“Am liebsten fahre ich die die Linie 13 von Holweide bis zum Sülzgürtel”

Annkathrin Wiesner ist im Wortsinne Mobilmacherin: Seit 2019 ist sie Stadtbahnfahrerin bei den Kölner Verkehrsbetrieben und bewegt täglich tausende Menschen. Uns hat sie erzählt, was zur Ausbildung als Stadtbahnfahrerin gehört und was sie an ihrem Job liebt.

Foto: Christoph Seelbach, Kölner Verkehrs-Betriebe AG



Bei den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) arbeiten mittlerweile rund 4000 Menschen. Davon sind etwa 770 Busfahrerinnen und Busfahrer. Weitere 900 Angestellte fahren die Stadtbahnen der KVB. Eine von ihnen ist Annkathrin Wiesner. Die zwar schon immer zur KVB wollte und dort zunächst eine Ausbildung als Industriekauffrau absolvierte. Als sie Anfang 2019 ihr Zeugnis in der Hand hielt, waren aber keine Stellen in dem Bereich frei. “Da ich jedoch gerne weiterhin bei der KVB bleiben wollte, kam dann der Gedanke, vorübergehend in den Fahrdienst zu wechseln”, sagt Wiesner.


Bei ihrem Vater, der sie zur KVB gebracht hatte, sei es umgekehrt gewesen: “Er arbeitet seit 22 Jahren bei der KVB und hat damals als Stadtbahnfahrer angefangen. Mittlerweile sitzt er im Büro und ist für die Planung des Personals im Bahnbereich zuständig.”

Wiesner hat im Sommer 2019 mit der Ausbildung zur Stadtbahnfahrerin begonnen. Wer Stadtbahnfahrer*in werden möchte, muss mindestens 21 Jahre alt sein, eine abgeschlossene Ausbildung oder ein abgeschlossenes Studium vorweisen können und einen PKW-Führerschein besitzen. Auf die gelernte Industriekauffrau Wiesner traf das alles zu.



Drei Monate Theorie und Praxis, ein Monat begleitetes Fahren


Die Ausbildung dauert insgesamt vier Monate, erzählt sie. Die ersten drei Monate

bestehen aus Theorie und Praxisunterricht. “Die verschiedenen Themen, die im Theorieunterricht vermittelt werden, werden durch kleine Lernzielkontrollen überprüft”, sagt Wiesner. “So sehen die Ausbilder, wo noch Nachholbedarf besteht.”


Nach sechs Wochen Fahrpraxis gibt es auch hier eine erste Zwischenprüfung-

Nach drei Monaten Ausbildung findet dann die Abschlussprüfung statt, die - wie auch die vorherige Zwischenprüfung - aus einem schriftlichen und einem praktischen Teil besteht.


“Den vierten Monat fährt man schon selbstständig die Bahnen durch Köln, hat jedoch einen

sogenannten Lehrfahrer an der Seite”, erklärt Wiesner. “Das ist ein erfahrener Fahrer mit mindestens drei Jahren Fahrerfahrung, der einen den ganzen Tag begleitet und am Anfang noch Hilfestellung gibt, wenn es nötig ist.”



“Seit Winter 2019 fahre ich selbstständig jeden Bahntyp der KVB durch Köln.”

Annkathrin Wiesner


Mit ihrer Ausbildung darf Wiesner nur die Bahnen der KVB fahren. Denn die Ausbildung ist eine interne, also zugeschnitten auf Fahrzeuge und Strecken der Kölner Verkehrsbetriebe. “Man kann jedoch nach einem Jahr im Fahrdienst eine Weiterbildung machen, die so genannte „EBO“. Mit dieser Erweiterung darf man auch die Strecken der Häfen und Gütergesellschaft befahren, das heißt die Linie 7 bis nach Frechen, die 16 und 18 bis nach Bonn und die 17 in Köln”, sagt Wiesner.

Die Weiterbildung dauert nochmal sechs Wochen und wird - ebenfalls als interne Ausbildung - mit den Stadtwerken Bonn (SWB) zusammen durchgeführt.



"Meine Lieblingslinie ist die Linie 13 von Holweide bis zum Sülzgürtel. Man ist größtenteils draußen an der frischen Luft unterwegs und nur einen kleinen Teil im Tunnel. Die Linie 13 fährt auch abseits vom ganzen Innenstadt-Trubel, was zwischendurch auch mal sehr angenehm sein kann."


Zusätzlich zu solchen Weiterbildungen können die Fahrer*innen der KVB einmal im Jahr

zusätzlichen Fahrunterricht nehmen, bei dem wichtige Themen aufgefrischt, Veränderungen oder technische Neuerungen besprochen werden.


Es gilt aber keineswegs: Einmal Stadtbahnfahrerin, immer Stadtbahnfahrerin: “Genau wie den normalen PKW-Führerschein kann man bei bestimmten Delikten auch den Stadtbahnführerschein verlieren bzw. es wird einem die Fahrerlaubnis entzogen”, sagt Wiesner. Und wer seinen PKW-Führerschein abgeben muss, darf in der Zeit auch keine Straßenbahn führen.


Foto: Stephan Anemüller, Kölner Verkehrs-Betriebe AG


Eine feste Strecke hat Wiesner nicht: “Meine Linien wechseln täglich”, sagt sie. Und klar: Schichtdienst gehört für die Fahrer*innen zum Job dazu. Allerdings können Wiesner und ihre Kolleg*innen sich Schichten wünschen; die Disponenten kämen den Wünschen in 80 Prozent der Fälle nach. “Ich selbst fahre am liebsten in der Frühdienstlage, Dienstbeginn ist da zwischen 02:59 Uhr und 06:59 Uhr, so hat man nach der Arbeit noch sehr viel vom Tag übrig.”


Ich selbst bin privat, wenn es möglich ist, auch nur mit der Bahn unterwegs. Das Auto nehme ich nur aus Bequemlichkeit oder wenn mein Dienstbeginn so liegt, dass dann noch keine Bahn unterwegs ist.

Das Tolle an ihrem Job sei die Abwechslung, sagt Wiesner. “Nicht nur, dass man jeden Tag

woanders unterwegs ist, jeder Tag gestaltet sich anders. Angefangen mit dem

Dienstbeginn über mögliche Probleme auf der Strecke bis hin zum Kunden.” Letztere könnten natürlich auch anstrengend sein, wenn sie die Fahrerinnen und Fahrer nicht nur als Ansprechpartner sondern auch als Schuldigen für Verspätungen oder technische Probleme betrachten.


Herausforderungen: Karneval, FC Spiele und der Individualverkehr


“Schwierig kann es auch werden, wenn der Individualverkehr uns kreuzt und es durch Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer zu Unfällen kommt.” Das kann gerade bei Großveranstaltungen in der Stadt schwierig sein. Trotzdem fahre sie immer noch gerne im Karneval oder bei Spielen des 1. FC Köln. “Beide Spektakel mal aus einer anderen Sicht mitzuerleben, macht das Ganze sehr spannend”, sagt Wiesner.

Dabei seien Dienste im Karneval deutlich anstrengender, weil dann mehrere Tage und Nächte lang Ausnahmezustand in Köln herrscht. “Das FC-Spiel findet an einem Tag für ein paar Stunden statt und danach ist das ganze Spektakel erstmal wieder vorbei.”



Stadtbahnfahrer*in ist allerdings kein Job mit viel Kollegenkontakt: “Die Kollegen sieht man natürlich auf der Strecke, wenn man sich entgegenkommt. Ansonsten bei Schicht- bzw. Kurswechsel und natürlich in den Pausenräumen.”

Damit trotzdem ein Wir-Gefühl entsteht, laden die Kölner Verkehrsbetriebe regelmäßig alle Mitarbeiter*innen der KVB - von der Straßenbahnfahrerin bis zur Vorstandsvorsitzenden - zum Mitarbeiterfest. “Diese finden immer an unterschiedlichen Orten statt, das letzte wurde im Rhein Energie Stadion organisiert, mit Essen und Trinken für alle inzwischen 4000 Mitarbeiter der KVB, als Dankeschön für die Arbeit jedes einzelnen.”

Für die Kölner Verkehrsbetriebe sind mehr als 700 Fahrzeuge auf mehr als 700 Kilometern Liniennetz im Einsatz. Die zwölf Bahn- und 69 Buslinien transportierten zuletzt - vor Corona - 286 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Pro Jahr verfährt die KVB-Flotte mehr als 54 Millionen Kilometer. Das entspricht rund 70 mal der Strecke von der Erde bis zum Mond - und wieder zurück.


Welcher Zug und welcher Bus gerade wo unterwegs ist, lässt sich in der KVB-Leitstelle in Echtzeit verfolgen.

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