„Niemand sieht, dass er ein Teil des Problems ist“

Unsere Mobilmacherin der Woche hat Ende November 2021 in Düsseldorf den localbook.shop eröffnet. Seitdem ärgert sich Buchhändlerin Anja Urbschat über zugeparkte Gehwege und SUVs, die den Blick auf ihren Laden versperren. Deshalb engagiert sie sich in einer Bürgerinitiative.

Unsere Mobilmacherin der Woche engagiert sich in einer Bürgerinitiative für eine bessere Lebensqualität durch weniger Autos in der Stadt. Anja Urbschat ist mehr als 20 Jahren im Buchhandel tätig. Sie hat als Geschäftsleiterin verschiedene Filialen eines Buchhandlungsunternehmens geführt und war im B2B-Bereich für den Buchnebenmarkt zuständig. Mit localbook.shop hat sie Ende 2021 eine Buchhandlung als Start-up gegründet. Im Oktober veranstaltet sie gemeinsam mit dem Jungen Schauspiel und Bilderbuchautor Martin Baltscheit („Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“) ein zweitägiges Bilderbuchfestival für Kinder. Das Plopp-Festival. Mit Lesungen, Theaterstücken und Workshops.


Genau wie das Bilderbuchfestival soll auch ihr Laden in der Altstadt ein Ort für Begegnungen und Austausch sein, der gleichzeitig die Möglichkeit bieten soll, Buchhandel neu zu denken und Wirtschaft, Kultur und Digitales gewinnbringend miteinander zu verbinden. Wenn nur die Autos vor ihrem Laden und in den Straßen nicht wären. „Weil hier überall Einbahnstraßen sind, fahren die Leute sieben, achtmal durch die gesamte Altstadt, bis sie einen Parkplatz gefunden haben. Und das macht ja nicht nur einer, sondern 400 die Stunde“, sagt sie. „Es ist Parksituation from Hell und Autoverkehr zum Erbrechen.“


Autoverkehr schadet auch dem Einzelhandel

Wenn um Parkplätze und Verkehr in der Stadt diskutiert wird, ist ein häufiges Argument, dass autofreie Straßen und Parkverbotszonen dem Einzelhandel schaden. Anja erlebt es anders. „Ich hatte Anfang des Jahres für 2 Wochen einen SUV vor dem Laden stehen, dessen Besitzer im Urlaub war. Man konnte meinen Laden nicht mehr sehen“, erzählt sie. „Das hätte ich nie gedacht. Man kann mit geparkten Autos den Einzelhandel kaputt machen. Wenn die ganze Straße verstopft ist und es überall nach Abgasen riecht, geht auch niemand bummeln und sich ein Buch kaufen.“


Im Dezember mit dem Weihnachtsgeschäft und den Corona-Demos hatte man hier in der Stadt nur Autos, nur Stau, Gehupe und Abgase. Als Fußgänger hat man überhaupt keine Chance, über die Straße zu kommen. Ich habe in meinem Laden gestanden und konnte es wirklich nicht glauben, was da abgeht.

Anja Urbschat, Inhaberin des localbook.shop


Sie habe mit Menschen aus dem Viertel über die Verkehrssituation am Carlsplatz und Umgebung gesprochen. Denn die Anwohner haben nicht nur mit parkenden Autos zu kämpfen, sondern am Wochenende auch noch mit Freizeitverkehr in der Düsseldorfer Altstadt. „Da geht es bis morgen zu wie in Lloret de Mar, wo die ganze Nacht die Autos kreisen“, sagt Anja.

In einem solchen Gespräch habe ihr ein Kunde erzählt, dass aus diesem Grund gerade die Bürgerinitiative Lebenskultur gegründet worden sei, die etwas an der Situation ändern wolle. Dieser Initiative habe sie sich angeschlossen. „Das ist keine formelle Sache, sondern es geht darum, etwas wahrzunehmen und darauf aufmerksam zu machen. Darum, dass man in der Ecke, in der man ist, auch etwas tut“, sagt sie.


Mit smarten Parkleitsystemen gegen verstopfte Innenstädte

Noch sei die Initiative sehr jung, es gebe noch keine Arbeitsgruppen oder eine Vereinsgründung – aber einen E-Mail-Verteiler und viele Ideen. Die Initiative möchte, dass nur noch Anwohner in der Carlstadt parken dürfen. Alle anderen sollen, wie in anderen Städten bereits üblich, durch Parkleitsysteme aus der Altstadt rausgehalten werden. „Der Verkehrsdezernent von den Grünen, Jochen Kral, hatte Anfang August schon einige Konzepte vorgestellt, wie sich die Situation verbessern soll. Jetzt geht es natürlich darum, dass und wie diese Konzepte auch umgesetzt werden“, sagt Anja.

Ohne Kontrollen geht es gar nicht. Es gebe ja schon jetzt viel weniger Chaos, wenn das Ordnungsamt genügend Personal hätte, dass die Einhaltung der Regeln kontrolliert. Damit die Leute nicht in zweiter Reihe oder in Feuerwehrzufahrten stehen.

Anja Urbschat, Inhaberin des localbook.shop


Allgemein seien die Grünen der Stadt Düsseldorf sehr engagiert. Allerdings fehle wie so oft das Geld. Und vieles werde so lange im Rat besprochen, bis am Ende ein Kompromiss herauskomme, der niemandem nütze. Hier will die Bürgerinitiative Druck machen. „Das Momentum für Veränderung ist da“, sagt Anja. „Ich glaube, der Druck dazu muss von überall kommen. Der Handel spielt hier eine ganz wichtige Rolle, weil er gern als Ausrede vorgeschoben wird.“


Gesucht: Praktikable Lösungen für Anwohner und Besucher

Deshalb sei Claudia Goebel, die Initiatorin der Bürgerinitiative Lebenskultur, auch auf sie zugekommen. Sie sollte von der Rheinischen Post interviewt werden und wollte Anja als Vertreterin des Handels dabeihaben.

Sie habe zunächst Sorge gehabt, sich als Neue im Viertel gleich so sichtbar gegen die Autos zu engagieren. „Es ist ja nun eine sehr solvente Ecke hier und die Autos der Menschen, die hier wohnen, sind heiß geliebt – und nicht gerade klein.“ Aber bisher seien die Reaktionen ausschließlich positiv gewesen. Auch, weil keiner sehe, dass er ein Teil des Problems ist: „Die Menschen wollen weniger Autos vor ihrer Tür und ihre Kinder gefahrlos auf die Straße lassen können, aber in den Autos sitzen ja auch Menschen, die irgendwo hin und ihre SUV irgendwo parken wollen. Das macht es ja so schwierig.“

Eine komplett Auto freie Stadt würde gar nicht funktionieren, sagt sie. „Es muss Lösungen für die Anwohner geben. Es hängt jeder an seinem Auto dort. Das ist schon wirklich sehr extrem.“ Aber auch für Besucher und Touristen brauche es funktionierende Lösungen, um in die Düsseldorfer Altstadt zu kommen.

Du musst den Menschen ja Lösungen bieten, die für sie funktionieren. Du musst ihnen ja sagen: entweder fahrt ihr in die Stadt ins Parkhaus und geht von da aus zu Fuß oder ihr kommt mit dem wie-viel-€-auch-immer-Ticket. Da ist nicht nur die Stadt gefragt, sondern auch der Bund. Da braucht es ein komplettes Mobilitätskonzept, in das auch ein wie-viel-€-auch-immer-Ticket reingehört. Und dann braucht es den Willen, das auch wirklich voranzutreiben.

Anja Urbschat, Inhaberin des localbook.shop


Anjas Wunsch für die Zukunft: eine Altstadt, in der sich alle wohlfühlen. „Wegen der neuen Technik wie Einparkassistenten, Kameras und ähnlichem kann man ja heute mit einem großen Auto auf einer Briefmarke einparken. In unserem Viertel stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange, hier gibt es nicht nur keine Parkplätze. Du musst als Fußgänger auch mal 50 Meter gehen, um die Straße überqueren zu können, weil zwischen den Autos keine Lücke ist.“







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