Loslassen als Leadership: Die drei Geschäftsführerinnen von Women in Mobility geben ab, was sie aufgebaut haben
- womeninmobility
- 12. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Nach zehn Jahren Women in Mobility (WiM) geben die Gründerinnen Anke Erpenbeck, Coco Heger-Mehnert und Dr. Sophia von Berg die Geschäftsführung von WiM ab. Im Interview sprechen Sie über die High- und Lowlights aus den vergangenen zehn Jahren, Unternehmerinnengeist, Führung, Leadership, Loslassen und den Spirit von WiM.

Women in Mobility hat die Mobilitätsbranche in den vergangenen zehn Jahren nachhaltig verändert. Was als Vernetzungsidee begann, entwickelte sich zu einer starken Community mit mehr als 7000 Frauen, elf Hubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz, starken Kooperationen mit Hochschulen, Messen, Verbänden und Organisationen sowie großen internationalen Mobilitätsveranstaltungen wie der IAA und der Innotrans.
Nun vollziehen die drei Gründerinnen einen ungewöhnlichen Schritt: Sie geben die Geschäftsführung in einem basisdemokratischen Prozess ab. Ein Gespräch über Stolz und Loslassen, über die Kraft des Ehrenamts, über demokratische Übergabeprozesse und über ihre eigene Zukunft bei WiM.
WiM: Wie kam es dazu, dass ihr nach zehn Jahren gesagt habt: Wir geben die Geschäftsführung ab?
Anke Erpenbeck: In den 10 Jahren ist viel passiert bei uns dreien - beruflich und auch privat. Wir haben Women in Mobility im Ehrenamt zusammen mit vielen engagierten Frauen aufgebaut und 2021 dann die gemeinnützige UG gegründet. Dadurch kamen viele unternehmerische Aufgaben dazu. Bei unseren jährlichen Hubtreffen haben wir regelmäßig im großen Kreis über die Weiterentwicklung von WiM gesprochen.
Dabei haben wir drei letztes Jahr gemerkt, dass WiM neue Impulse braucht, um weiter in die richtige Richtung zu gehen. Wir haben uns mehrfach zusammengesetzt und sehr ehrlich gesprochen: Wo steht WiM? Welche Rolle spielt WiM? Welche Ziele haben wir für WiM?
Dr. Sophia von Berg: Diese Fragen können neu beantwortet werden, denn wir glauben, dass ein Wechsel in der Geschäftsführung für WiM einen Mehrwert bringt – ein Weiterkommen, ein Weiterdenken, ein Andersdenken. Es geht ums Loslassen. Das Loslassen unserer Idee und unserer Unternehmung. Ich habe mich zuletzt mehr als Verwalterin gefühlt, ich möchte wieder stärkerer Teil der Community werden.
Coco Heger-Mehnert: Ein tieferer Beweggrund für mich war, dass ich die gesellschaftspolitische Situation derzeit als kritisch ansehe, insbesondere die Gefährdung unserer Demokratie. Da blitzte schon häufiger das Fragezeichen auf: Wo möchte ich meine Energie einbringen? WiM steht auf starken Füßen. Strukturen und Prozesse sind so gut aufgebaut und stabil, dass eine Übergabe problemlos funktionieren kann. Zudem haben wir WiM nie so geführt, dass es auf unsere Personen zugeschnitten war. Es ist eine kollektive Identität, die durch das ganze Netzwerk geprägt ist. Beide Argumente haben mir und uns ein ruhiges Gefühl gegeben, einen Übergabeprozess ansteuern zu können.
Dr. Sophia von Berg: Und Wandel war auch immer ein wichtiger Baustein in unserem Wertekanon. Deswegen haben wir ganz viel Vertrauen in diesen Führungswechsel. Unser Loslassen ist eine Entscheidung fürs Fortbestehen. Wir haben WiM zehn Jahre lang mitgestaltet, aber haben es nie alleine getragen. Wir haben die Grundsteine gelegt, aber wir besitzen diese Organisation nicht. Wer Loslassen als Schwäche interpretiert, verwechselt Führung mit Besitz und Macht.
Coco Heger-Mehnert:Ein Wechsel schafft auch immer Bewegung für Innovationen. Wir erleben gerade ein Rollback beim Thema Diversity. So wird diese Innovationsfähigkeit jetzt gebraucht. Das kann ein neues Team, eine neue Leitung unterstützen.
WiM: Mit welcher Mission seid ihr vor zehn Jahren gestartet – und hat sich diese verändert?
Anke Erpenbeck: Damals sind wir mit dem Ziel gestartet, die Frauen in der Branche sichtbarer zu machen und zu vernetzen. Daraus hat sich das langfristige Ziel herauskristallisiert, den Frauenanteil in der Branche zu erhöhen. Bezüglich der Sichtbarkeit hat sich viel getan und auch der Frauenanteil in der Branche ist gestiegen. Aber wir haben noch keine Parität und es gibt leider immer wieder Negativbeispiele wie Events mit rein männerbesetzten Podien. Aber wir haben viel auf den Weg bringen können.
Coco Heger-Mehnert: Am Anfang machten wir es uns zur Aufgabe, das Netzwerk sichtbar zu machen, bei Veranstaltungen anzufragen, Frauen auf die Bühne zu bringen und in Unternehmen für Diversität zu überzeugen. Irgendwann haben wir in der Branche eine solche Bedeutung erlangt, dass ein Kipppunkt erreicht war. Nicht wir fragten an, wir wurden gefragt: als Teil einer Veranstaltung, als Hinweisgeber für Fachexpertinnen, für Forschungsprojekte, als Vermittlerin für Jobs bis hin zu Empfehlungen für Vorstandsposten.
Dr. Sophia von Berg: Und seit der Gründung der gemeinnützigen Organisation ist unser Zweck die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Mobilitätsbranche und zusätzlich haben wir einen Bildungsauftrag. Ich glaube, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, die Mission von WiM noch einmal zu schärfen. Wo setzt man einen Fokus? Wo wir mit Sicherheit noch mehr Einfluss nehmen könnten, ist die Politik. Das ist ein heißes Pflaster – wenn man sich dahin begibt, muss man viel Energie aufwenden, aber das könnte viel sichtbaren Output erzeugen. Ein anderes Thema wäre mehr Diversity. Auch wir müssen uns damit auseinandersetzen, denn Diversity hat noch viele andere Facetten über die Geschlechterfrage hinaus.
Coco Heger-Mehnert: Das Thema Diversity wird häufig in oberen Hierarchieebenen diskutiert, ist aber eine Frage, die sich durchzieht. Es war für uns eine klare Entscheidung ein Netzwerk über alle Hierarchieebenen und alle Mobilitätssparten hinweg – von der Auszubildenden bis zur Vorständin, inklusive Studierender und Interessentinnen für die Branche an sich. Das Thema Empowerment ist über die Jahre dazugekommen, auch durch WiMs, die in diesen Themen sehr stark sind. Warum über alle Mobilitätssparten? Weil wir schon zu Beginn stark an die Vernetzung von Mobilitätsanbietern geglaubt haben. Das Thema Nachhaltigkeit, verstanden im weiteren Sinne als Klimaschutz, ist immer mehr in den Vordergrund gerückt, sodass wir es in unseren Wertekanon aufgenommen haben. Was uns nicht ganz gelungen ist: Das Netzwerk selbst ist noch nicht divers genug. Wir haben z.B. noch zu wenig Leute aus dem Blue Collar-Arbeitsbereich im Netzwerk, das fehlt uns noch.
WiM: Was waren eure Highlights in den vergangenen zehn Jahren?
Coco Heger-Mehnert: Die WiM Winter School, die wir online über zwei Tage gemacht haben – ein Riesenkraftakt, aber eine berauschend interessante Veranstaltung mit enormer Themenvielfalt und Referentinnenvielfalt. Auch die Zukunft Nahverkehr in Berlin war eine Initialzündung, politisch stärker reinzugehen. Wir hatten Politikerinnen auf der Bühne und haben dort unser Postulat zur feministischen Verkehrswende vorgestellt. Und natürlich der Deutsche Mobilitätspreis im Jahr 2020. Aber Highlights sind auch ganz viele emotionale Momente von Treffen, wo riesige WiM-Tische entstanden sind, wo eine Vielfalt an engagierten Frauen mit so unterschiedlichen Hinter- und Beweggründen zusammenkam. Und natürlich unser Trio – wir sind quasi Drei-Generationen, etwa in Zehn-Jahres-Abschnitten auseinander. Das hat unsere Zusammenarbeit geprägt.
Anke Erpenbeck: Coco hat schon so viel genannt. Ein Event möchte ich aber noch hinzufügen: unseren ersten WiM Summit in Frankfurt. Dass wir so ein großes Event mit so vielen Frauen und so einer grandiosen Stimmung auf die Bühne stellen konnten – das war eins der großen Highlights meiner ganzen WiM-Jahre. Ich nehme aus diesen zehn Jahren Erfahrungen mit, die mich ein Leben lang begleiten werden: gemeinschaftliche Führung, ehrenamtliches Arbeiten und die vielen unglaublich inspirierenden Frauen, die ich kennengelernt habe.
Dr. Sophia von Berg: All diese Momente waren auch für mich Highlights. Gleichzeitig gab es eine zweite Ebene, die mir erst mit der Zeit bewusst wurde: Diese Arbeit war nie monetär motiviert. Wir haben ehrenamtlich gearbeitet, obwohl wir nach der Gründung durchaus ein Geschäftsführerinnengehalt hätten auszahlen können. Was uns getragen hat, war die Mission. Die intrinsische Motivation hat sich durch unser achtsames und zugleich effizientes Jobsharing in der Führung vervielfacht. Der dabei entstandene Wert lässt sich nicht in Vermögenszahlen messen. Es ist eine andere Form von Kapital: Sozialkapital. Wir sind fachlich wie persönlich stark gewachsen, insbesondere in Integrität, Verantwortungsstärke, Konfliktreife und gemeinsamer Resilienz. Die Möglichkeit dieser persönlichen Entwicklung ist für mich ein absolutes Highlight.
WiM: Gab es auch Phasen, wo ihr dachtet: Ich werfe die Brocken hin?
Coco Heger-Mehnert: Es gab einen hohen Ermüdungsgrad nach gestemmten Veranstaltungen. Bei mir zumindest war danach immer mal eine Talsohle, wo ich gesagt habe: Jetzt brauche ich meine Freizeit, anderes muss auch mal wieder in meinen Kopf. Aber dass man ganz gezweifelt hätte, das aufzugeben – bei mir nicht. Es gab Wellenbewegungen mit Tälern, aber genauso Spitzen, wo ich dachte: Hey, das läuft so dermaßen gut, das ist so begeisternd.
Das hat zu bewussten Entscheidungen der Begrenzung geführt. Wir hätten früh schon internationalisieren können, hatten viele Anfragen aus dem Ausland. Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, den DACH-Raum zu nehmen und erstmal nicht zu erweitern, weil wir wussten: Das wird nicht mehr händelbar und das wird mit schnellem Wachstum nicht nachhaltig.
Dr. Sophia von Berg: Genau. Wir haben stets die Stabilität und die Qualität unserer Arbeit priorisiert. Schnelles Hochskalieren mag verlockend erscheinen, aber es kann die eigentliche Mission einer gemeinnützigen Organisation gefährden – insbesondere dann, wenn der Zweck verwässert wird oder die ehrenamtlichen Strukturen nicht robust genug sind. Deshalb haben wir bewusst Grenzen gesetzt – nicht aus Müdigkeit, sondern aus Verantwortung.
WiM: Ihr habt den Übergabeprozess sehr bewusst gestaltet. Könnt ihr beschreiben, wie das ablief?
Anke Erpenbeck: Am Anfang haben wir drei intensiv diskutiert: Was machen wir an Vorgaben? Wer könnte die Nachfolge übernehmen? Soll WiM von der Struktur her genauso weitergeführt werden wie bisher? Soll die UG-Form mit Gemeinnützigkeit vorgegeben sein? Wir sind dann zur Entscheidung gekommen, die Übergabe so zu machen, wie wir WiM verstehen: Es soll aus dem Netzwerk kommen. Wir sind nicht die, die vorgeben, wie WiM sich zu entwickeln hat. Das entsteht aus WiM heraus. Die organisatorische Leitung begleitet das, aber der Drive kommt aus dem Netzwerk.
Coco Heger-Mehnert: Wir haben den Übergabeprozess ganz bewusst demokratisch gestaltet. Bei unserem jährlichen Hubtreffen haben wir die Managerinnen der WiM-Hubs darüber informiert, dass wir als Geschäftsführung zurücktreten möchten und die Nachfolge bewusst in die Hände von Interessierten aus dem Netzwerk legen wollen. Daraus haben sich schließlich drei Frauen gefunden, die WiM künftig weiterführen: Kerstin Wendt aus dem Hub Berlin, Mady Christ aus dem Hub München und Kerstin Dämon vom Hub Rhein-Ruhr.
Dr. Sophia von Berg: In diesem Prozess übergeben wir nicht nur eine Geschäftsführung, wir übergeben das Unternehmen als Ganzes. Und ja, wenn man es so nennen will: Wir verschenken WiM. Es hat keinen Verkaufspreis, weil wir es nie aufgebaut haben, um es zu monetarisieren. Für uns war die Haltung immer die Grundlage jeder Entscheidung.
Wer im Gemeinwohlbereich über Exit redet, hat sein Ziel von Anfang an verfehlt. Geld kann man zählen – Wirkung spürt man.
Coco Heger-Mehnert: Monetär haben wir immer nur dafür gesorgt, Dinge möglich zu machen, es ging uns nicht darum, Gewinne zu erwirtschaften. Sponsorengelder waren immer dazu da, Dinge abdecken zu können. Hier möchte ich mich auch nochmal bei allen Verbänden, Universitäten und Unternehmen, die unsere Aufbauarbeit immer wieder unterstützt haben, bedanken.
Spätestens, als die Personalvermittler angefangen haben, uns anzufragen, hätten wir ein Preisschild an WiM hängen können. Aber das haben wir nie getan.
WiM: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von WiM und wo seht ihr eure zukünftige Rolle?
Coco Heger-Mehnert: Ich wünsche mir, dass WiM trotz der Rollback-Bewegung beim Thema Diversity in Deutschland und obwohl das Thema Mobilität im Ranking der Aufmerksamkeit nach unten gerutscht ist, in gleicher Kraft fortgeführt werden kann. Dass WiM den Raum hat –, von der Energie, von den Köpfen – sich weiterzuentwickeln.
Zu meiner Rolle: Ich habe mir ein spezifisches Thema rausgepickt: die Kooperation mit Universitäten weiterzuführen und weiterzuentwickeln und natürlich Teil von WiM zu bleiben.
Anke Erpenbeck: Ich wünsche den beiden Kerstins und Mady, den neuen Geschäftsführerinnen, dass sie die Arbeit für WiM erfüllt und sie viel Freude und natürlich auch Erfolg haben. Für WiM selbst wünsche ich mir, dass es ein lebendiges Netzwerk bleibt, dass WiM Möglichkeiten schafft für Frauen, sich zu vernetzen, kennenzulernen und auszutauschen. Dieser Vibe, den WiM immer hatte, soll weiterleben.
Für mich persönlich sehe ich eine kleinere Rolle als Mitarbeiterin im Hub Rhein-Ruhr, z. B. bei der Organisation von Stammtischtreffen in Köln. Und wenn es meine zeitlichen Kapazitäten erlauben, künftig auch gerne wieder in der Orga von größeren Events.
Coco Heger-Mehnert: Einmal auf eine WiM-Veranstaltung zu gehen und überhaupt keine Rolle zu haben, sondern einfach nur als Teilnehmerin dahin zu gehen. Das wäre schön.
Dr. Sophia von Berg: Stimmt, einfach nur Teilnehmerin zu sein und die tollen Inhalte von WiM Veranstaltungen aufzusaugen, darauf freue ich mich auch! Den neuen Geschäftsführerinnen wünsche ich aber vor allem Wirksamkeit – in den Feldern, die ihr euch dafür ausgesucht habt. Vor euch liegt jetzt ein großer Gestaltungsspielraum voller Möglichkeiten, bei der Umsetzung wünsche ich euch ganz viel Freude.
Für mich persönlich: Ich merke, dass ich wieder mehr in die Fachlichkeit gehen möchte. Ich möchte mein Wissen teilen, auch gerne als Referentin für WiM. Das habe ich am Anfang deutlich häufiger gemacht, aber mit den Jahren vernachlässigt. Ich hatte keine Zeit, keinen freien Kopf. Das würde ich gerne wieder angehen. Außerdem klopft die Unternehmerin in mir schon wieder an und will heraus – mal sehen, welche Tür sich öffnet.



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