„Als ich in die Branche kam, hatte ich keinerlei Kontakte“

Aktualisiert: 26. Sept.

Unsere Mobilmacherin der Woche, Larissa Zeichhardt, leitet seit 2015 gemeinsam mit ihrer Schwester die LAT Gruppe. Sie hat das WiM Luncheon ins Leben gerufen, das im Rahmen der Mobilitätsmesse InnoTrans weibliche Fach- und Führungskräfte zusammenbringt. Weil sie selbst kein Netzwerk hatte.


Am 21. September findet in Berlin im Rahmen der Mobilitätsmesse InnoTrans wieder das WiM Luncheon statt. Unsere Mobilmacherin der Woche, Larissa Zeichhardt, hat das Format im Jahr 2016 ins Leben gerufen.

Die InnoTrans ist die internationale Leitmesse für Verkehrstechnik und findet alle zwei Jahre in Berlin statt. Aufgeteilt in die fünf Messesegmente Railway Technology, Railway Infrastructure, Public Transport, Interiors und Tunnel Construction, belegt die InnoTrans alle 42 Hallen des Berliner Messegeländes. 2016 nahm Larissa dort erstmals als Geschäftsführerin der LAT Gruppe teil, einem Familienunternehmen, das unter anderem Bahnstromanlagen, Fahrgastleitsysteme, Kabeltiefbau und Netzwerktechnik für den Nah- und Fernverkehr anbietet.


Obwohl Larissa Elektrotechnik studiert hat, habe sie nicht darüber nachgedacht, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Nach dem Studium gründete sie mit einem Freund ein Software-Start-up für IP-Telefonie. Später wechselte sie zu einem Schweizer Konzern im Bereich Metallverpackung. „Ich hab komplett andere Sachen gemacht, LAT stand nicht in meinem Karriereplan. Bis mein Vater über Nacht einen Herzinfarkt hatte“, erzählt sie.

Seit 2015 führt sie gemeinsam mit ihrer Schwester Arabelle Laternser die LAT-Gruppe mit rund 130 Mitarbeitenden.

Als ich in die Branche kam, hatte ich keinerlei Kontakte. Ich hatte nicht eine Nummer in meinem Telefonbuch, war aber Geschäftsführerin. Stattdessen begegnete mir ganz viel Mansplaining. Männer, die mir die Welt erklären wollten, weil sie überzeugt waren, dass ich gar nichts verstehe. Was ich gebraucht habe, war ein Netzwerk, das mir das Fachwissen vermittelt, was mir gefehlt hat.

Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin LAT-Gruppe


Aus dem Bedürfnis nach einem Branchennetzwerk und dem fachlichen Austausch ist das Luncheon hervorgegangen. „Das war eine Schnapsidee. Ich habe zu meiner Schwester gesagt: Ich lade jetzt einfach alle Frauen zu einem Austausch ein, die zur InnoTrans kommen. Und die frage ich dann.“

Mittlerweile findet das Luncheon zum sechsten Mal statt. Auch, weil viele Frauen, darunter einige Berliner WiM, ihr gesagt haben: „Wir machen das zusammen, das ist so eine tolle Idee.““

Beim ersten Luncheon hat Larissa noch selbst Einladungen verschickt. Heute sei das Luncheon so groß geworden, dass eine Agentur die Organisation übernehme. Sie dürfe nur noch aussuchen, welche Speaker:innen sie gerne hören würde. „Ich gebe nur noch Impulse“, sagt sie.


„Das war das beste Versehen meines Lebens“

Über ihren beruflichen Werdegang erzählt sie, dass sie aus Versehen Elektrotechnik studiert habe. Sie habe sich in London für den Studiengang Media Communication Systems eingeschrieben, weil sie die Inhalte spannend gefunden habe. Dass es sich um ein Elektrotechnikstudium gehandelt habe, sei ihr nicht bewusst gewesen. „Das war ein Versehen, ich hätte mich nie getraut, etwas Technisches zu studieren, weil ich nie geglaubt hätte, dass ich das kann. Und ich hätte auch nie gedacht, dass mich die Inhalte interessieren könnten.“

Als sie ins Engineering-Departement der Universität geschickt wurde, habe sie sich gedacht: hier stimmt was nicht. Als die Stundenpläne kamen – Mathe, Physik, Elektrotechnik – wusste sie: Das ist kein „irgendwas mit Medien-Studiengang.“ Doch nach drei Monaten sei sie Feuer und Flamme für den Studiengang gewesen. „Das war das beste Versehen meines Lebens“, sagt Larissa. Sie schloss das Studium als Jahrgangsbeste ab und machte in Australien einen Master in international Business, um die Betriebswirtschaftliche Komponente zu verstehen.

„Ich habe Glück, dass die Inhalte meines Studiums zu dem passen, was mein Unternehmen tut. Aber als Geschäftsführerin arbeite ich ja weder in der Produktion noch am Gleis. Mein Job ist es, Menschen zu motivieren.“

Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin LAT-Gruppe


Diesen Job macht sie sehr erfolgreich. 2018 zeichnet die IHK Berlin das Unternehmen als Sieger des Landeswettbewerbs „Unternehmen für Familie“ aus. „In Berlin spielen Wegezeiten zum Beispiel eine große Rolle. Da kommen schon mal zwei Stunden für eine Fahrt zusammen. Das macht den Arbeitstag sehr lang“, sagt sie. Deshalb arbeitet die LAT Gruppe zum Beispiel mit Apps für die Baustellendokumentation. Statt im Büro am Computer ihre Arbeit zu dokumentieren, können die Mitarbeitenden das auf dem Heimweg in der U-Bahn erledigen.

Für die Angestellten in der Verwaltung bietet das Unternehmen dezentrales Arbeiten an; für alle am Gleis und in der Produktion werden Arbeitsschritte so weit wie möglich digitalisiert. Nicht nur wegen der Wegezeiten. „Wir wollen Stärken stärken. Ein Handwerker möchte mit den Händen arbeiten, nicht dokumentieren. Es macht doch keinen Sinn, wenn ein Elektriker pro Tag mehrere Stunden Aufsätze schreibt“, sagt Larissa.


Mit Ausbildung on the Job und Führen in Teilzeit gegen dne Fachkräftemangel

Ein weiterer Grund für die zunehmende Digitalisierung von Aufgaben sei auch der Fachkräftemangel. Wo Menschen fehlen, müssen Prozesse automatisiert werden. „Der Fachkräftemangel ist für uns ein wichtiges Thema, sogar noch wichtiger als die Frage, wie das Verhältnis von Männern und Frauen bei uns ist“, sagt Larissa.

Es gibt zum Beispiel keine staatliche Ausbildung für Kabelverleger. Das ist einfach kein Ausbildungsberuf. Entsprechend gilt der Kabelverleger seit 15 Jahren als Mangelberuf. Deshalb bilden wir die Leute on the Job aus. Egal, ob das vorher Bäcker, Taxifahrer oder Friseurinnen waren.

Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin LAT-Gruppe


Wichtig sei ihr, dass das mittlerweile fünfköpfige Führungsteam Werte wie Familienfreundlichkeit nicht nur predige, sondern auch vorlebe. Eine Elternzeitregelung beispielsweise ist gesetzlich vorgegeben und sei starr, da können man als Arbeitgeber nichts dran machen. Aber sie könnten zum Beispiel Führung in Teilzeit anbieten – und machen das auch. „Wenn wir das nicht machen würden, würde sich doch keiner trauen, danach zu fragen“, sagt Larissa.

„Wir haben 130 Mitarbeitende, wir sind ein kleiner Laden. Deshalb suchen wir individuelle Lösungen für die Menschen. Egal, ob jemand Kinder hat, kranke Eltern oder seine Freizeit genießen will.“

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