"Ein starres Lebenskonzept mit vorgegebenem Ziel ist mir zu langweilig“

Aus Angst vor einem langweiligen Job hat Dr. Ines Kawgan-Kagan drei verschiedene Studiengänge absolviert. 2020 hat sie das AEM Institute mitgegründet, das (Verkehrs-)Unternehmen in Sachen geschlechtergerechter Mobilität berät. Heute schlägt das Herz unserer Mobilmacherin der Woche für Forschung, Lehre und Weiterbildung.


Wer sich in Deutschland mit geschlechtergerechter Mobilität – Gender Mobility – auseinandersetzt, kommt an Dr. Ines Kawgan-Kagan kaum vorbei.

Sie forschte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, an der HTW Berlin sowie der Technischen Universität Berlin und war Unternehmensberaterin bei der APPM GmbH, die

Regierungen, Städte, Kommunen und Stadtwerke in Sachen nachhaltiger Mobilität berät.


Kawgan-Kagan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Frankfurter Goethe Universität, lehrt an der HTW Berlin im Fachbereich Ingenieurwissenschaften, spricht auf Mobilitätsveranstaltungen wie der IAA und hat 2020 mit dem AEM Institute ein Unternehmen gegründet, das (Verkehrs-)Unternehmen zum Thema Gendergerechtigkeit berät.


Wenn man von Gendergerechtigkeit spricht, meint man auch Kinder, Ältere, Menschen mit Einschränkungen, anderer Hautfarbe und viele andere. Noch immer planen überwiegend Männer die Stadt und den Verkehr und haben Gender nicht auf dem Schirm. Selbst in den Hochschulen wird es weiterhin vergessen. Die unterschiedlichen Kundengruppen werden zwar genannt, aber das Thema steht nicht explizit auf dem Lehrplan.

Dr. Ines Kawgan-Kagan, Gründerin und Geschäftsführerin AEM Institute



Ihr Erfolg sei ihr manchmal selber unheimlich, sagt sie. Gerade da ihre Karriere alles andere als geplant gewesen sei. „Mittlerweile weiß ich, was ich will. Vor zwei Jahren habe ich das noch nicht gewusst.“

Schon in der Schule habe sie Leute bewundert, die genau wussten, was sie nach der zehnten Klasse machen sollen. „In meiner Schulzeit hatte ich kein Interesse und auch gar keine Idee, was morgen ist. Erst im Studium habe ich den Spaß am selbst bestimmten Lernen und am Wissen ansammeln entdeckt. Ich habe auch erst im Studium gemerkt, dass ich was auf dem Kasten habe.“

Was sie in ihrem Studium auch bemerkte: der Studiengang Public Administration war zwar interessant, die Jobs, die sie mit dem Studium hätte machen können, weniger. „Ich wäre mit meinem Abschluss Sachbearbeiterin im gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst geworden und habe während eines Praktikums gemerkt, dass der Job absolut nichts für mich ist. Also habe ich das Studium abgeschlossen und mich dann weiterqualifiziert.“


Im Studium habe ich oft gemerkt: Das ist es nicht, das willst du nicht für immer machen müssen. Ich habe die Fächer zu Ende studiert und dann geschaut, was ich darauf aufbauend machen kann.

Dr. Ines Kawgan-Kagan, Gründerin und Geschäftsführerin AEM Institute


Unter anderem in einem Auslandssemester BWL an der schwedischen Linnéuniversitetet. „Damals hatte ich nur zwei Kinder, aber die Leute haben mich trotzdem schräg angeguckt, dass ich trotz Kindern weiterhin machen wollte, was andere Leute auch gemacht haben. Kinder haben fiel damals noch in die Kategorie Behinderung“, erzählt sie.


Lieber ein weiteres Studium als einen unbefriedigenden Job

Nach ihrem Semester in Schweden wechselte Kawgan-Kagan das Fach und studierte an der Freien Universität Berlin Soziologie. „Ich hatte Angst vor einem Job, der mein Leben in eine Bahn lenkt, die mich unglücklich macht. Da habe ich lieber weitergelernt. So hatte ich mehr Zeit, mich zu entscheiden.“ Als sie ihren Master in Soziologie machte, habe sie ihre Liebe zur quantitativen Datenanalyse entdeckt, die für ihre heutige Arbeit im Mobilitätssektor eine wichtige Rolle spielt.


Zum Ende ihres Studiums wurde Kawgan-Kagan wieder schwanger. „Mein Studium ging zu Ende, mein befristeter Job lief aus, ich war schwanger und als Sozialwissenschaftlerin in Berlin hattest du damals kaum eine Chance, einen vernünftigen Job zu finden. Also habe ich mich gefragt: Was machst du denn jetzt?“ Die Antwort: In Verkehrswesen an der TU Berlin promovieren.


Ich habe schon ganz oft in meinem Leben die Richtung gewechselt. Was nützt ein starrer Plan? Es kommt eh immer anders und dann muss man reagieren.

Dr. Ines Kawgan-Kagan, Gründerin und Geschäftsführerin AEM Institute


Während ihrer Studiengänge hat Kawgan-Kagan in vielen Projekten gearbeitet und sich so ein Netzwerk aufgebaut und Einblick in verschiedene Jobs erhalten. „Ein Bekannter von mir vom InnoZ, Christian Hoffmann, Professor für Psychologie, hat mir dann davon erzählt, dass viel mehr Männer als Frauen Carsharing mit Elektroautos nutzen und meinte, das wäre doch ein schönes Promotionsthema.“ Also fing sie an, eine Promotion über den Gender-Gap bei innovativen Angeboten für den Mobilitätsbereich zu schreiben.

„Weil ich in Projekten gearbeitet habe, um Geld zu verdienen, habe ich diese Promotion über acht Jahre lang quasi nebenher in meiner Freizeit geschrieben. Ich bekomme heute immer wieder zu hören, dass sowas eigentlich nicht möglich ist und es sind während dieser Dissertation auch viele Tränen geflossen und ich habe sehr oft überlegt, alles hinzuwerfen“, erzählt sie.

Wegen einem Rat ihrer Mutter habe sie trotzdem weitergemacht. „Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn du nicht weißt, was du machen sollst, ändere erst einmal nichts und mach so weiter wie bisher. Erst wenn du merkst, was du willst, kannst du etwas ändern. Das habe ich irgendwie verinnerlicht und die Promotion durchgezogen. Ich habe dazu schlicht keine wirkliche Alternative gesehen.“ Seit 2021 ist Kawgan-Kagan deshalb Doktorin der Ingenieurswissenschaften.



In ihrem eigenen Unternehmen, dem AEM Institute (Accessible Equitable Mobility) ist sie für den Akademie-Teil und die Wissensgewinnung zuständig, ihre Mitgründerin Carolin Kruse für die Projektarbeit. In Zukunft will sich Kawgan-Kagan noch stärker auf Lehre und Forschung konzentrieren.

Ein ganz starres Lebenskonzept mit vorgegebenem Ziel ist mir zu langweilig, das kommt vielleicht in der Rente. Bisher musste ich oft nach links und rechts schauen, gucken, was kommt und welche Möglichkeiten es gibt.

Dr. Ines Kawgan-Kagan, Gründerin und Geschäftsführerin AEM Institute


Sie sagt: „Mein Traum ist es, durch wissenschaftliches Arbeiten und durch lehren und lernen neue Erkenntnisse zu gewinnen.“ Und diese dann wiederum mit anderen zu teilen. „Was ich an der Lehre liebe, ist Leute zu empowern und dazu zu bringen, ihre Bestleistungen zu erbringen. Ich liebe es, Leuten neue Dinge zu zeigen und ihre Augen zu öffnen.“


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