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Fiets-Taxi Gent: Zwei Frauen bauen einen Mobilitätsservice mit sozialer Wirkung auf

vor 11 Minuten
4 Min. Lesezeit

Liesbet Colson und Saar Fivez wollten etwas gegen Einsamkeit im Alter tun und gleichzeitig eingewanderten Menschen helfen, in Gent Fuß zu fassen. Aus ihrer Idee entstand ein Radtaxi-Service, der Menschen verbindet, soziale Kontakte schafft und Mobilität ermöglicht, wo andere Angebote an ihre Grenzen stoßen.



Liesbet Colson und Saar Fivez, die Gründerinnen des Radtaxi-Services in Gent, sitzen lächelnd Rücken an Rücken auf der roten Sitzbank einer hölzernen Rikscha.
Liesbet Colson and Saar Fivez | Photo : Frank Toussaint

Seit 2022 bietet die städtische Einrichtung De Fietsambassade Gent* in Gent (Belgien) einen Haus-zu-Haus-Radtaxi-Service für Menschen mit eingeschränkter Mobilität an. Liesbet Colson und Saar Fivez riefen die Idee im Jahr 2021 in einem Stadteil von Gent mit einem kleinen Pilotprojekt ins Leben. Beide hatten schon länger den Wunsch, ein soziales Projekt zu entwickeln, um Alterseinsamkeit zu verringern und gleichzeiting Einwanderer:innen zu unterstützen. Das Angebot richtet sich hauptsächlich an ältere Menschen.

Als sich die Möglichkeit ergab, drei Dreiräder der Stadt Gent zu nutzen, entwickelten sie ihren Projektplan und stellten ihn der Stadt Gent vor. Im Jahr 2021 erhielten sie eine erste kleine Anschubfinanzierung von der Stadt Gent.


Während der Testphase stellten Saar und Liesbet ihr Angebot mehreren Leiter:innen von Tageszentren für ältere Menschen vor, die nach Ehrenamtlichen suchen, um Senior:innen zu ihren Terminen zu fahren. Die Leiter:innen waren begeistert: Es gab einen Mangel an Ehrenamtlichen, und die meisten Strecken waren kürzer als einen Kilometer. Dies war der Ausgangpunkt für die Entwicklung eines Netzwerks aus Tageszentren, Pflegeheimen, usw. Gleichzeitg entwickelten sie Partnerschaften mit Organisationen, die

die Integration von Einwanderer:innen unterstützen, um Ehrenamtliche zu gewinnen.


Heute verfügt der Service über einen Fuhrpark von zehn Rikschas und einem Rollstuhlfahrrad.

Eine Fahrt kostet für eine Strecke von maximal fünf Kilometern drei Euro. Für regelmäßige Kund:innen sind Zehnerkarten erhältlich. Die Fahrkarte kann bar oder mit einem QR-Code

bezahlt werden. Kund:innen können eine Fahrt telefonisch oder per E-mail reservieren. Die mehr als 100 Fahrerinnen und Fahrer arbeiten ehrenamtlich und werden für ihre Aufgabe entsprechen ausgebildet. Rund 30 Prozent der Freiwilligen sind Einwanderer:innen.


  • Eine Rikscha kann zwei Fahrgäste oder einen Fahrgast mit einem Klapprollator transportieren.

Eine Rikscha kann zwei Fahrgäste oder einen Fahrgast mit einem Klapprollator transportieren. Photo Martin Corlazzoli



Eine Lücke im Mobilitätsangebot schließen

Eine wesentliche Stärke des Services ist, dass es Bereiche erschließt, die durch traditionelle öffentliche Verkehrsmittel bzw. Taxidienste nicht bedient werden können. Der Schwerpunkt liegt auf kurzen Fahrten von Haus zu Haus sowie auf der Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten, beispielweise beim Einkaufen.


Der Service richtet sich an Menschen, für die bereits sehr kurze Strecken, von 200 Metern, eine große Herausforderung darstellen. Dadurch ist das Angebot eine wertvolle Alternative zu traditionellen Taxis, die für sehr kurze Fahrten oft zu teuer sind.


  • Ein Mann im Rollstuhl sitzt auf der Transportplattform eines speziellen Fahrrads, während eine läche

Das Rollstuhlfahrrad ist ein umgebautes Fahrrad, mit dem ein Fahrgast im

Rollstuhl transportiert werden kann. Der Fahrgast bleibt dabei in seinem Rollstuhl sitzen.

Photo Martin Corlazzoli


“Wir machen Fahrten möglich, die sonst einfach nicht stattfinden würden. Zum Beispiel bringen wir jeden Freitagmorgen ein Paar zum Markt oder eine Frau, die ihren Man in einem Pflegeheim 500 Meter die Straße hinunter besucht. Es ist nicht weit, aber körperlich können sie das nicht schaffen.”

Liesbet Colson, Mit-Gründerin des De Fietsambassade


Zusätzlich hilft die Initiative Einwanderer:innen dabei, sich in ihrer neuen Umgebung besser

zurechtzufinden. Sie lernen die Sprache, orientieren sich in der Stadt und knüpfen soziale Kontakte. Der Service baut somit eine Brücke zwischen Generationen und Kulturen.


Der dauerhafte Service

Nach erfolgreichen Testphasen und Gesprächen mit der Stadt wurde das Projekt 2022 als De

Fietsambassade dauerhaft etabliert. Durch De Fietsambassade erhielt das Projekt logistische und administrative Unterstützung, die dabei half, Herausforderungen zu bewältigen, sich weiterzuentwickeln und sukzessive zu wachsen. Zusätlich erhielt das Projekt 2023 eine Interreg Förderung und eine Förderung von der Stad Gent. Dadurch konnte der Service weiter ausgebaut werden.

Seit Beginn ist der Service kontinuierlich gewachsen: Die Zahl der järlichen Fahrten stieg von 5.807 im Jahr 2023 auf 8.702 im Jahr 2025, ein Anstieg um 49 Prozent.

Die Anzahl der einzelnen Fahrgäste stieg von 578 im Jahr 2023 auf 610 im Jahr 2025.

Die Zahl der Ehrenamtlichen, die den Service unterstützen, liegt inzwischen bei 101, gegenüber

70 im Jahr 2023.

Heute betreiben 2,5 Vollzeitmitarbeiter:innen den Fiets-taxi Service. Zusätlich gibt es einen Techniker für die Wartung der Fahrräder. Die Stadt Gent hat sich verpflichtet, den Service dauerhaft über ihren Mobilitätshaushalt zu finanzieren.



Ein ehrenamtlicher Fahrer fährt eine lächelnde ältere Frau in einer Rikscha mit rotem Verdeck. Die Frau sitzt bequem im Fahrgastbereich und hält einen Strohhut auf ihrem Schoß.
Der Radtaxi-Service in Gent ermöglicht älteren Menschen, soziale Kontakte zu pflegen.

Hat der Service sein Ziel, Alterseinsamkeit zu verringern, erreicht? Eine im Jahr 2024 durchgeführte Umfrage hat die sozialen Auswirkungen des Projekts gemessen:

  • 93 Prozent der Fahrgäste sagen, dass der Service fur sie unverzichtbar geworden ist.

  • 67 Prozent berichten, dass sie mehr soziale Kontakte haben.

  • 41 Prozent fühlen sich weniger einsam.




Einfach ausprobieren

Wie kann aus einer Idee ein funktionierender und dauerhafter Dienst entstehen? Die Antwort der Gründerinnen ist einfach: klein anfangen und einfach ausprobieren. Dafür entwickelten sie ein Konzept, das sie in der Praxis testen konnten. Während der Testphase bauten sie ein Netzwerk auf und sammelten wertvolle Erfahrungen darüber, wie das Service dauerhaft etabliert werden kann. Gleichzeitig wurde deutlich, auf welchen konkreten Bedarf das Angebot tatsächlich eine Antwort bieten kann.

Saar und Liesbet haben über die Jahre den Service und das Netzwerk sukzessive aufgebaut und damit einen notwendigen Mobilitätservice mit Sozialer Wirking verwicklicht. Ihr nächster Schritt ist nun, andere Städte dabei zu unterstützen, einen Rikschaservice zu entwickeln und einzuführen.


De Fietsambassade ist eine eigenständige Organisation der Stadt Gent, die das Fahrrad als

nachhaltiges Verkehrsmittel fördern und unterstützen will.


Sources:


Photos : Frank Toussaint, Martin Corlazzoli

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