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„Sie entscheidet, wo wir hinfahren“

vor 10 Minuten
7 Min. Lesezeit

Von Berlin über Roermond, Frankfurt, Düsseldorf und Köln nach Bremerhaven. Seit 2019 reisen Zauberbärin und Frankyman samt Elektrorollstuhl mit dem Zug mehrmals pro Woche quer durch Europa. Seit rund vier Jahren berichten sie darüber auf Social Media und in ihrem Podcast. Wir haben sie auf einer ihrer Reisen in Köln getroffen.


Zauberbärin sitzt in ihrem Elektrorollstuhl neben ihrem Mann Frankyman auf einem Bahnsteig. Beide schauen in die Kamera, hinter ihnen steht ein weißer ICE der Deutschen Bahn.
Zauberbärin und Frankyman reisen mit dem Rollstuhl quer durch Europa. Im WiM-Interview sprechen sie über Barrierefreiheit, Selbstbestimmung und Bahnreisen.

Eigentlich waren Zauberbärin und Frankyman gerade auf dem Rückweg von Roermond nach Bremerhaven. Wobei „Rückweg“ bei den beiden Auslegungssache ist: Die Route führte über Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Köln. Wer gerne und viel Bahn fährt, muss schließlich nicht immer die kürzeste Strecke nehmen. Dass das Paar auch mal einen Umweg über Straßburg macht, überrascht im Umfeld niemanden mehr. Eher schon, wenn die beiden tatsächlich direkt nach Hause fahren.

An diesem Freitagnachmittag führt die Reise jedenfalls über Köln. Anderthalb Stunden bleiben für ein Gespräch im Starbucks am Hauptbahnhof, danach steht noch ein Besuch im Disney-Outlet auf dem Programm, bevor es gegen 20 Uhr zurück nach Bremerhaven gehen soll. Diesmal ohne Umwege. Zumindest ist das der Plan.

Wer mit den beiden spricht, merkt schnell: Es geht für sie nicht nur um Fahrpläne und die Frage, ob der Hublift funktioniert. Es geht um die Freiheit, unterwegs zu sein, spontan zu entscheiden und selbst zu bestimmen, wohin die Reise geht. Und darum, warum das für Menschen mit Behinderung noch immer viel zu oft mit unnötigen Hindernissen verbunden ist.


Die Reiseplanerin und ihre Begleitperson

Zauberbärin, im echten Leben Karin Cordes-Zabel, nutzt wegen einer Zerebralparese einen Rollstuhl. Ihr Mann Frank Cordes, im Netz Frankyman, ist immer an ihrer Seite. Wer die beiden bei Social Media verfolgt, sieht sie fast täglich an neuen Orten: Paris, Hamburg, Berlin. Wie oft sie tatsächlich unterwegs sind, hänge vom Wetter ab und davon, wie fit sie gerade sind, sagt Frank. Drei Tage pro Woche seien aber durchaus normal.

Auch nachts. „Es gibt einen Unterschied zwischen Nachtzügen und Zügen, die nachts fahren“, erklärt Frank. Die beiden nehmen meistens die zweite Sorte, wie viele Menschen im Rollstuhl. „Zumindest treffen wir nachts ganz viele.“ Von der ÖBB sei ein Schlafwagen mit rollstuhlgerechter Kabine im Einsatz, allerdings nur auf wenigen Strecken. Von einem deutschen Betreiber mit Nachtzügen in Skandinavien haben sie erfahren, dass es so einen Wagen zwar gibt, aber gebucht werden könne er nicht.


Also schlafen die beiden im Sitzen. Und vertreten sich anschließend, wie andere Reisende auch, im Zug die Beine. Wenn Zauberbärin nach Stunden im Rollstuhl sagt, dass sie jetzt ein bisschen stehen oder laufen muss, holt Frankyman sie aus dem Rollstuhl, und die beiden gehen mit seiner Hilfe durch den Zug. Manche Mitreisende Social Media-Kommentator*innen hätten sie schon darauf angesprochen, „die arme Frau, das kann ihr doch nicht guttun. Aber doch, das tut ihr gut“, sagt Frank. „Wenn jemand nach sieben Stunden Zugfahrt aufsteht, um sich die Beine zu vertreten, findet das niemand komisch. Warum sollte das bei einem Menschen mit Behinderung anders sein?“

Allgemein erleben die beiden, seitdem sie begonnen haben, online von ihren Reisen zu berichten, dass Menschen über sie urteilen. „Viele Menschen denken, ich würde sie überall mit hinnehmen und sie hätte gar keinen Einfluss darauf, wo wir hinfahren“, sagt Frankyman. Tatsächlich ist es umgekehrt.


Auf Karins Wunschliste stehen noch Rom und Venedig. Für die weite Strecke braucht es allerdings ein Hotel vor Ort, weshalb die Reisen zwar schon geplant, aber noch nicht umgesetzt sind. Selbst ein Arzttermin wird bei den beiden zur Reise. Am Mittwoch steht einer in Oldenburg an. Von Bremerhaven aus sind das anderthalb Stunden Nahverkehr, was Karin zu langweilig ist. „Da fahren wir vorher noch woanders hin. Die wären da auch enttäuscht, wenn wir auf direktem Weg hinfahren würden“, sagt Frank. Also machte das Paar einen Schlenker über Bozen.


„Ich habe bei der Reiseplanung nichts zu melden. Sie entscheidet, wo wir hinfahren. Sie ist die Woman in Mobility. Ich bin nur die Begleitperson. Irgendjemand muss ja die Türen aufhalten.“

Frank Cordes, alias Frankyman


Auf die Frage, ob sich an der Barrierefreiheit in Deutschland in den letzten sieben Jahren, die die beiden unterwegs sind, etwas verbessert hat, antwortet Karin mit ihrem Sprachcomputer: „Es hat sich schon etwas verbessert. Aber es gibt immer wieder auch Rückschritte.“ Das größte Problem sei weiter die Kommunikation. Wer wissen will, was kaputt ist, wo man sich melden muss und wie man weiterkommt, findet das selten auf Anhieb. Auch Apps, die über defekte Aufzüge informieren, helfen nur, wenn der defekte Aufzug auch darinsteht. Was nicht immer so ist.


Noch uneinheitlicher wird es im Nahverkehr. Überall gibt es andere Straßenbahnen-Typen, Busse und Richtlinien. „In Stuttgart sagt der Busfahrer, die Begleitperson soll die Rampe bedienen. In Hamburg sagt der Busfahrer: Das ist mein Bus, das mache ich selbst. Wenn Sie dabei etwas kaputt machen oder sich die Finger einklemmen, bin ich verantwortlich.“ Dazu kommen Konstruktionsfehler wie in manchen Münchner U-Bahnen: Zwischen Bahnsteig und Bahn klafft eine Lücke, die nur mit Schwung zu überwinden ist. Direkt hinter der Tür steht jedoch eine feste Haltestange. Karin habe sich daran beim Einsteigen schon einmal den Fuß verletzt.

In Hamburg und Wien erleben die beiden dagegen einen relativ barrierefreien ÖPNV und Stationen. Überhaupt laufe es in Österreich mit der Barrierefreiheit sehr viel besser sagt Karin. Das gehe schon bei der Außendarstellung los. In Imagevideos der ÖBB kommen ganz selbstverständlich Menschen mit Behinderung vor, die einfach gerne Bahn fahren. Etwa ein 98-Jähriger Mann im Rollstuhl, dessen Hobby es ist, mit dem Nightjet zwischen Österreich und Hamburg zu pendeln.


„Das sind Menschen mit Behinderung, die auch mal ein bisschen verrückt drauf sind“, sagt Frankyman. „Bei der Deutschen Bahn sehen wir solche Geschichten nicht in der gleichen Weise.“ Dabei sei Sichtbarkeit mehr als eine Imagefrage. „Wenn Menschen mit Behinderung immer nur als Problem dargestellt werden, trauen sich andere vielleicht gar nicht erst, selbst Bahn zu fahren.“


Vorbilder und Hasskommentare

Dennoch inspirieren die beiden als Zauberbärin und Frankyman viele Menschen mit und ohne Behinderung. „Wir bekommen Nachrichten von Menschen, die selbst nicht reisen können, aber durch unsere Geschichten einen Blick in die Welt bekommen“, erzählt Frank. Eine Mutter eines Kindes mit Behinderung schrieb, dass die Geschichten der beiden für die Familie eine besondere Bedeutung haben. Andere wurden motiviert, endlich wieder selber rauszugehen. Demgegenüber stehen die Hasskommentare. Gefragt wird, woher das Geld für die Reisen stammt. Sie würden andere belästigen, weil das Bahnpersonal ihretwegen Mehrarbeit habe oder Züge später abfahren. Manche Kommentare stellen Zugfahrten von Menschen mit Behinderung in eine Reihe mit den NS-Deportationen. Die schlimmsten Kommentare löschen und blockieren die beiden. „Eigentlich müsste man für jeden Hasskommentar noch 1.000 Kilometer drauflegen“, sagt Frank.

Auch Zweifel an Zauberbärins Behinderung gehören dazu. Erst vor wenigen Tagen schrieb jemand, sie könne gar nicht so schwer behindert sein, wenn sie so viel reist. „Das passt nicht in das Bild, das manche von Menschen mit Behinderung haben“, sagt Frankyman. Viele stellten sich vor, dass Menschen mit Behinderung nur zu Hause sitzen und gepflegt werden. Andere meinen, die vielen Reisen schadeten ihr gesundheitlich. Das Gegenteil sei der Fall, ihre Neurologin befürworte das ausdrücklich. In einem Fachbuch wird sie sogar als Role Model geführt.

Die beiden wollen zeigen, „wie normal unser Leben ist“. Wer Menschen mit Behinderung selbstverständlich am Alltag teilnehmen sieht, baut Vorurteile ab. So erklärt es sich auch, warum die beiden nicht nur über Barrieren berichten, sondern auch über Disneyland und Shoppingtouren im Outlet. Viele Menschen mit Behinderung fahren regelmäßig hin, manche haben Jahreskarten. „Disney macht sehr viel für Barrierefreiheit“, sagt Frankyman.


Mythos Hublift

Dass die beiden im Netz heute so bekannt sind, geht auf einen Abend kurz vor Weihnachten 2022 zurück. Sie wollten mit dem ICE fahren, die Zugchefin wollte sie jedoch nicht mitnehmen. Der Hublift sei kaputt. Nach Darstellung der beiden telefonierte die Zugchefin zunächst in einiger Entfernung, um zu klären, ob sie ihre Fahrt angemeldet hatten. Dabei hörten sie, wie sie sagte: „Ich kann den Lift aber nicht bedienen.“ Anschließend erklärte sie ihnen, der Hublift sei defekt.


Hintergrund: Was ist ein Hublift?


Wo Zug und Bahnsteig nicht auf einer Höhe liegen, benötigen Rollstuhlfahrende häufig Unterstützung beim Ein- und Ausstieg. Dafür gibt es Hublifte: Hebebühnen, die den Rollstuhl samt Person auf Einstiegshöhe bringen. Dabei unterscheidet man zwischen Bahnhofshubliften, die vom Bahnhofspersonal bedient werden, und fest im Zug eingebauten Bordhubliften. Letztere kommen beispielsweise beim ICE 4 zum Einsatz, wenn kein Bahnhofspersonal zur Verfügung steht.


Wie aufwendig die Bedienung sein kann, hat Frankyman in einem Video dokumentiert: Damals dauerte der Ein- und Ausstieg mit dem Bordhublift fast zehn Minuten. Inzwischen hat sich einiges verbessert. Zauberbärin und Frankyman haben unter anderem an Coachings für das Zugpersonal mitgewirkt, um den Umgang mit den Liften sicherer und routinierter zu machen. Seit 2026 werden die Bordhublifte zudem technisch optimiert. Auch daran waren die beiden beteiligt.


„Ich habe gesagt, dass ich möchte, dass sie uns mitnehmen. Ich bleibe jetzt hier an der Tür stehen“, sagt Frank. Die Antwort: „Wenn Sie die Tür blockieren, rufe ich die Polizei.“ Wenig später standen laut ihm mehrere Bundespolizisten am Bahnsteig. „Es war kalt, dunkel, mitten in der Nacht, und dann steht da Polizei um dich herum. Karin hat angefangen zu weinen.“


„Wir wollten einfach mit dem ICE fahren, einen heißen Kaffee trinken, etwas essen. Stattdessen sollten wir fünf Stunden mit verschiedenen Nahverkehrszügen fahren. Ich habe dann ein Video davon gepostet, wie der Zug, für den wir angemeldet waren, ohne uns abfährt.  Das war der Start unserer Geschichte in den sozialen Medien.“

Frank Cordes, alias Frankyman


Die Community reagierte, und es entstand eine Spendenaktion für eine BahnCard 100.

Eine derartige Situation haben die beiden seitdem nicht mehr erlebt. Das Personal sei im Umgang mit den Hilfsmitteln aber oft unsicher. „Die Mitarbeiter haben immer noch Angst. Und das verstehe ich nicht“, sagt Karin. Frank erklärt es sich mit fehlender Routine: Die Beschäftigten bekämen eine Schulung und fassten den Lift danach teilweise jahrelang nicht an. Dazu kommen Geschichten, was alles passieren könnte, etwa dass der Zug nicht weiterfahren kann, wenn der Lift kaputtgeht. „Ich habe noch nie erlebt, dass sich um einen technischen Gegenstand so viele Mythen ranken“, sagt Frank.  

Die beiden machen es deshalb selbst: Sie schulen mittlerweile kostenlos Bahnpersonal im Umgang mit dem Hublift und werden von Siemens und der Deutschen Bahn in die Entwicklung einbezogen. Schweigepflicht inklusive. Ein Zugbegleiter habe ihnen einmal gesagt: „Ihr seid richtige DB-Mitarbeiter, obwohl ihr gar nicht bei uns arbeitet.“

Der Draht reicht sogar bis in die Konzernspitze. Wenn Karin ein Problem hat, bittet sie ihren Mann, dem Vorstand eine Mail zu schicken. Mit mehreren Vorstandsmitgliedern sind die beiden im Austausch. Nur zu Frau Palla gab es bisher noch keinen direkten Kontakt.

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