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Wenn die Mehrheit in Europa mehr ÖPNV will, worauf warten wir noch?

Die Mehrheit der Menschen in europäischen Städten wünscht sich mehr öffentlichen Verkehr und einen verlässlichen Ausbau von Bus, Bahn und Straßenbahn. Warum wirken Mobilitätsdebatten trotzdem oft so, als wäre das Gegenteil der Fall?

Straßenszene in Brüssel mit Straßenbahn und Bus auf gemeinsam genutzter Fahrbahn. Menschen warten an der Haltestelle, im Hintergrund urbane Bebauung und Oberleitungen des Straßenbahnnetzes.
Straßenbahn und Bus im Brüsseler Stadtverkehr: Öffentlicher Verkehr ist selbstverständlicher Teil des urbanen Alltags in europäischen Metropolen.

82 Prozent der Menschen in Europas Metropolen wünschen sich den Ausbau von U-, S- und Straßenbahnen. Knapp zwei Drittel würden sogar befürworten, Fahrbahnen exklusiv für Busse und Bahnen zu reservieren, wenn der öffentliche Verkehr dadurch schneller und zuverlässiger wird.

Das sind klare Mehrheiten, erhoben von der NGO Clean Cities in ihrer aktuellen Studie "Cities Speak: Urban Mobility Barometer 2026", für die Bewohnerinnen und Bewohner aus Berlin, Brüssel, Budapest, London, Rom, Madrid, Paris, Sofia und Warschau befragt wurden.


Infografik mit Balkendiagramm: 83 Prozent der Stadtbevölkerung wünschen sich einen Ausbau und eine Modernisierung von Straßenbahn-, U-Bahn- und Bahnangeboten. Dargestellt sind Zustimmungswerte für einzelne Städte: Berlin 80 %, Brüssel 73 %, Budapest 86 %, London 79 %, Rom 87 %, Madrid 84 %, Paris 82 %, Sofia 87 %, Warschau 85 %. Farbig hervorgehobene Balken auf türkisem Hintergrund, Überschrift „Cities speak“.

In Politik und Gesellschaft wird jedoch leidenschaftlich über den Wegfall einzelner Parkplätze, über „Bevormundung" oder angebliche Zumutungen diskutiert. Wesentlich seltener geht es um den Gewinn für viele: verlässliche Mobilität im Alltag, kürzere Wege, mehr Planbarkeit, weniger Stress. Der gesellschaftliche Rückhalt für besseren ÖPNV ist da – er geht nur im Lärm der täglichen Aufregung erstaunlich leicht unter.


Wessen Perspektive zählt in der Mobilitätsdebatte?

Mobilitätsdebatten sind selten neutral. Sie spiegeln wider, wer sichtbar ist, wer Gehör findet und wessen Perspektiven als „normal" gelten. Jahrzehntelang wurde Verkehrspolitik vor allem aus der Sicht derjenigen gedacht, die jederzeit über ein Auto verfügen, klare Pendelwege haben und ihre Mobilität individuell organisieren können. Andere Realitäten – komplexe Wegeketten, Care-Arbeit, Zeitdruck, Abhängigkeit von zuverlässigem ÖPNV – tauchten höchstens am Rand auf.

Dabei geht es nicht darum, das Auto zu verbieten, sondern darum, echte Wahlfreiheit zu schaffen. Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Jeder Mensch sollte das Recht haben, ein Leben ohne Auto führen zu können."


Dass heute so viele Menschen mehr öffentlichen Verkehr wollen, ist deshalb ein Hinweis darauf, dass der Wunsch, auch ohne eigenes Auto den Alltag bestreiten zu können, keine Ideologie einiger weniger ist. Tatsächlich verändert sich der Blick der Menschen auf Mobilität und Städte. Damit müssen auch politische Debatten Schritt halten.


Prof. Dr. Meike Jipp, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung am DLR, sagte im Interview mit Fokus Bahn NRW: „Der öffentliche Verkehr muss leistungsfähig, zuverlässig und dabei geografisch sowie zeitlich für die Menschen verfügbar sein. Das ist die Grundanforderung, die überhaupt erst Nutzungsakzeptanz schafft." Dafür braucht es die finanzielle Unterstützung von Bund, Ländern und Kommunen. Auch der Faktor Pünktlichkeit spiele bei der Akzeptanz eine wichtige Rolle.

"Unsere Analysen haben gezeigt, dass Berufspendler/innen mit dem Auto zumeist dreimal schneller zur Arbeit kommen als mit Bus und Bahn. Faktor drei ist im Alltag zu viel. Den persönlichen Zeitverlust bemerkt man sofort, die Emissionen aus dem Auspuff nicht."

Prof. Dr. Meike Jipp, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung am DLR


Reservierte Fahrbahnen für Busse und Straßenbahnen sind deshalb eine Möglichkeit, die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel zu verbessern. Auch dafür braucht es politische Entscheidungen. Die von Clean Cities befragten Bürgerinnen und Bürger befürworten solche ÖPNV only-Spuren auf jeden Fall.


Infografik mit Balkendiagramm: 63 Prozent der Stadtbevölkerung unterstützen die Umwandlung von Autospuren in Bus- und Straßenbahnspuren, um den öffentlichen Verkehr zu verbessern. Dargestellt sind Zustimmungswerte für einzelne Städte: Berlin 59 %, Brüssel 63 %, Budapest 68 %, London 59 %, Rom 71 %, Madrid 66 %, Paris 65 %, Sofia 72 %, Warschau 73 %. Türkisfarbener Hintergrund, Überschrift „Cities speak“.

Die aktuellen Zahlen aus der Cities Speak-Studie zeigen deutlich: Die Zustimmung für einen stärkeren öffentlichen Verkehr ist da. Was häufig fehlt, ist die Übersetzung dieser Mehrheiten in konkrete, tragfähige Entscheidungen. Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende, formuliert es im Rechtsgutachten „Öffentlicher Raum ist mehr wert“ folgendermaßen:


„Lebenswertere Städte entstehen dann, wenn bei der Verteilung der Nutzungsansprüche im öffentlichen Raum nicht mehr die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer von privaten Pkw einseitig im Vordergrund stehen."

In den kommenden Jahren wollen wir uns deutlich stärker in genau solche Debatten einbringen: mit fundierten Beiträgen, durch Arbeitsgruppen, durch Positionspapiere, durch die Bündelung von Expertise aus unserem Netzwerk. Uns interessiert weniger das bloße Dafür oder Dagegen, sondern das Wie: Wie gestalten wir die Mobilitätswende so, dass sie tragfähig ist? Wie erklären wir sie verständlich? Und wie sorgen wir dafür, dass Mehrheiten, die längst da sind, auch politisch wirksam werden? Du willst dich hier mit deiner Expertise einbringen und zum Beispiel mit uns an Positionspapieren arbeiten? Dann schreib uns an office@womeninmobility.org

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