„Wir haben gezeigt: Die Mobilitätsbranche braucht Frauen – und Frauen können Mobilität“

Am 11. Mai rollte der Female ICE durch Deutschland: Eine Aktion, die fast ausschließlich von Mitarbeiterinnen der Deutschen Bahn geplant, gelenkt und entlang der Strecke begleitet wurde. Die Idee dazu stammt von unseren Mobilmacherinnen der Woche, Katja Kühne von der DB AG und Nancy Klück von der DB Netz AG.

Am 11. Mai startete um 9:55 Uhr der ICE 800. Ziel: Berlin – sowie Sichtbarkeit von Frauen im Bahnkonzern. Der mit einem „Female ICE“-Logo bedruckte Zug wurde ausschließlich von Frauen gesteuert. Auch entlang der über 600 Schienenkilometer langen Strecke arbeiteten mehr Frauen als sonst: Von der Bauingenieurin über die Sicherheitsfachkraft bis zum Servicepersonal im Bahnhof rund 500 DB Mitarbeiterinnen.


Die Idee und die Projektplanung für diesen besonderen Zug hatten unsere Mobilmacherinnen der Woche, Katja Kühne und Nancy Klück.

Katja arbeitet als Compliance-Managerin und Trainerin für die Deutsche Bahn AG in Berlin, Nancy als Senior Referentin Data Management im IT-Bereich für die DB Netz AG in Frankfurt. Zusammengekommen sind sie über das Frauennetznetzwerk der Deutschen Bahn. 2019 hat Katja einen Bericht über einen all female Flight gesehen – und schnell war klar: Das können und brauchen wir bei der Bahn auch! „Dann habe ich im Frauennetzwerk gefragt: Wer hat Lust, einen Female ICE zu organisieren?“ und Nancy hat sofort „Hier!“ gerufen. Vorher kannten wir uns überhaupt nicht.

 

Frauen bei der Bahn

Die Deutsche Bahn möchte den Frauenanteil im Konzern erhöhen. Der liegt im operativen Geschäft – auf den Gleisbaustellen, in den Betriebszentralen, in den Instandhaltungswerken oder auch den Triebfahrzeugen – bei zehn bis 20 Prozent. Insgesamt liegt der Frauenanteil im Konzern bei 23 Prozent, in den Führungsetagen sind es derzeit 25 Prozent Frauen.

Die über 4.000 Frauen, die sich im konzerneigenen Netzwerk „Frauen bei der Bahn“ engagieren, haben im Jahr 2019 dem Vorstand fünf Forderungen übergeben, um die Vielfalt im Unternehmen zu stärken. Eine davon: den Anteil weiblicher Führungskräfte bis 2024 auf 30 Prozent zu steigern.

 

Einen Monat nach dem Aufruf im Netzwerk, im November 2019, trafen sich die beiden zum ersten Mal persönlich in Berlin. „Wir haben losgelegt, ein Konzept entworfen und angefangen, links und rechts die Fühler auszustrecken, wer das Projekt gemeinsam mit uns umsetzen kann.“


Das Ziel: Frauen bei der Bahn sichtbar machen – intern und extern

Die Vision von Katja und Nancy war es, Karriere nach innen sichtbar zu machen und Frauen im Konzern und im Frauennetzwerk der Bahn zu motivieren. Die ICE-Fahrt war bereits früh durchgeplant: So gab es eine Netzwerkveranstaltung für DB Frauen im Zug. Es arbeiteten so viele Frauen wie möglich entlang der Strecke. Auch das Zugpersonal war auf dieser besonderen Fahrt rein weiblich: von der Triebfahrzeugführerin bis zur Servicekraft. 50 Frauen der DB fuhren im eigens reservierten Waggon mit, hielten Impulsvorträge und vernetzten sich untereinander. Hierarchie- und geschäftsfeldübergreifend. Auch hier war die Bandbreite der Berufe groß: von der Leiterin Fahrzeuginstandhaltung bei der DB Regio Netz Verkehrs GmbH über die Head of Information Security Awareness, Training & Communication bei der DB AG bis zur Leiterin Produkt Management komfortrelevante Fahrzeug-IT waren viele Fachrichtungen dabei.



Kein Sonderzug, aber ein besonderer Zug

Schließlich fiel die Wahl auf den ICE 800, der regulär um 9:55 Uhr in München startet und um 14:25 Uhr in Berlin ankommt. „In den Female ICE konnte jede Person einsteigen. Nur der erste Wagen war für das Netzwerkformat der DB Frauen reserviert“, erzählt Nancy.

Der Zug wurde außen entsprechend beklebt, die Kopfkissen-Hussen durch speziell gebrandete Female ICE-Bezüge getauscht. Der reservierte Wagen für das Frauennetzwerk wurde mit entsprechender Ton-Technik ausgestattet. Eine Agentur kümmerte sich um eine Landingpage, auch Fotografen und Filmteam waren mit dabei. Außerdem fanden an vier Bahnhöfen entlang der Strecke Recruiting-Events für die Deutsche Bahn als Arbeitgeber statt.


Alle, die wir angesprochen und gefragt haben, ob sie Bock haben, mitzumachen, sagten: „Auf jeden Fall!“ Die Begeisterung war sofort da.

Nancy Klück, Senior Expertin Datenmanagement bei DB Netz AG


Bis der erste Female ICE Deutschlands sich auf den Weg machte, ist allerdings einiges an Zeit – und noch mehr Planung – vergangen. Gut ein Jahr lang seien die beiden mit der Idee schwanger gegangen, bevor sich ein Projektteam bildete und loslegte. „Als Stefanie Berk als neue Marketing-Vorständin im Fernverkehr anfing, haben wir sie gefragt, ob wir ihr Flaggschiff, den ICE, nutzen können. Sie hat sofort und ohne Vorbehalte „Ja“ gesagt und uns eine Expertin für Events an die Seite gestellt. Ja, und dann ging es wirklich los“, erzählt Katja. Stefanie Berk unterstützte fortan als Schirmfrau mit voller Power das Projekt.

Von Januar 2021 an arbeitete ein rd. 30-köpfiges Projektteam an der Umsetzung der Idee. Die meisten kamen über das Frauennetzwerk und arbeiteten ehrenamtlich mit. „Manche haben sich mit dem eingebracht, was sie auch in ihrem regulären Job machen – Projektmanagement, Organisation oder Kommunikation zum Beispiel. Manch andere haben für sie ganz neue Aufgaben übernommen. Ich denke da an einen Projektleiter, der das Recruiting- und Personal-Event in Nürnberg organisiert hat: Der ist normalerweise technischer Bauprojektleiter“, sagt Nancy.

Natürlich begegneten dem Projektteam Vorbehalte und Einwände. Davon ließen sie sich aber nicht entmutigen. „Mein Lieblingsspruch über die ganze Zeit war: „Wir haben ein riesiges Netzwerk hinter uns – das ist überhaupt kein Problem“, sagt Katja


Das war alles Wahnsinn. Man verliert im Rückblick schnell das Gefühl für die irre Dimension, die Größe dieses Projekts, das wir da gewuppt haben. Wie groß das war, wird mir erst jetzt, wenn ich nochmal darüber spreche, so richtig bewusst.

Katja Kühne, Compliance-Managerin bei Deutsche Bahn


2-malige Neuterminierung– auch wegen Corona

Der Start des Female ICE musste wegen Corona mehrfach verschoben werden, wie die beiden erzählen. „Wir haben im November 2019 ganz naiv gedacht: „Okay wir haben November – dann lassen wir den ICE zum Frauentag im März 2020 fahren.“ Uns ist aber relativ schnell klar geworden, dass die Planung eines solchen Events – auch mit Projektmanagement- und Event-Erfahrung – nichts ist, was in fünf Monaten fertig ist. Und dann kam auch noch Corona“, erinnert sich Nancy.


Der Start des Female ICE wurde für März 2021 angesetzt. Im Herbst 2020 war klar: Es gibt zu viele Unsicherheiten. So wurde es März 2022. Und auch dieser Termin musste wegen Corona erneut verschoben werden. Am 11. Mai 2022 fuhr der Female ICE dann aber wirklich in München los.

Katja und Nancy seien schon zwei Tage vorher vor Ort gewesen, um letzte Vorbereitungen zu treffen. „Die letzten Wochen der Planung haben mir ganz schön zugesetzt. “, sagt Katja. „Irgendwann habe ich nur noch nach dem 80/20-Prinzip Listen abgearbeitet und musste einiges hinten runterfallen lassen, weil die Kapazitäten ausgereizt waren.“

Als dann aber die geladenen Sonderfahrgäste in München ankamen, sei alles vergessen gewesen. „Die waren so aufgeregt und so voller Begeisterung, da waren eine Partystimmung und eine Energie auf diesem Bahnsteig. Es war so berührend, dass wir mit einem Dauergrinsen nach Berlin gefahren sind.“


Die Frauen sind auch jetzt noch im Austausch miteinander. Es ist also genau das passiert, was wir uns gewünscht haben: Dass eine Verbundenheit zwischen den Personen entsteht und diese Gruppe die Bedeutung von Netzwerken und Empowerment auch weiter in den Konzern hineinträgt.

Nancy Klück, Senior Expertin Datenmanagement bei DB Netz AG


Auch entlang der Strecke sei die Stimmung gut gewesen. In Nürnberg, Halle und Erfurt seien DB Kolleginnen mit Female ICE-T-Shirts und Fähnchen an den Bahnsteig gekommen, um den Zug und vor allem das Projektteam und die mitreisenden Frauen zu begrüßen. „Da war eine Stimmung an den Bahnhöfen, das war so herrlich“, schwärmt Nancy. Auch die regulären Fahrgäste des ICE hätten positiv auf die Aktion reagiert.

Der Wunsch von Katja und Nancy, sei auf jeden Fall in Erfüllung gegangen. Sie haben Frauen im Konzern zu motiviert und sichtbar gemacht, welche Jobs und Karrierechancen es im Unternehmen gibt. „Da bewegt sich was. Da bin ich ganz sicher“, sagt Katja. Und Nancy ergänzt: „Wir haben gezeigt: Die Mobilitätsbranche braucht Frauen – und Frauen können Mobilität.“

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