zufriedener, wenn man den Weg zur Haltestelle zu Fuß zurückgelegt hat.

Carolin Bauder, Doktorandin am Institut für Mobilität der Universität St. Gallen

 

Beim motorisierten Individualverkehr sieht sie das Auto als "Paradebeispiel für unvernünftige Entscheidungen": Man bräuchte es oft nicht unbedingt, aber es mache vieles bequemer und vermittele Selbstständigkeit. Deshalb will das FML Sharing-Systeme attraktiver machen. Ein großer Hebel liege im Zugang zu Fahrzeugen, die man sonst nicht hätte. Der Transporter für den Umzug, das Cabrio fürs Wochenende, der Camper für den Urlaub. Ebenso wichtig sei ein Umfeld, in dem nachhaltiges Verhalten sozial belohnt und anerkannt wird, ergänzt um hedonische Anreize wie Status, Rabatte oder Bonusprogramme. In einem laufenden Pilotprojekt knüpft Carolins Team zum Beispiel nachhaltiges Carsharing an ein exklusives Erlebnis: wer eine bestimmte Kilometerzahl mit Sharing-Autos zurücklegt, erarbeitet sich eine Fahrt mit einem Sportwagen. Eine Incentivierung, die besonders Männer motiviere. "Wir haben bei diesem Projekt mit dem Sportwagenanreiz in der Bewerbungsphase beobachtet, dass sich zum überwiegenden Teil Männer beworben haben. Ob und wie Anreize für Frauen anders gestaltet sein müssten, wollen wir uns im weiteren Verlauf der Studie genauer ansehen", sagt sie.

Auch beim Sicherheitsempfinden zeigen sich in der Studie deutliche Unterschiede. Laut Carolin nutzen Frauen nachts seltener den öffentlichen Verkehr und legen auch weniger Wege zu Fuß zurück. Aus einem ausgeprägteren Unsicherheitsempfinden heraus wird entweder das Auto genutzt, das Taxi – oder die Person bleibt gleich zu Hause. Hinzu kommt die Lebenssituation: Wer mit Kindern unterwegs ist, für den fallen bestimmte Fortbewegungsformen weg oder werden schlicht unpraktisch.


Warum der Preis so selten entscheidet

Der Preis sei bei der Wahl der Mobilitätsform nur selten das ausschlaggebende Kriterium - zumindest bei Menschen, die zwischen mehreren Optionen wählen können. "Der Preis spielt nicht immer die dominierende Rolle, und das überrascht mich, weil gerade nachhaltige Anbieter oft über den Preis argumentieren. Aber das ist nicht unbedingt der dominierende Zielrahmen – sondern viel öfter der hedonische: Was macht mir jetzt in diesem Moment Freude?", erklärt Carolin. Das gelte allerdings vor allem, wenn überhaupt eine Wahlmöglichkeit besteht – bei fehlendem Zugang zu Mobilität bleibt der Preis natürlich ein entscheidender Faktor. Die ewige Diskussion - kostenloser ÖPNV für alle - greife deshalb zu kurz, sagt sie. Es brauche alle drei Säulen: normativ, ökonomisch und hedonisch.

 

Grafik zur Goal Framing Theory: Mobilitätsentscheidungen werden durch normative Ziele wie Nachhaltigkeit, ökonomische Ziele wie Effizienz und Nutzen sowie hedonische Ziele wie Genuss und Komfort beeinflusst.
Die Goal Framing Theory unterscheidet drei Faktoren, die unsere Mobilitätsentscheidungen prägen: normative, ökonomische und hedonische Ziele. © Future Mobility Lab

Viele Anbieter hätten ihre Kommunikation längst entsprechend angepasst: Sowohl die Deutsche Bahn als auch die BVG setzen inzwischen stark auf hedonische Kampagnen, die auf Coolness und Status abzielen statt auf den Preis. Wer möglichst viele dieser Faktoren gleichzeitig anspreche, habe den größten Hebel.

"Spaß, und auch selbst kleine Dinge, die im ersten Moment albern klingen mögen, können viel bewirken – auch bei Leuten, von denen man das gar nicht erwarten würde. Am Ende wollen wir doch alle einfach unser Leben angenehm und freudvoll gestalten."

Carolin Bauder, Doktorandin am Institut für Mobilität der Universität St. Gallen

 


 
 
 

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