Bei aller Weiterentwicklung bleiben die Hubs und das Engagement vor Ort das Herz von WiM.
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Nach zehn Jahren Aufbauarbeit und einem bewusst demokratischen Übergabeprozess liegt die Verantwortung für Women in Mobility nun in neuen Händen. Seit dem 17. November führen Mady Christ, Dr. Kerstin Wendt und Kerstin Dämon das Netzwerk gemeinsam weiter. Im Gespräch erzählen sie, warum sie Verantwortung übernommen haben, wie sie Führung im Ehrenamt verstehen – und wie ein Netzwerk handlungsfähig bleibt in Zeiten von Gegenwind, knapper Ressourcen und gesellschaftlichen Rollbacks.

„Loslassen als Leadership“ war die Überschrift des Interviews mit den bisherigen WiM Geschäftsführerinnen Coco, Anke und Sophia. Nach zehn Jahren Aufbauarbeit und einem bewusst demokratischen Übergabeprozess haben sie die Verantwortung für Women in Mobility nun in neue Hände gelegt: Seit dem 17. November führen Mady Christ, Dr. Kerstin Wendt und Kerstin Dämon das Netzwerk gemeinsam weiter.
Women in Mobility: Was hat euch bewogen, euch auf die Position der Geschäftsführung zu bewerben? Warum habt ihr euch für die Geschäftsführung beworben – und wie ist diese Entscheidung entstanden?
Kerstin W.: WiM hat in den letzten Jahren viel erreicht. Sichtbarkeit und das Bewusstsein für eine gendersensible Mobilität für alle sind in vielen Köpfen verankert. In manchen Kommunen oder Unternehmen wurden dafür sogar entsprechende Stellen geschaffen. Nun stehen die nächsten Schritte an, wir wollen in eine Umsetzungsphase kommen und echten Wandel vorantreiben. Ich halte ehrenamtliches Engagement für einen tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit, in der wir Individualismus feiern und echte Begegnungen und Unterstützung aus den Augen verlieren. Dem möchte ich mit WiM etwas entgegensetzen. Als getrennt-erziehende und in Vollzeit berufstätige Mutter mit ostdeutscher Sozialisierung, weiß ich, wie wichtig Netzwerke und Kontakte sind. Diese möchte ich zumindest in der Mobilitätsbranche ermöglichen und fördern.
Kerstin D.: Bei mir war es der ganz pragmatische Gedanke: “Irgendwer muss es halt machen” (lacht). Nee, ernsthaft. Mir war klar, dass ich weiterhin die Kommunikation für WiM gestalten möchte. Entweder wie bisher als Unterstützung der Geschäftsführung - oder als Teil der Geschäftsführung. Und weil es ein paar Dinge gibt, die ich bei WiM gerne aktiv beeinflussen möchte, war relativ schnell klar, welche der beiden Optionen es wird.
Mady: Als Anke, Coco und Sophia am Ende unseres letzten Hub-Treffens im Januar 2025 verkündet haben, die Geschäftsführung abzugeben, war ich erst einmal völlig geschockt. In solchen Momenten hilft mir vor allem eines: Kaffee. Also habe ich Kerstin D. direkt ins nächste Café geschleppt. Dort haben wir erst einmal sortiert, was diese Nachricht für WiM bedeutet, für die Hubs, aber auch für uns persönlich. Und während wir noch über unsere ersten Bedenken und Befürchtungen gesprochen haben, sind eigentlich schon die ersten Ideen entstanden. Die Frage, ob wir uns bewerben sollten, kam nicht als großer, geplanter Moment – sie hat sich eher organisch entwickelt. Aus Verantwortung, aus Verbundenheit zu WiM und aus dem Gefühl heraus, dass wir jetzt gefragt sind. Es war einer dieser Momente, in denen man spürt: Das ist der richtige Zeitpunkt, um jetzt mutig zu sein - und seinen Namen in den Ring zu werfen.
Kerstin W.: Ich bin sehr glücklich über Kerstin und Mady an meiner Seite. Auch das haben wir nicht allzu lange besprochen. Wir sind eher vom Typ MACHEN, statt Themen lange zu zerreden.
Ihr habt ein Konzept eingereicht, das dann vor der Community gepitcht wurde. Was war das Wichtigste in eurem Konzept und wie hat sich die Entscheidung der Community für euch angefühlt?
Kerstin W.: Für mich war das Wichtigste Konstanz. Zu zeigen, da ist jemand, der WiM weiterführt. Und zusätzlich neue Impulse setzen möchte. Da können die meisten Frauen aus der Community gut mitgehen.
Kerstin D.: Mir war es wichtig, die Sichtbarkeit und die Schlagkraft, die WiM sich in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut hat, noch stärker zu nutzen, um für unsere Themen einzustehen.
Mady: Mich hat besonders bewegt, wie viel Vertrauen und Zutrauen uns die Community entgegengebracht hat.
Was bleibt bei Women in Mobility, was verändert sich – und wie verteilt ihr die Verantwortung künftig?
Kerstin W.: Wir werden 2026 viel von den gewohnten Strukturen beibehalten. Die Hubs sollen weiterhin möglichst autonom unterwegs sein und eigene Veranstaltungen organisieren. Gleichzeitig wollen wir sie stärker unterstützen: mit Tools und Vorlagen, aber auch Finanzierung und starken Partnern an der Seite. Inhaltlich möchten wir WiM weiter professionalisieren, uns auf die Formulierung von Fachbeiträgen und Whitepapern konzentrieren und dort stattfinden, wo Entscheidungen getroffen werden.
Mady: Für mich war wichtig, dass wir bei aller Weiterentwicklung das behalten, was WiM ausmacht: starke, selbstorganisierte Hubs und Engagement vor Ort. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben, was Ehrenamt leisten kann. Deshalb schauen wir sehr bewusst darauf, wie wir Verantwortung verteilen, Übergaben gestalten und Strukturen schaffen, die langfristig tragen – für die Hubs genauso wie für uns als Geschäftsführung. Auch mein Tag hat nur 24 Stunden und wir alle jonglieren neben WiM noch einen Vollzeitjob und ein Privatleben.
Kerstin D.: Für mich ist vor allem wichtig, dass wir durch den Wandel niemanden verlieren. Die Hubs bleiben Herz und Rückgrat von WiM, nur die Rollen sortieren sich neu. Im Berliner Hub sind großartige Damen an Bord, die Kerstins Aufgaben übernehmen, Mady bleibt vorerst Leiterin des München Hubs, bis sich eine tragfähige Nachfolge-Regelung gefunden hat und auch ich bleibe dem Hub Rhein-Ruhr - wenn auch in abgeschwächter Form - erhalten.
Welche Rollen nehmt ihr künftig ein?
Kerstin W.: Ich werde mich zukünftig hauptsächlich um unsere Finanzen, Partnerschaften und Verträge kümmern. Fundraising und HR fallen da auch mit drunter. Außerdem um die übergeordnete Orga von Großevents - mit einem schlagkräftigen Team im Rücken.
Mady: Einer meiner Schwerpunkte liegt auf Kooperationen & Netzwerkarbeit, zum Beispiel mit den Women in Cycling oder Universitäten wie der Uni St. Gallen. Ein weiterer Teil meiner Rolle ist Strategie & Kennzahlen. Dazu kommen dann noch die Bereiche Hubs & Community sowie Beschaffung & Einkauf, etwa die Beschaffung von Werbemitteln oder operative Materialien für die Hubs.
Kerstin D.: Ich werde bei WiM vor allem das machen, was ich wirklich gut kann: vernetzen, sichtbar machen und die richtigen Leute zusammenbringen. Ich laufe als Kommunikationskerstin vorneweg und rufe ‚schaut alle her‘, damit die klugen Köpfe aus dem Netzwerk die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Alles andere können die anderen beiden besser als ich.
Apropos: Wie ergänzt ihr euch? Wo unterscheidet ihr euch?
Mady: Wir ergänzen uns vor allem über unterschiedliche Schwerpunkte. Mein Herz schlägt nicht nur für Mobilität, sondern auch für Qualitätsmanagement – deshalb freue ich mich besonders darauf, Standards zu entwickeln und KPIs aufzusetzen, die unsere Wirkung sichtbar(er) machen.
Kerstin D.: Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere und kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Mobilität: ÖPNV, geteilte Mobilität, Automotive. Auch unsere Arbeitsweisen sind verschieden. Genau das ist unsere Stärke, weil wir Dinge aus verschiedenen Richtungen betrachten.
Kerstin W.: Und wir sind regional über Deutschland verteilt - Berlin, München, Köln. Das sehe ich als großen Vorteil. Außerdem haben wir ganz unterschiedliche berufliche Hintergründe und ergänzen uns auch darin perfekt. Und ganz ehrlich, was soll bei der Symbiose von Dämon und Christ noch schiefgehen? Da entsteht ein grandioses Feuerwerk.
Was habt ihr in diesen ersten Monaten als Geschäftsführerinnen gelernt? Und haben euch die WiM-Gründerinnen beim Start geholfen?
Kerstin W.: Mich hat die zeitliche Komponente überrascht. Die Arbeit ist intensiv, der Aufwand groß. Wenn man nebenbei einem Hauptjob nachgeht - ich habe dieses Jahr mit zwei Kolleg:innen mein eigenes Startup gegründet - und Familie hat, dann klappen einige Sachen nicht so schnell, wie ich mir das wünsche. Da werden wir realistisch rangehen.
Mady: Coco, Anke und Sophia haben sich sehr viele Gedanken über die Übergabe der Geschäftsführung gemacht. Solch einen gut moderierten und abgestimmten Prozess, bei dem die Hubs eingebunden sind und mitgenommen werden, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Und zum Glück sind die drei nicht aus der Welt und für Fragen weiterhin verfügbar.
Kerstin D.: Ich habe zum Beispiel mit Sophia kurz über unseren geplanten WiM Summit 2026 gesprochen, da hat sie mir gleich 100 gute Tipps gegeben. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir auch in Zukunft noch auf die Expertise der drei zurückgreifen dürfen. Quasi als unsere Beraterinnen.
Women in Mobility hat eine starke Mission: Gleichstellung in der Mobilitätsbranche. Was bedeutet das für euch persönlich? Und: Seht ihr da zukünftig Verschiebungen oder neue Prioritäten?
Kerstin W.: Gleichstellung für mich persönlich bedeutet Repräsentation. Ich möchte mich wiederfinden. Wo bleibt die erste Verkehrsministerin? Wo sind die Frauen in der Chefetage bei Verkehrsbetrieben und Mobilitätsunternehmen? Ich möchte meine Bedürfnisse berücksichtigt wissen. Wo bleiben ausreichend beleuchtete und sichere Haltestellen und Wege dorthin? Und ich möchte die Wahl haben. Sei es bei der Verkehrsmittelwahl, der Wahl des Arbeitgebers oder ob ich Mann oder Frau hinterm Steuer im Taxi habe.
Mady: Für mich bedeutet die Mission von Women in Mobility vor allem eines: gleiche Chancen für alle, die die Mobilität von morgen gestalten wollen. Und zwar unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, Lebensrealität oder Karriereweg. Diese Mission ist heute wichtiger denn je. Gerade deshalb sind Netzwerke wie WiM so wichtig: Gleichstellung ist kein Selbstläufer – sie braucht Engagement, Strukturen und Menschen, die dranbleiben.
Kerstin D.: Es gibt ein Bild, das Gleichberechtigung und Gleichstellung gut veranschaulicht. Drei unterschiedlich große Menschen stehen vor einem Zaun und wollen über ihn hinweg auf ein Spielfeld schauen. Aber nicht alle sind dafür groß genug. Bei Gleichberechtigung bekommen deshalb alle drei gleich hohe Kisten zugeteilt. Der größte Mensch kann also noch besser über den Zaun gucken, die mittlere Person nur eingeschränkt, die kleinste trotz Kiste gar nicht. Bei Gleichstellung bekommt jede Person eine Kiste passend zur Körpergröße und schon können alle drei über den Zaun gucken. Mein Ziel ist es, mit WiM nicht nur das Bewusstsein zu schaffen, dass wir manchmal Kisten brauchen, damit alle über den Zaun sehen können, sondern auch, dass die Kisten unterschiedlich hoch sein müssen.

Wenn wir in einem Jahr wieder sprechen: Was soll sich verändert haben– und wie geht ihr mit Gegenwind und gesellschaftlichen Rollbacks um?
Mady: In den letzten Jahren ist der Wind spürbar rauer geworden. Themen wie Frauenförderung, Diversität oder Gleichstellung, die lange selbstverständlich schienen, wurden in vielen Organisationen zurückgefahren oder stehen wieder stärker unter Rechtfertigungsdruck.
Kerstin W.: Diesen Gegenwind haben wir in den letzten zwei Jahren bereits deutlich gespürt: Die Akquise von Partnern und das Einwerben von finanziellen Mitteln sind deutlich schwieriger geworden. Aber für mich ist das Thema alternativlos: Für echte Teilhabe und Gleichberechtigung im Bereich Mobilität braucht es Stimmen, die nicht leiser werden, nur weil gerade Wolken aufziehen. Für 2026 wünsche ich mir, dass wir beim Speakerinnen-Sourcing professionell aufgestellt sind, ein WiM Luncheon 2026 auf der InnoTrans umgesetzt und die Finanzierung von WiM für die Jahre ab 2027 konkret geplant haben.
Kerstin D.: Wir hatten in unserer Konzeptionsphase scherzhaft gesagt, dass wir die Weltherrschaft wollen, mindestens aber die Mobilitätswelt verändern. Tatsächlich reicht es mir für 2026 aber schon, wenn wir den Summit 2026 gut über die Bühne bringen, unsere Kosten decken, die Tools aufräumen und die Weichen für das stellen, was wir in Zukunft anders machen wollen. Weltherrschaft machen wir dann ab 2027.
Zum Abschluss: Was möchtet ihr Coco, Anke und Sophia sagen? Was nehmt ihr mit aus dieser Zusammenarbeit mit ihnen?
Mady: Wir möchten Coco, Sophia und Anke vor allem unseren tiefen Dank aussprechen. Die drei haben Women in Mobility mit unglaublich viel Herz, Mut und Beharrlichkeit aufgebaut – und die Fußabdrücke, die sie hinterlassen, sind entsprechend groß. Was ich besonders schätze: Sie haben nie die ‚Gründerinnen-Karte‘ gespielt. Sie haben WiM demokratisch, transparent und immer auf Augenhöhe geführt. Diese Haltung hat das Netzwerk geprägt und ist für mich ein echtes Vorbild.
Aus der Zusammenarbeit nehme ich vor allem mit, wie kraftvoll es ist, wenn Menschen Verantwortung teilen, Räume öffnen und andere mitziehen. Genau daran möchte ich anknüpfen.





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