"Man muss sich manchmal bewusst machen, dass man gerade hunderte Tonnen Zug mit Menschen darin bewegt."
- womeninmobility
- 4. Mai
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Tina Fokker fährt ICE. Von Frankfurt nach München, Köln, Nürnberg; manchmal fast 1000 Kilometer am Tag. Was von außen entspannt aussieht, erfordert extreme Konzentration, umfangreiches technisches Wissen und ständige Aufmerksamkeit. Ein Gespräch über Sonnenaufgänge, Störche, rutschige Schienen und die Frage, wo man als Triebfahrzeugführerin aufs Klo geht.

Vom Einzelhandel über die Polizei bis zum ICE-Führerstand: Tina Fokker hat sehr unterschiedliche Stationen in ihrer beruflichen Laufbahn durchlaufen. Und sie ist, wie sie selbst sagt, "quasi Wiederholungstäterin bei der Bahn". Nach ihrer Ausbildung im Einzelhandel war sie arbeitslos, also arbeitete sie ab 2011 bei der DB Regio als Zugbegleiterin im Regionalverkehr in Emden. Viereinhalb Jahre begleitete sie Regionalzüge, kontrollierte Fahrkarten, gab Fahrplanauskünfte. "Dieses Unterwegssein, das hat mir total Spaß gemacht", erinnert sie sich. Als ihre Dienststelle 2015 eine Strecke verlor – ein typisches Schicksal im Regionalverkehr, wo Bundesländer Strecken ausschreiben und Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sich bewerben müssen – verließ sie die Bahn. Es folgten Jahre bei verschiedenen Behörden, bei der Polizei, beim Statistischen Bundesamt, im Einkauf.
2022 fing Tina bei Ioki an, einem Tochterunternehmen der DB. Ein Startup-mäßiges Unternehmen, eigentlich cool. Aber für Tina passte es nicht. "Ich habe gemerkt, ich werde mit den Aufgaben nicht warm, das hat mich alles nicht so richtig gepackt– ich hatte vielleicht doch andere Vorstellungen." Also schaute sie wieder nach Jobs, auch intern bei der DB. Und stellte fest: DB-Fernverkehr AG suchte Triebfahrzeugführerinnen und -führer (TF) im Quereinstieg. "Ich habe gedacht: Oh, Lokführerin, das fandest du damals eigentlich auch schon ziemlich cool. Du bist jetzt 33, probier es einfach und bewirb dich." Also schrieb sie den Ansprechpartner aus der Stellenanzeige an, schilderte kurz ihren Hintergrund. Die Antwort: "Bewirb dich sofort, schick deine Bewerbung am besten noch heute."
"Von der Bewerbung bis zum Start ging alles ganz schnell. Zwischen Weihnachten und Silvester hatte ich mein Vorstellungsgespräch, bei dem ich bereits online ein paar technische Aufgaben lösen musste. Dazwischen noch die gesundheitliche Untersuchung: Urinprobe, Blutprobe, Seh- und Hörtest, psychologische Tests mit Übungen, unter anderem zur Aufmerksamkeit. Den Januar war ich noch arbeitslos, im Februar 2023 ging die Ausbildung los."
Tina Fokker, Triebfahrzeugführerin bei DB Fernverkehr
Zwölf Monate sind für die Ausbildung angesetzt, bei Tina wurden es 14 bis zur Prüfung. "Ich habe diese Ausbildung zum Lokführer extrem unterschätzt", sagt sie heute. Und das, obwohl sie durch ihre Zeit als Zugbegleiterin schon Bahnhintergrund hatte. "Es ist doch sehr viel, was du wissen musst." Denn: Tina lernt nicht einfach "ICE fahren". Sie lernt Signale, Strecken, ganz viel Regelwerk und eine erste ICE-Baureihe zu fahren. "Viele wissen nicht, dass man für jedes einzelne Fahrzeug, für jede Baureihe, eine eigene Ausbildung und Prüfung machen muss", erklärt sie. Sie könnte nicht einfach so vom ICE auf einen Regionalzug wechseln. Einfach, weil die Züge sehr unterschiedlich sind.
Ein ICE funktioniert anders als ein Intercity mit Lokomotive. Bei einer Lokomotive sind alle Bauteile für den Antrieb in einem Fahrzeug – der Lokomotive selbst – vereint, die dann die angekuppelten Wagen zieht oder schiebt. "Ein ICE hat, mit Ausnahme der Baureihe 401/402, die Bauteile für die Traktion unter mehreren Wagen verteilt. Das bedeutet: andere Bremstechnik, andere Funktionsprinzipien. Und selbst innerhalb der ICE-Flotte gibt es verschiedene Baureihen, die jeweils eigenes Wissen erfordern.
"Während der ersten Ausbildung wirst du auf ein Erstfahrzeug ausgebildet. Darauf baust du dann anschließend auf.“ Entsprechend machte Tina nach der eigentlichen Prüfung im April weitere Ausbildungen für verschiedene ICE-Baureihen, bestehend aus Theorie- und Praxismodulen sowie anschließender Prüfung. Selbst neue Softwareupdates für die Züge bedeuten für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen: Informationen einholen, Wissen erweitern oder auch auffrischen. Denn: "Wenn irgendwas am Zug ist, muss ich eventuell mal unter den Zug gucken." Das sei nicht der Regelfall, sagt Tina, "aber das sind Sachen, die eben dazu gehören. Es ist nicht nur da vorne sitzen und ein paar Hebelchen drücken."
Streckenkunde: Tina muss jede Besonderheit kennen
Aber nicht nur die Fahrzeuge muss Tina kennen – auch jede einzelne Strecke, die sie fährt. "Die Strecken, die wir von unserer Dienststelle aus planmäßig bedienen, da müssen wir mindestens einmal Streckenkunde gefahren sein." Das heißt: Bei einem Kollegen, der die Strecke schon kennt, mitfahren. Und ergänzend Videos von den Strecken anschauen sowie in ergänzende Regelwerke gucken. "Da geht es um Besonderheiten: Das Signal steht ein bisschen blöd, da musst du vorausschauender fahren. Hier ist der Bremsweg ein bisschen kürzer; hier ist eine Industrieanlage, hier sind die Schienen gerne mal rutschig. Oder: Bei dem Bahnsteig musst du bis dahin vorfahren, damit alle Wagen auch am Bahnsteig stehen."
Wird Tina kurzfristig umgeleitet, etwa weil ein Streckenabschnitt gesperrt ist, und ist sie kennt die Umleitungsstrecke nicht, darf sie zwar trotzdem fahren – aber nur mit niedrigerer als der eigentlich zulässigen Geschwindigkeit. "Weil ich dann nicht weiß, wie die Signalabstände sind oder wie das Gefälle ist. Das muss man beim Fahren und Bremsen beachten."
Sie muss außerdem an Abzweigstellen wissen, welcher Buchstabe am Signal für welche Richtung steht. "In Köln zum Beispiel bekomme ich an einer Abzweigstelle einen anderen Buchstaben angezeigt, wenn ich zum Hauptbahnhof fahre, als wenn ich nach Deutz fahre. Das muss ich wissen. Das gehört zur Streckenkunde. Wer den Buchstaben verwechselt oder nicht rechtzeitig sieht, wird fehlgeleitet und steht nachher in der Zeitung und bei Social Media: Lokführer hat sich verfahren.
"Deine Arbeitsgrundlage, das Regelwerk für alles, ist extrem groß. Du musst wissen, was die Signale bedeuten – auch die, die du selten siehst. Du musst für jedes Fahrzeug wissen, wie es funktioniert, welche Geschwindigkeiten wo gelten, gerade bei Umleitungen."
Tina Fokker, Triebfahrzeugführerin bei DB Fernverkehr
Wenn Tina gefragt wird, was ihr am Job am meisten Spaß macht, kommt die Antwort ohne Zögern: "Das Fahren an sich. Es ist einfach ein cooles Gefühl, so ein schönes, großes Fahrzeug zu fahren." Manchmal, sagt sie, muss sie sich das bewusst machen.
Es ist zum einen die Mischung aus Verantwortung und Freiheit, die sie begeistert. "Man hat da vorne seine Ruhe. Man muss der Typ dafür sein und es mögen, nicht so viel Kontakt zu Leuten zu haben. Wir haben zwar unser Zugpersonal dabei, aber du bist da vorne allein und machst dein eigenes Ding. Und hast gleichzeitig eine riesige Verantwortung", sagt Tina.
Und wer so viel Zeit allein im Führerstand verbringt, lernt, den Blick schweifen zu lassen. Tina genießt die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, in die sie hineinfährt. Die Städte, die sie sieht. "An einem Tag ist man einfach mal kurz in Nürnberg gewesen und dann vielleicht auch noch mal in Köln. Für andere Menschen ist das eine Tagestour. Für uns ist das einfach der Job." Und dann sind da die kleinen Dinge, über die sie sich freut: "Ich freue mich, wenn ich gewisse Strecken fahre und sehe: Ah, die Störche sind wieder da. Oder: Die haben die Hühner wieder rausgelassen, da sind die Kühe, da stehen Eltern mit Kindern und winken einem zu. Das sind Kleinigkeiten, die wirklich Spaß machen."
Aber es gibt auch die andere Seite. Die frühen Weckzeiten im Wechselschichtdienst – manchmal um 4 Uhr morgens oder früher. Die langen Schichten. Das gehört dazu, sagt Tina, dafür habe sie sich bewusst entschieden. Was sie belastet, ist etwas anderes: "Ich kriege jeden Tag bei der Arbeit mit, wie Leute gefühlt immer mehr verlernen, ein Blick für ihr Umfeld zu haben. Wie unsensibel viele für die Gefahren sind, die im Bahnbereich herrschen."
Erst vor kurzem habe sie zwei kritische Situationen in Essen am Bahnsteig gehabt, weil Menschen unachtsam waren: Sie rangierte den ICE mit 20 km/h an den Bahnsteig heran. "Eine Person steht ganz nah an der Kante beim Telefonieren, obwohl extra diese weißen Linien da sind. Es wird immer drauf aufmerksam gemacht: Bleiben Sie hinter der Linie. Ich habe gepfiffen, also die Hupe bedient, dann ist die Person nach hinten gegangen."
Die zweite Situation war gefährlicher: "Da waren Tauben, und auf einmal wollte ein kleines Kind in Richtung Bahnsteigkante, um die Tauben wegzuschrecken. Ich kann in dem Moment überhaupt nicht einschätzen, was dieses Kind da gerade macht. Ich sehe nur eine ruckartige Bewegung von einem kleinen Menschen." Auch im Zug selbst ärgert sie das Verhalten vieler Fahrgäste: Menschen, die in der Tür stehen bleiben statt weiterzugehen und andere durchzulassen. Die ihren Müll nicht mitnehmen oder die Toiletten verschmutzen. "Wir machen die Züge ja nicht dreckig. Es wird sich immer beschwert, die Toiletten sind so dreckig, die Züge sind so dreckig. Wenn ich durchlaufe, ärgere ich mich auch, dass Leute es nicht schaffen, den Müll mitzunehmen oder in den Mülleimer zu schmeißen."
Und natürlich ist auch sie genervt von Verspätungen. Schließlich kommt dann auch sie zu spät nach Hause beziehungsweise in den Feierabend.
„Übernachtungen finden nur im Rahmen einer regulären Übernachtungsschicht statt. Ansonsten ist es so geregelt, dass man am Ende seiner Schicht wieder auf der Dienststelle ankommt. Das kann entweder pünktlich oder verspätet mit dem eigenen Zug, den man fährt, sein. Oder, wenn der eigene Zug kurzfristig enden muss, mit dem Zug als Leerfahrt oder mit einem Taxi. Spontane Übernachtungen in einer fremden Stadt sind nicht vorgesehen."
Tina Fokker, Triebfahrzeugführerin bei DB Fernverkehr
Das größte Problem bei den Verspätungen sei ihrer Meinung nach das Schienennetz, auf dem zu viele Züge unterwegs seien. "Alle wollen mehr Züge, mehr Fahrten, aber das Schienennetz wird dadurch nicht größer. Wenn man immer mehr Züge drauflässt, ohne das Netz auszubauen, kann das am Ende nur schiefgehen." Auf vielen Strecken teilt sich der ICE das Netz mit Regionalzügen, S-Bahnen, ICs und Güterzügen. "Deswegen hinkt dieser Vergleich mit Asien, wo die Züge immer so pünktlich sind. Da haben die Hochgeschwindigkeitszüge ihr eigenes Streckennetz, keine Begegnung mit irgendeiner Regionalbahn, die vorausfährt, oder einem Güterzug, der kreuzt."
Auch der Faktor Mensch sei bei Verspätungen nicht zu unterschätzen. "Personen im Gleis – das ist gefühlt in den letzten Jahren immer mehr geworden. Manchmal ist eine einzige Person an einer blöden Stelle der Grund, dass viele Züge im gesamten Netz eine Verspätung aufbauen."
Hinzu kommen viele kleine Verspätungen, die sich summieren. Wenn beispielsweise die Tür aufgehalten wird und der Zug nicht pünktlich abfahren kann, könnte das dafür sorgen, dass am nächsten Haltebahnhof kein freies Gleis verfügbar ist. Hier könnten auch die Fahrgäste umsichtiger sein. "Es würde schon helfen, wenn Leute sich am Bahnsteig verteilen würden, statt alle an einer Stelle zu warten. „Der Zug hat viele Türen, und man kann innerhalb des Zuges auch durchgehen."
Herausforderungen des Jobs als Triebfahrzeugführerin
Wenn Tina erzählt, was sie beruflich macht, interessieren sich Leute vor allem für die Toilettenthematik erzählt sie. „Die Leute haben meist nicht auf dem Schirm, dass das eigentlich relativ einfach gehandelt werden kann: Man betreibt so eine Art Toilettenmanagement. Wenn ich weiß, ich habe jetzt drei Stunden Fahrt bis München vor mir, dann trinke ich vor der Fahrt wenig oder gar nichts. Während der Fahrt trinke ich dann was, sodass ich spätestens in München, wo ich Pause habe, auf Toilette kann." Aber natürlich kann auch mal ein Notfall eintreten, in dem sie nicht bis zum Zielbahnhof warten könne. Dann könne sie sich beim Fahrdienstleiter melden und Bescheid sagen. Der schaut dann, wo auf der Strecke sie den Zug in ein freies Gleis fahren kann, in dem sie keine anderen Züge aufhält. "Ist natürlich blöd, weil du dann vielleicht Verspätung machst. Aber dann ist es halt mal so." In solchen Fällen nutzt sie die normalen Toiletten, die auch die Fahrgäste benutzen. "Da gibt es keine eigene für das Personal."
Was viele nicht wissen: Tinas Job beginnt nicht immer am Bahnsteig. "Wir müssen unsere Züge teils, meist in den Frühdiensten, vorbereiten. Das heißt, dass ich – mitunter bei Wind und Wetter – zu Fuß zur Abstellanlage und dort zum abgestellten Zug laufen muss. Wenn alles nach Plan läuft, ist es eigentlich entspanntes Arbeiten, auch wenn man teils sehr lange Tage hat“, sagt sie. „Ich denke mir oft: Krass, das ist gerade dein Job, es fühlt sich aber überhaupt nicht so an." Trotzdem merke sie die Erschöpfung nach einer langen Schicht. Sie arbeite zwar wenig körperlich, sei aber immer hochkonzentriert. "Du hast den ganzen Tag Eindrücke, beobachtest alles. Das sind unheimlich viele Sachen. Ich glaube, das wird manchmal unterschätzt in diesem Beruf."
Sie müsse permanent aufmerksam sein und die Strecke beobachten: Sind da Personen in der Nähe des Gleises, die da nichts verloren haben? Ist die Oberleitung intakt? Sind die Schienen rutschig vom Laub? Muss sie das Bremsverhalten entsprechend anpassen? Auch Orientierung ist ein Riesenthema. "Du musst immer wissen, wo du dich gerade befindest, an was für einem Signal du gerade vorbeifährst. Ist das ein Einfahrsignal, ein Ausfahrsignal, ein Zwischensignal, ein Blocksignal? Aber auch die Beobachtung vom Zug – Beschleunigungs- und Bremsverhalten, Parameter wie Oberspannung oder Luftdruck im Bremssystem. All das passiert parallel."
"Manchmal ist es wirklich so, dass ich denke: Wahnsinn, was du hier eigentlich gerade machst. Dass man du gerade hunderte Zug mit Menschen darin fährst. Alleine das zu dürfen – für mich ist das so ein Privileg, jedes Mal diesen schönen Zug fahren zu dürfen."
Tina Fokker, Triebfahrzeugführerin bei DB Fernverkehr
Eine Lieblingsstrecke hat Tina nicht, die Strecken, die sie fährt, variieren stark. Manchmal pendelt sie nur zwischen Frankfurt und Wiesbaden hin und her – etwa 30 Kilometer. "Es können mal nur 100 Kilometer am Tag sein. Es können aber auch fast 1000 sein." Sie steigt in Frankfurt auf einen Zug, fährt bis München und zurück. Oder bis Nürnberg, macht dort Pause, fährt einen anderen Zug weiter nach München oder zurück nach Köln. "Wir sind teilweise kreuz und quer unterwegs."
Dafür hat sie eine Lieblingsbaureihe: den ICE-T, Baureihe 411. Ausgerechnet der langsamste und kleinste ICE. "Der Führerraum ist vorne unendlich groß im Vergleich zu neueren Fahrzeugen. Du hast unheimlich viel Blickfeld, viel Platz. Und der bremst meiner Meinung nach superschön. Bei Zügen ist das Bremsen mit das größte Thema. Wie ein Fahrzeug sich bremst, entscheidet manchmal darüber, wie gerne man es fährt."




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