Es ist schön zu beobachten, dass Inspiration schon reichen kann, damit Frauen Mut bekommen

Unsere Mobilmacherin der Woche zog 2018 in einen Van und gründete die VanLove Girls-Community. Heute reist sie in ihrem ausgebauten Postbus durch Südeuropa und coacht Frauen, die es ihr gleichtun wollen. Tipps und Tricks für den Ausbau der Vans und den Aufbau eines Business‘ inklusive.

Karin Scherpe ist Gründerin der VanLove Girls, der größten Vanlife-Community für Frauen im deutschsprachigen Raum. Der Begriff Vanlife stand ursprünglich für einen Negativtrend aus den USA: Personen, die sich die Miete nicht mehr leisten konnten, zogen aus Häusern und Wohnungen in ihre Autos und bauten

diese entsprechend aus und um. Mit dem Hashtag auf Instagram erfuhr der Begriff eine gewisse Romantisierung.

Karin hat eine ganz pragmatische Herangehensweise an das Thema: Für sie ist Vanlife alles, was Wohnen und Arbeiten im Fahrzeug beinhaltet: von der Dauercamperin über die Frau, die am Wochenende mit ihrem ausgebauten Bus ins Grüne fährt bis zur Digitalnomadin, die zeitweise oder sogar vollständig im Wohnmobil lebt. So wie sie.

Karin ist seit 2018 im Van unterwegs. Am liebsten in Spanien. Aktuell lebt und arbeitet sie in einem von ihr selbst ausgebauten sieben Meter langen Postbus. Sie sei schon immer viel in der Welt unterwegs gewesen. Gerade im Winter zog es sie in die Sonne.


„Das war irgendwie mein Weg, der sich auch so abgezeichnet hat. Ich habe irgendwann gedacht: Mensch, du fährst ja nur noch nach Hause, um Blumen zu gießen und irgendwelche Verträge mit Zwischenmietern zu unterschreiben. Wenn du elf Monate im Jahr im Bus lebst, brauchst du auch keine Wohnung mehr.“

Karin Scherpe, Business Coach und Gründerin der VanLove Girls-Community


Sie ist gelernte Schneiderin, hatte zwölf Jahre lang ihr eigenes Modelabel mit zwei Geschäften in Leipzig. „Das Schneiderhandwerk war mal was sehr Sicheres: Wenn du das lernen wolltest, musst du in die Lehre gehen und dir sehr teure Bücher kaufen. Als dann immer mehr Schnittanleitungen und Tutorials im Internet auftauchten, habe ich gemerkt, dass ich damit kein Geld mehr verdienen kann.“ Also hörte sie 2017 auf.

„2018 habe ich ein Angebot gekriegt, nach Sansibar zu gehen und dort für zwei Monate Leuten das Nähen beizubringen. Da saß ich dann in meiner Wohnung und habe überlegt: Ich fliege jetzt nach Sansibar. Dann komme ich wieder, bin einen Monat in Deutschland und dann bin ich wieder für ein halbes bis Dreivierteljahr weg. Das macht keinen Sinn“, erzählt Karin.


Also reichte sie die Kündigung für ihre Wohnung ein und flog nach Sansibar. Anschließend verkaufte sie ihre Habe bis auf ein paar Lieblingsstücke und miete dafür sowie für ihre Unterlagen und Nähmaschinen aus ihrer Selbstständigkeit eine Lagerbox. „Das musst du ja für’s Finanzamt aufheben, da kommste nicht drumrum“, sagt sie.


Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die sagt: „einfach machen.“ Wenn es drum geht, den Job und die Wohnung zu kündigen und sich ein Auto zu kaufen, in dem man leben will, kann „einfach machen“ ganz schön schief gehen. Bitte auf gar keinen Fall „irgendein“ Auto kaufen, ohne einen Gebrauchtwagen-Check zu machen. Man kann sich da super beraten lassen.

Karin Scherpe, Business Coach und Gründerin der VanLove Girls-Community


Seitdem ist sie unterwegs. Ihre erste Route führte sie über Nordspanien nach Portugal. Seit 2018 ist sie bisher nur einmal wegen des TÜVs zurück nach Deutschland gekommen. Aktuell ziehe sie nichts zurück nach Hause.


VanLove Girls als safe space für Frauen

Zeitgleich mit ihrem Aufbruch aus Deutschland gründete sie die Facebook-Gruppe VanLove Girls. Eine Gruppe, in der Frauen* Fragen zum Leben und Reisen im Camper stellen können: von der Wahl des richtigen Fahrzeugs über geeignete Stellplätze bis zu Reparatur-Tipps. „Bei uns gibt es keine doofen Fragen. Man darf alles fragen: Ausbau, Vanlife, wie man da reingerutscht ist, wie man unterwegs Dinge händelt, Tipps, Reiserouten – alles. Weil ich glaube, dass es dringend den Raum braucht, in dem wir Fragen stellen dürfen“, sagt Karin.

Deshalb hat sie die Gruppe damals gegründet. Auch, weil ihr der teils unangebrachte Umgang mit Frauen in gemischten Camper-Gruppen und Foren nicht gefallen hat.


Eine solche Frage ist: „Mädels, warum schreibt ihr immer alle, dass ihr einen Spaten dabeihabt, wenn ihr unterwegs seid?“ Wenn jemand noch nie campen war, weiß diejenige nicht, dass ein Spaten wichtig ist, wenn man irgendwo ist und kein Klo hat. Niemals würden sich Frauen in einer gemischten Gruppe über sowas austauschen, weil da wirklich viele blöde oder sexistische Antworten und Kommentare kommen.

Karin Scherpe, Business Coach und Gründerin der VanLove Girls-Community


Mittlerweile sind mehr als 8600 Frauen Teil der Gruppe, zur VanLove Girls-Community gehören heute auch ein Podcast, ein Webshop, ein Youtube-Kanal und ein Blog, in dem Karin zum Beispiel erklärt, wie sich Oberlichter in Vans optimieren oder Hochdächer nachrüsten lassen. Auch Tipps, an welchen Stränden in Spanien Hunde erlaubt sind, finden sich im Blog.

Ein wichtiger Aspekt hinter der VanLove Girls-Gruppe sei der Empowerment-Gedanke, erzählt sie. „Gerade wenn Leute aus einem Umfeld kommen, wo das nicht supportet wird oder wo ihnen die ganze Zeit erzählt wird, dass das Bullshit ist, trauen die sich nicht. Und wenn sie dann in die Gruppe kommen und sehen, dass es doch geht, probieren sie es aus. Das ist sehr schön zu beobachten, dass reines Inspirieren schon reichen kann, damit Frauen plötzlich Mut bekommen.“


Business Coach für digitale Nomadinnen

Von der Community, dem Blog und dem Podcast könne sie zwar nicht leben, wohl aber von ihrer Arbeit als Business Coach. „Am liebsten begleite ich Frauen, die sich selbstständig machen und ortsunabhängig arbeiten wollen“, sagt sie.

„Ich bin ein Starterkit für Gründerinnen im Vanllifestyle, ich helfe strukturieren – und Klarheit rein zu bringen."


„Wenn mir Leute sagen, dass sie in drei Monaten mit ihrem Van losziehen wollen, den sie noch nicht ausgebaut haben, und sich gleichzeitig noch ein Business ausbauen wollen, fehlt es an einer realistischen Einschätzung und Strukturen. Dafür bin ich da.“

Karin Scherpe, Business Coach und Gründerin der VanLove Girls-Community


Außerdem verdiene sie Geld mit ihrem Youtube-Kanal und vereinzelten Unternehmenskooperationen. Zuletzt habe sie in einem Projekt eines Startups mitgearbeitet, das während Corona entstanden ist und private Stellplätze an Camper und Van-Besitzer vermittelt. „Das war schön, da war ich drei Monate lang mit drin und habe das Scout-Programm, bei dem Leute Stellplätze finden können, geleitet", sagt Karin. „Das Konzept, Alternative zu Campingplätzen für Camper zu finden, ist genau mein Thema, weil ich auch immer einen Mix mache zwischen frei in der Natur stehend, kleinen Stellplätzen

und Langzeitmiete auf Campingplätzen in der Nebensaison.“


Was für mich wichtig ist, ist immer sinnstiftend zu arbeiten. Ich habe noch nie Arbeit nur wegen Geld gemacht. Wenn ich nicht motiviert bin, verliere ich so schnell das Interesse und dann wird es richtig anstrengend für mich. Deshalb mache ich nur noch Jobs, die etwas bringen und die nachhaltig sind.

Karin Scherpe, Business Coach und Gründerin der VanLove Girls-Community


Vor Corona habe sie außerdem Konzepte für Schrauber-Workshops von Frauen für Frauen erarbeitet. Die Idee: KfZ-Mechanikerinnen und erfahrene Schrauberinnen sollten Frauen

zeigen, wie die ihre Fahrzeuge selbst ausbauen und reparieren. Als Karin nach fünf Monaten Recherche und Konzeption endlich die Frauen an der Hand hatte, die bereit waren, Workshops für jeweils zehn Teilnehmerinnen zu geben, kam Corona. Seitdem liege die Idee auf Eis.

„Ich hab’s einfach nicht wieder aufgesetzt. Die, mit denen ich damals veranstalten wollte, konnten nicht mehr“, sagt sie. „Mir ist durch Corona auch mein gesamtes Team weggebrochen, da musste

ich erstmal gucken, dass ich die Community am Leben halte. Aber ich würde die Workshops echt gerne machen.“

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