„Würden mehr Leute Fahrrad fahren können, hätte das große gesellschaftliche Vorteile.“

Unsere Mobilmacherin der Woche ist leidenschaftliche Radfahrerin. Weil sie sich für bessere Bedingungen für den Radverkehr einsetzt, wurde sie zunächst Mitglied beim VCD und engagierte sich über Changing Cities in Kiezblock-Initiativen. Heute ist Elena Laidler-Zettelmeyer Head of Strategic Alliances beim Bundesverband Zukunft Fahrrad und sitzt im Beirat für Radverkehr des Verkehrsministeriums.

„Ich bin schon immer begeisterte Alltagsradlerin gewesen“, sagt unsere Mobilmacherin der Woche, Elena Laidler-Zettelmeyer. „Nach der Grundschule bin ich aufs Gymnasium gegangen. Das war vier Kilometer entfernt, wohin ich mit dem Schulbus fahren sollte. Dieser war heiß, eng und stickig, das fand ich furchtbar. Hat man sich nach der Schule mal verquatscht, war der Bus weg. Eines Tages entschied ich, dass ich lieber mit dem Fahrrad fahre. Seitdem bin ich nie wieder abgestiegen.“


Ich habe zwar einen Führerschein und ich hatte zwischenzeitlich auch in Berlin mal ein Auto, aber ich konnte noch nie wirklich nachvollziehen, warum die ganze Welt das Auto so liebt und überall mit dem Auto hinfahren muss.

Elena Laidler-Zettelmeyer, Head of Strategic Alliances beim Bundesverband Zukunft Fahrrad


Mittlerweile macht sich Elena auch beruflich für das Fahrrad stark. Seit mehr als einem Jahr ist sie beim Bundesverband Zukunft Fahrrad tätig. Erst als Referentin für politische Kommunikation, dann als Head of Strategic Alliances; vor gut einem Monat wurde sie vom Bundesverkehrsministerium in den Beirat für Radverkehr berufen.


Der Beirat Radverkehr ist für vier Jahre gewählt und trifft sich zweimal im Jahr, um beispielsweise Gutachten in Auftrag zu geben oder Stellungnahmen zu bestimmten Themen abzugeben.

Auch der Bundesverband Zukunft Fahrrad habe ein sehr gutes Verhältnis zum Radverkehrsreferat im Verkehrsministerium, sagt Elena. „Aber wir sind nicht die einzige Interessenvertretung, die einen guten Draht ins Ministerium hat.“

Die Idee für Zukunft Fahrrad sei geboren worden, weil es zwar schon viele Jahrzehnte einen Fahrradindustrie-Verband gibt, aber keine politische Interessensvertretung für die neuen, auch digitalen Anbieter aus dem Dienstleistungsbereich wie Diensträder, Abo-Modelle oder Sharing.

 

Der 2019 gegründete Bundesverband Zukunft Fahrrad ist ein Verband für die Fahrradwirtschaft. Dazu zählen sowohl Dienstleister, Hersteller, Händler, Start-ups und Zulieferer. Der Schwerpunkt liegt im Bereich der Dienstleistungen, wie Bikesharing oder Dienstfahrräder. Aktuell hat der Verband 65 Mitglieder.

 

„Wir vertreten das Thema Fahrrad im politischen Berlin und wollen das Fahrrad als gleichberechtigtes Verkehrsmittel etablieren. Dazu gehört natürlich eine bessere Infrastruktur, aber auch bessere Rahmenbedingungen für die Unternehmen“, sagt Elena.


„Ich kann nicht mehr länger zugucken. Ich muss jetzt was machen.“

Elena hat im Ausland internationale Beziehungen studiert und anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich Finanzpolitik gearbeitet. Danach übernahm sie bei einem Verband die politische Kommunikation für Finanzthemen. Zur Arbeit fuhr sie mit dem Rad. Das habe das Fahrrad-Aktivistische in ihr geweckt, erzählt sie. „Viele Jahre war mein letztes Stück Arbeitsweg „Unter den Linden“ in Berlin. Dauerbaustelle, Autos, die einen schneiden, Busse, die mit 50 Zentimeter Abstand überholen. Die Straße soll nun umgestaltet werden, aber dort wurde ich auf dem Fahrrad regelmäßig mit meinem eigenen Ableben konfrontiert. Und das morgens um halb neun.“


Bei „Verkehrsmittel“ denkt jeder zunächst ans Auto, die Politiker*innen auch. Dann folgen ÖPNV und Bahn. Das Fahrrad wird zwar oft und lebhaft diskutiert, aber bis es zur Umsetzung kommt und jemand wirklich Geld in die Hand nimmt, um die Bedingungen für die Unternehmen und Radfahrenden zu verbessern, braucht es oft noch ein bisschen Hilfestellung. Die geben wir.

Elena Laidler-Zettelmeyer, Head of Strategic Alliances beim Bundesverband Zukunft Fahrrad


Den letzten Ausschlag dafür, sich beruflich für aktive Mobilität wie Radfahren stark zu machen, habe ihr der Corona-Lockdown gegeben. „Ich war in Elternzeit mit meinem zweiten Kind, mein älteres Kind durfte aufgrund der Einschränkungen nicht in die Kita gehen. Da alles geschlossen war, habe ich quasi das ganze Jahr mit den beiden draußen verbracht. Dabei ist mir in einem noch viel stärkeren Maße bewusst geworden, wie sehr Autos den kostbaren öffentlichen Raum belagern und der Autoverkehr die Autonomie von Kindern einschränkt. Gerade, wenn man mit Kinderwagen und Laufrad unterwegs ist, wird man noch einmal ganz anders mit Mobilitätseinschränkungen durch massiven ruhenden und fließenden Autoverkehr konfrontiert. Das war das letzte Zünglein an der Waage, weshalb ich gesagt habe: Ich kann da nicht mehr länger zugucken. Ich muss jetzt was machen.“

Sie wurde Mitglied im Verkehrsclub Deutschland (VCD), richtete einen Dauerauftrag für die NGO Changing Cities e.V. ein und hat in ihrem Viertel eine Kiezblockinitiative wiederbelebt.


Dann sei sie über eine Stellenanzeige von Zukunft Fahrrad gestolpert und habe sich gedacht: „Genau das ist es“, sagt sie. „Ich wollte das, was ich jetzt mache, immer schon machen. Ich wusste es nur nicht, bis ich die Stellenanzeige gelesen habe.“

Elena bewarb sich und wurde zunächst Referentin für politische Kommunikation bei Zukunft Fahrrad. „Auch deshalb, weil sie jemanden gesucht haben, der sich freiwillig den steuerpolitischen Themen annimmt“, sagt sie und lacht.


„Ein guter Fahrradweg benötigt nur einen Bruchteil der Ressourcen.“

In den letzten Jahren nehme sie einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Radverkehr wahr, sagt Elena. Corona habe diesen Trend zusätzlich bestärkt. In vielen Ländern habe die Kommunalpolitik diesen Trend auch aufgenommen und die Umgestaltung der Städte und Straßen vorangetrieben.

„Andere Länder haben diesen Enthusiasmus der Bevölkerung allerdings besser verstetigt als Deutschland. Was Anne Hidalgo in Paris gerade umsetzt, ist ein tolles Beispiel“, sagt Elena.


Die Wiederwahl Hidalgos gebe ihrer Politik recht. Die Menschen in Paris möchten keine zugeparkten Gehwege und verstopften Straßen, die für Radfahrende und Fußgänger:innen gefährlich sind. In Deutschland mahlen die Mühlen da deutlich langsamer, sagt sie.

Wenn man Deutschland – sowohl Städte als auch den ländlichen Raum – so umgestalten würde, dass alle Menschen sicher und komfortabel Fahrrad fahren könnten, hätte das große gesellschaftliche Vorteile: für das Klima, die persönliche Gesundheit und die Selbstständigkeit von Kindern. Zudem ist Autoinfrastruktur unglaublich teuer und versiegelt riesige Flächen. Ein guter Fahrradweg benötigt nur einen Bruchteil der Ressourcen.

Elena Laidler-Zettelmeyer, Head of Strategic Alliances beim Bundesverband Zukunft Fahrrad


„Es gibt auf allen politischen Ebenen weiterhin Widerstände und diejenigen, die kein Interesse daran haben, dass der öffentliche Raum umverteilt wird, sind ebenfalls gut vernetzt und haben viele Ressourcen.“

Dass die Gegenseite zwar die schlechteren Argumente habe, aber trotzdem stärker gehört werde, ärgert sie.

Die Fahrradbranche habe in den vergangenen Jahren zahlreiche Produkte und Dienstleistungen hervorgebracht, die Fahrradfahren für fast alle zugänglich und attraktiv macht: egal ob auf dem Land oder in der Stadt, ob zum täglichen Pendeln, zum Transport von Kindern, Waren oder Hunden. Aber die Entscheidung, Radverkehr zu fördern, die Infrastruktur auszubauen und eine echte Verkehrswende einzuleiten, liegt nun in der Hand von Bund, Ländern und Kommunen.



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