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„Glaub nicht alles, was du denkst"

vor 2 Stunden
6 Min. Lesezeit

Norma Weskamp hat Regionalwissenschaften China studiert und acht Jahre lang für eine Tochter der Otto Group in China gearbeitet. Heute ist sie stellvertretende Entwicklungsleiterin bei Zöllner Signal und die neueste Hubmanagerin von WiM Schleswig-Holstein, dem jüngsten Hub im WiM-Netzwerk. Ein Gespräch über Umwege, Mut und warum man sich nicht einreden sollte, was man alles nicht kann.


Porträt von Norma mit kurzen braunen Haaren und Brille vor einem dunkelgrauen Hintergrund. Sie trägt einen dunkelblauen Blazer und eine weiße Bluse.
Norma könnt ihr morgen auf der InnoTrans in Berlin treffen.

Norma Weskamp war schon als ganz junge Frau enorm begeistert von China. Schon während der Schulzeit wollte sie unbedingt einmal dorthin; allerdings konnte ihre Familie einen Auslandsaufenthalt nicht einfach aus der Portokasse bezahlen, wie sie sagt. „Ich wollte mir erst mal das Land angucken, um nicht ohne jemals in China gewesen zu sein, Chinesisch zu studieren. Das war nämlich mein Plan", erzählt sie.

Mit 19 Jahren hatte sie Glück und ergatterte ein Praktikum bei Shanghai Dräger Medical Instruments in China. Sie verliebte sich in das Land und studierte nach ihrer Rückkehr Regionalwissenschaften China, im Kern eine Mischung aus BWL und Chinesisch, und ging nach dem Abschluss direkt zurück nach China, wo sie bei einer Tochter der Otto Gruppe als Merchandise Controller einstieg. „Das war eine mehr oder weniger BWL-lastige Aufgabe: Lieferzeiten, Durchschnittspreise berechnen, solche Sachen.“

Zehn Jahre blieb sie in China, arbeitete sich hoch, übernahm Personalverantwortung. Und merkte recht schnell, dass das Modebusiness nichts für sie war. „Ich habe immer ein bisschen eifersüchtig auf die etwas Technik lastigeren Disziplinen geguckt und gedacht: Bevor ich mich um Baumwollpullis kümmere, wäre doch eine Waschmaschine interessanter“, erzählt Norma. Deshalb nutzte sie die Chance, beim Aufbau einer Online-Datenbank in ihrem Unternehmen das Projektmanagement zu übernehmen. Die Zusammenarbeit mit den Software-Entwicklern, das Koordinieren, das machte ihr Spaß.

Ich bin vom Typ eher jemand, die sich kümmert. Eher interdisziplinär vom Kopf her angelegt, habe ich auch recht früh in China Personalführung übernehmen können. Das lag sicherlich auch daran, dass ich als Deutsche in China war und Otto ein deutscher Konzern. Ob das in Deutschland auch so gelaufen wäre, weiß ich nicht.


Norma Weskamp, stellvertretende Entwicklungsleiterin bei ZÖLLNER Signal


Trotzdem fällte Norma 2014 die Entscheidung, zurück nach Deutschland zu gehen. „Ich wollte einfach nach Hause, irgendwann ist genug."

Der Wiedereinstieg fiel ihr nicht leicht: mit Kind, einer für den deutschen Arbeitsmarkt ungewöhnlichen Vita, einer Faszination für große Maschinen, „und wer braucht schon Chinesisch?“, zählt sie auf.

Schließlich habe sie in Teilzeit als Commercial und Contract Managerin bei Senvion angefangen, einer Firma, die Windkraftanlagen hergestellt hat. „Das Unternehmen ist leider insolvent gegangen, sonst wäre ich vielleicht heute noch in der Windkraftbranche tätig“, sagt Norma. Als sich abzeichnete, dass ihr Arbeitgeber finanziell nicht überleben würde, suchte sie etwas neues – und fand einen Job, in dem sie nicht glücklich war.

„Die großen Projekte sind an mir vorbeigegangen. Also habe ich nach einem Jahr beschlossen: Ich zieh den Stöpsel, da gibt es für mich keine Entwicklung.“ Das sei eine Entscheidung, die sie jedem empfiehlt: wenn es nicht passe, keine Entwicklungsmöglichkeiten gebe, dann müsse man gehen.

Ein Kontakt von Senvion habe sie dann zu Vossloh Locomotives- heute Vossloh Rolling Stock - gebracht, einem Hersteller von Güterlokomotiven. „Wie es dann manchmal so ist mit den Netzwerken“, sagt Norma. Sie fing dort in der Entwicklungsabteilung im Safety Team an. „Das war mein Einstieg in die Mobilität.“


Bei Vossloh Rolling Stock, inzwischen von CRRC ZELC - einer Tochter des weltgrößten Schienenfahrzeugherstellers aus China - aufgekauft, stieg sie in die Abteilungsleitung auf, übernahm Personalführung und wurde später gemeinsam mit zwei Kolleg:innen zur Bereichsleitung berufen. Das sei sehr anspruchsvoll gewesen, erzählt Norma. „Ich habe in der Zeit einen tiefen Einblick bekommen in die ganze Nachweisführung: Wie macht man so eine Zertifizierung oder Homologation von einem Fahrzeug im Bahnsystem zum Beispiel“, dieses Wissen nütze ihr auch in ihrem jetzigen Job.

Die Bahnbranche, die hat es wirklich in sich. Da war ich sehr überrascht. Da muss man sich einfach dran gewöhnen, dass die Branche stark reguliert und fragmentiert ist und man eben nicht mit einem Produkt gleich international erfolgreich werden kann, sondern dass Normen und Gesetzgebung lokal und kleinteilig sind. Und man deswegen auch in einem konstanten Anpassungssog ist, weil man eben nicht ein Produkt überall ausrollen kann. 


Norma Weskamp, stellvertretende Entwicklungsleiterin bei ZÖLLNER Signal


Heute ist Norma bei ZÖLLNER Signal GmbH in Kiel als stellvertretende Entwicklungsleitung tätig. Bei ZÖLLNER Signal dreht sich alles um die Frage, wie sich Mobilität sicherer machen lässt. Das Kieler Familienunternehmen entwickelt Sicherheitstechnik für den Bahn- und Schiffsverkehr – von Warnsystemen für Arbeiten im Gleisbereich über Lösungen für Bahnübergänge und Geschwindigkeitsüberwachung bis hin zu Signalhörnern für Schienenfahrzeuge und Schiffe.

Ihre Kernaufgabe: Ressourcen- und Projektmanagement über rund 45 Personen in der Entwicklung hinweg, Budgetplanung, Schnittstellenkoordination und dafür zu sorgen, dass u.a. Software und Hardware zeitgleich fertig sind.

Die Lösungen werden von Bahnen und Infrastrukturbetreibern ebenso eingesetzt wie von Sicherungs- und Bauunternehmen, Fahrzeugherstellern, Werften und Reedereien. „Ich bin bei uns die Spinne im Netz und stehe als Kommunikatorin in der Mitte. Meine Qualität besteht darin, das große Ganze im Auge zu behalten und mich nicht durch kleine Dinge ablenken zu lassen“, beschreibt sie ihren Job.


Auch wenn Norma selbst nicht aus einer technischen Disziplin kommt, setzt sie mit dem Projektleitungs-Team die Rahmenbedingungen für die Entwicklung sicherheitsrelevanter Produkte. Denn bei Warnanlagen für Bahnbaustellen oder Signalhörnern für Lokomotiven geht es im Ernstfall um Menschenleben. „Da muss man sich der Verantwortung und der Prozesse, die man einzuhalten hat, um eine sichere Technik zu entwickeln, bewusst sein“, sagt sie. Je nachdem, wie viele Menschen gefährdet sein könnten, wenn ein Produkt nicht korrekt funktioniert, müssen unterschiedliche Sicherheitslevel eingehalten und entsprechende Sicherheitsfunktionen umgesetzt werden. Gleichzeitig müssen die Systeme zu den technischen Gegebenheiten vor Ort passen. Zwar gebe es europäische Regularien, erklärt Norma, aber es gebe eben auch einen Flickenteppich von nationalen Anforderungen.

Was technisch sinnvoll und möglich ist, klärt das Produktmanagement und technischer Vertrieb gemeinsam mit den Kunden und gleicht dann mit der Entwicklung ab: Wie groß ist der Aufwand? Lässt sich eine Lösung auch auf andere Märkte übertragen? „Die Bahnbranche ist ein sehr komplexes Geschäft“, sagt Norma. Die Herausforderungen seien groß, die Anforderungen würden immer spezieller und die technische Entwicklung schreite schnell voran. „Man kann seinen Produkten fast dabei zuschauen, wie sie veralten. Das ist teilweise schon sehr frustrierend.“


Gerade diese Komplexität mache die Arbeit für sie aber auch spannend. Noch immer schaue sie ihren Kolleg:innen gerne über die Schulter, wenn die Platinen löten und fragt nach: Was ist das? Was machst du gerade? Warum ist das wichtig? „Ich nenne das meine Mikroschulungen“, erzählt Norma. Statt sich tagelang in ein Thema einzuarbeiten, nimmt sie immer wieder einige Minuten Zeit ihrer Kolleg:innen in Anspruch. „Es gibt nach wie vor unglaublich viel, was ich noch entdecken und lernen kann. Mich erfüllt es mit viel Freude, lernen zu können.“

Diese Neugier verbindet sie mit einer Haltung, die sie durch ihre gesamte Karriere getragen hat: erst einmal Ja sagen und ausprobieren, statt sofort nach Gründen zu suchen, warum etwas nicht funktionieren könnte.

Ihr Appell an Frauen, die über einen Einstieg in eine technische Branche nachdenken, ist deshalb sehr deutlich: „Lasst euch nicht einreden, dass ihr etwas nicht könnt. Natürlich gibt es auch Leute, die vielleicht nicht so geeignet sind. Aber glaub nicht alles, was du denkst.“ Sie sagt: „Ich bin jetzt 50. Wenn ich zurückschaue, habe ich mir in der Schulzeit lange eingeredet, dass ich Mathe nicht kann - was totaler Blödsinn ist.“

„Mut zur Veränderung heißt auch, zu sagen: Ich sehe hier keinen Weg für mich, also suche ich mir etwas anderes. Und wenn mir jemand eine Chance gibt, selbst wenn sie ein bisschen zu groß ist, sage ich nicht gleich: Nein, das kann ich nicht.“

Norma Weskamp, stellvertretende Entwicklungsleiterin bei ZÖLLNER Signal


Genau diese Haltung möchte sie in einer Branche einbringen, die nicht nur technisch, sondern auch personell vor einem Generationswechsel steht. „Das merkt man bei den Bahnen genauso wie bei den Zulieferern“, sagt Norma. „Da hat sich viel getan. Und ich freue mich, dass ich daran teilhaben kann.“


Die „Ersatzspielerin“ von WiM Schleswig-Holstein

Seit Kurzem bringt Norma ihre Erfahrungen auch bei Women in Mobility ein. Sie gehört mittlerweile zum Führungsteam des WiM Hub Schleswig-Holstein. Mit einem Augenzwinkern beschreibt sie ihre Rolle als „Ersatzspielerin“.


Eine der Gründerinnen, Normas Kollegin bei ZÖLLNER Signal, musste sich aus privaten Gründen zurückziehen. Daraufhin kam Norma ins Spiel. Angesprochen wurde sie von Verena, einer weiteren Mitgründerin des Hubs, die bei Vossloh Rolling Stock arbeitet. Die beiden kannten sich bereits aus Normas Zeit im Unternehmen.

„Die Welt ist klein“, sagt Norma. „Wir kennen uns gut und kommen sehr gut miteinander klar. Dann hat Verena mich angesprochen und ich habe gesagt: Ja, in Ordnung.“

Als jüngster Hub im WiM-Netzwerk baut WiM Schleswig-Holstein seine Community und seine Formate derzeit weiter auf. Neben Vortragsveranstaltungen bietet das Team einmal im Monat ein #CoffeeUp an: ein kurzes, niedrigschwelliges Format mit Impulsen und Raum für Austausch und mehr Zeit, in ein Thema einzutauchen. Die bisherigen Themen reichten von Sicherheit und Innovation bis zum lateralen Führen ohne Vorgesetztenfunktion.


Wer bei einem #CoffeeUp dabei sein, ein eigenes Thema vorstellen oder den jungen Hub beim Wachsen unterstützen möchte, ist ausdrücklich willkommen.


  • Hier stellt sich der WiM Hub Schleswig-Holstein vor und

  • über diese WhatsApp-Gruppe könnt ihr direkt mit dem Hub in Verbindung treten

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