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„Wir müssen das Thema Mobilitätsbudget sichtbar machen“

2018 ist Sylvia Lier für die Idee des Mobilitätsbudgets vom Netzwerk Allianz pro Schiene als Mobilitätsgestalterin des Jahres ausgezeichnet worden. Tatsächlich schwelt die Idee aber schon viel länger.


Quelle: Pixabay


Mehr als 17 Jahre arbeitete WiM-Mobilmacherin Sylvia Lier bei LeasePlan, einem internationalen Anbieter für Fahrzeugleasing und Fuhrparkmanagement. Dort entstand auch die Idee des Mobilitätsbudgets: Ein Kunde hatte einen großen Mobilitätsbedarf, der aber sehr unterschiedlich war; mal Bahn, mal Fahrrad, mal Auto, mal Flieger. Er sagte: „Ich brauche keine Fullservice-Leasingrate, ich brauche ein Mobilitätsbudget.“ Recht hat er, hat Sylvia Lier damals gedacht. Damit war die Idee geboren.


„Heute können Unternehmen die Mobilität ihrer Mitarbeitenden durch mobiles Arbeiten, Dienstwagen und Jobtickets stark beeinflussen“, so Lier. „Sie sollten sich deshalb fragen: Wie nachhaltig kommen unsere Leute eigentlich zur Arbeit? Und wie nachhaltig agieren wir bei Geschäftsreisen?“

Was ist das Mobilitätsbudget? Statt wahlweise ÖPNV-Tickets oder Dienstwagen anzubieten, sollen Arbeitgeber ihrer Belegschaft einen festen Betrag zur Verfügung stellen, den diese dann nach Bedarf für verschiedene Mobilitätsdienstleistungen ausgeben können. Zum Beispiel für die Nutzung von Fahrzeugen aus der Firmenflotte in Kombination mit einem Sharing-Angebot und dem ÖPNV oder rein kooperationsbasiert mit den Mobilitätsanbietern vor Ort. „Wir müssen weg von der Dienstwagenpolitik. Carpolicies sollten zu Mobilitypolicies werden“, sagt Lier.

Arbeitgeber*innen wie Frosta, NTT Data oder SAP setzen bereits auf die Förderung von Multimodalität in ihrer Belegschaft. Zwischenzeitlich entstehen dazu auch immer mehr Angebote - bonvoyo, belmoto, mobiko, moovster, rydes, Wegfinder oder 1st Mobility – sind einige Beispiele.

Das sind die Chancen und Geschäftsmodelle des Mobilitätsbudgets

2014 wurde Lier CEO der Deutsche Bahn Connect und trieb das Thema dort in den nächsten Jahren weiter voran. Sie suchte in den verschiedenen Geschäftsfeldern der DB nach Kollegen*innen, die an den Sinn eines solchen Produktes glaubten und entwickelte mit ihnen den ersten Prototypen. Die Allianz pro Schiene verlieh ihr dafür in der Kategorie „Beste Idee“ den Innovationspreis „Mobilitätsgestalterin 2018“.

Lier sieht vor allem die Chancen, die mit der Nutzung von Mobilitätsbudget-Angeboten verbunden sind: Arbeitergeber*innen können flexibler auf die geänderte Nachfrage ihrer Mitarbeitenden eingehen und gleichzeitig nachhaltige – öffentliche und gesharte - Mobilität fördern und damit einen Beitrag zur Verkehrswende und zum Stopp des Klimawandels leisten.



„Auf dem bfp Fuhrpark-Forum am Nürburgring habe ich 2013 erstmals das Thema Mobilitätsbudget vorgestellt und gesagt: „Die Anfragen werden kommen, die Menschen werden das haben wollen. Sie werden nach Fahrrädern fragen, nach Carsharingfahrzeugen und nach ÖPNV-Tickets. Mit dieser Einschätzung stand ich noch allein da.“ Sylvia Lier, Mobilitätsexpertin



Auch für Verkehrsgesellschaften entstehen durch das Mobilitätsbudget neue Optionen: Sie können ihren Firmenkunden diese Angebote zusätzlich zu den etablierten Jobtickets anbieten. Insgesamt entstehe hier ein neuer Anbietermarkt für und rund um mobility-as-a-service-Produkte. Damit diese Angebote noch mehr Fahrt aufnehmen, empfiehlt Lier, dass die steuerliche Attraktivität von Mobilitätsbudgets erhöht wird: Während nämlich das Jobticket für den ÖPNV und das Dienstfahrrad steuerfrei sind, müssen Beträge für Sharingangebote versteuert werden. „Stattdessen sollte es möglich sein, Mitarbeitenden Sharingangebote analog zum ÖPNV steuerbefreit zur Verfügung zu stellen.“


Handlungsfelder rund ums Mobilitätsbudget


Lier vertritt außerdem die Meinung, dass der ÖPNV breiter gedacht werden müsse: „Öffentlicher Personenverkehr ist mittlerweile mehr als Bus und Bahn“, sagt sie. „Deshalb sollten Mikromobilitätsangebote Teil des ÖPNV werden.“ „Dafür müssten die Städte ihr eigenes Bild von der Art der Mobilität entwickeln. Und die ÖPNV-Anbieter könnten sich als „Orchestreur“ multimodaler Angebote verstehen. Beispiele in verschiedenen Städten zeigen: Wenn die Kommunen, die Verkehrsverbünde und die Verkehrsgesellschaften zusammenarbeiten, geht das auch“, so Lier.



Entscheidend für solche neuen Angebote sei allerdings der Zugang zu Daten: „Dabei sind die Silos das größte Problem, nicht die Daten selbst“, sagt Lier. Sie geht davon aus, dass die Anbieter*innen durch die Politik quasi zu ihrem Glück gezwungen werden müssten: Der Gesetzgeber sollte - ähnlich wie in Finnland - regeln, dass die für das Kundenangebot relevanten Daten für jeden Anbieter zentral zugänglich sind und gleichzeitig – wenn gewünscht – sämtliche Angebote von allen Marktteilnehmern*innen integriert werden können. Die Diskriminierung könne ansonsten das Entstehen neuer Angebote sowie von Innovationen verhindern.


„Am Ende“, so Lier, sei wie so oft ganz wichtig: „Offenheit bei allen Beteiligten, Bereitschaft zum Ausprobieren und zum Zulassen von Veränderungen – auf Anbieter- wie auch auf Nutzerseite. MaaS- und ÖPNV-Anbieter können so ganz verschiedene, neue Geschäftsmodelle entwickeln. Für die Kunden*innen. Und für eine klimagerechte Mobilität. Die Zeit ist reif dafür.“

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