“Wir treten mit unserem Netzwerk für eine tolerantere, offene Kultur ein”

Am Weltfrauentag 2019 hat unsere Mobilmacherin der Woche das Frauennetzwerk ihres Unternehmens gegründet. Anne Rethmann, Geschäftsführerin Finanzen bei der Autobahn GmbH des Bundes, über ihre Mission und die Erfolge des Netzwerkes Autobahn f.


Fotos: Die Autobahn GmbH des Bundes


Seit 2019 ist Anne Rethmann Geschäftsführerin Finanzen bei Die Autobahn GmbH des Bundes. “Ich komme ursprünglich gar nicht aus der Mobilität, auch wenn ich schon immer viel mit Infrastruktur zu tun hatte. In der Regel mit IT-Infrastruktur”, sagt die studierte Betriebswirtin. Die Herausforderung, bei der Autobahn GmbH aus vielen Landesbetrieben, Meistereien und Betriebshöfen eine einheitliche Organisation zu schaffen, habe sie gereizt. 2019 wechselte sie: von der Informationstechnik für das Gesundheitswesen zur Autobahn.


Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich bei der Autobahn GmbH bin. Obwohl wir in der Mobilitätsdebatte oft die Bösen sind. Wir machen hier einen wichtigen Job.

Anne Rethmann, Geschäftsführerin Finanzen bei der Autobahn GmbH des Bundes



“An den Moment, in dem man beschließt, etwas Grundlegendes zu ändern, kann man sich häufig noch ganz genau erinnern”, sagt Rethmann. Bei ihr sei es ein Treffen von Führungskräften gewesen, bei dem von 15 Anwesenden nur zwei weiblich und nur eine Person jünger als 50 Jahre war. “Das war für mich der Moment, in dem ich mir gesagt habe: Das müssen wir ändern. Wir müssen diverser werden, wir müssen jünger und weiblicher werden. Und ich habe mir gesagt: Anne, wenn du das nicht machst, wer denn dann?” Damit war die Idee für das Frauennetzwerk geboren.

Zwar habe es in den Landesbetrieben bereits Gleichstellungsbeauftragte gegeben, nur ein standortübergreifendes Netzwerk gab es nicht. “Da war mir klar: wir müssen überall an der Diversity arbeiten - nicht nur in den Führungsetagen.”


Aktuell beträgt der Frauenanteil bei der Autobahn knapp über 20 Prozent. Es gebe bereits viele Ingenieurinnen, aber immer noch sehr wenige Frauen im Betriebsdienst oder den Meistereien.


Wir sind zu dritt in der Geschäftsführung der Autobahn GmbH und haben durch mich einen Frauenanteil von mehr als 30 Prozent. Ich bin die Quotenfrau und ich fühle mich kein bisschen schlecht deshalb. Ganz im Gegenteil.

Anne Rethmann, Geschäftsführerin Finanzen bei der Autobahn GmbH des Bundes


Bevor die Autobahn GmbH ihren Betrieb aufgenommen hat, sind Aufbauteams aus Niederlassungsleiter:innen und sonstigen Führungspersonen gebildet worden. In diesen Teams habe sich Rethmann Verbündete gesucht. “Häufig waren das Frauen aus der neuen Zentrale in Berlin, die ebenfalls der Meinung waren, dass die Autobahn GmbH auf allen Ebenen vielfältiger und weiblicher werden müsse”, sagt sie.

 

Die Autobahn GmbH des Bundes untersteht dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr und wurde am 13. September 2018 gegründet. Zum 1. Januar 2021 übernahm sie Planung, Bau, Betrieb, Erhaltung, Finanzierung und Verwaltung der Autobahnen in Deutschland von den Landesbetrieben.

 

Gemeinsam mit 15 Kolleginnen aus den Aufbauteams gründete Rethmann das Frauennetzwerk der Autobahn: Autobahn [f.] - für female. Es sei schließlich die Autobahn.


Tipp für die Netzwerkgründung: einfach machen

Was die Aufgaben und Ziele des Netzwerkes sein sollten, da habe es bei der Gründung noch keine konkreten Pläne gegeben, erzählt sie: “Wir haben ein Manifest entwickelt, wofür das Netzwerk steht und was es erreichen will und haben uns gesagt: Wir legen jetzt los und den Rest etablieren wir beim Fahren.”

Wichtig sei den Gründerinnen vor allem gewesen, die Unternehmenskultur positiv zu beeinflussen und bessere Arbeitsbedingungen für alle zu schaffen.



Am 08. März 2021, dem Weltfrauentag, fand der erste virtuelle Kick-Off Workshop des Frauennetzwerks mit mehr als 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Bei diesem Workshop wollten Rethmann und ihre Mitstreiterinnen herausfinden, welche Erfahrung Frauen bei der Autobahn gemacht haben - mit Kolleg:innen, dem Job an sich, aber auch mit dem Unternehmen als Arbeitgeberin. Sie sagt: “Der Ton im Straßenbau ist sehr ruppig, auch im Betriebsdienst ist der Ton rau. Da kommen Frauen gegenüber noch Sprüche.”

Auch gebe es für Frauen oft keine passende Arbeitskleidung: Die Kolleginnen tragen Männerkleidung in Größe S. “Solche Dinge wollen wir ändern.”



Außerdem wollte sie von den Kolleg:innen wissen: Was erwartet ihr von der Autobahn und was vom Frauennetzwerk? Die Antworten: Vereinbarkeit, gute Arbeits- und Unternehmenskultur sowie moderne Führung.


Ein Netzwerk für alle Mitarbeitenden

Ein Jahr später, beim großen Netzwerktag von Autobahn [f.] am 3. März kamen schon mehr als 600 Kolleginnen und Kollegen zusammen. Das Frauennetzwerk der Autobahn GmbH steht nämlich explizit allen Mitarbeitenden offen.



“Wir haben uns am Anfang gefragt, wen wir mit dem Netzwerk ansprechen wollen und haben beschlossen, dass wir für alle offen sein müssen, wenn wir eine bessere Unternehmenskultur schaffen wollen - so etwas geht nur gemeinsam”, sagt Rethmann.

Zunächst habe man überlegt, mehrere Netzwerke zu gründen und beispielsweise ein LGBTIQ-Netzwerk ins Leben zu rufen. Vielfalt ist schließlich mehr als Frauenförderung. “Wir treten mit unserem Netzwerk für eine tolerantere, offene Kultur ein” sagt Rethmann. “Entsprechend haben wir in unserem Netzwerk auch schwule Kollegen, die sagen: Die Themen, für die ihr euch einsetzt, die betreffen mich auch.”


Netzwerktreffen sind Teil der Arbeit

Mittlerweile hat das Frauennetzwerk zwei Vorsitzende und ein Management-Board. Es gibt thematische sowie regionale Veranstaltungen: vom Impulsvortrag externer Expertinnen über den Fachvortrag von Kolleg:innen bis zum gemeinsamen Baustellenbesuch. Rethmann selbst ist Sponsorin des Netzwerkes, die Gestaltung überlässt sie den Mitarbeitenden. “Ich sage immer: Es ist euer Netzwerk. Ich kann nicht entscheiden, was das passende Format für ein Netzwerktreffen in der Niederlassung West sein wird. Ich kann nur motivieren und unterstützen.”

Zum Beispiel, indem sie Kosten für die Netzwerktreffen über ihr Büro laufen lässt - vom Kaffee bis zur Hotelbuchung.

Bei den regionalen Netzwerktreffen komme es nämlich durchaus vor, dass einzelne Vorgesetzte ihren Mitarbeitenden verbieten, zum Treffen zu gehen oder die ihren Kaffee selbst mitbringen müssen. “Mir ist schon klar, dass jemand seine Schicht im Winterdienst nicht ausfallen lassen kann, weil Frau Rethmann zum Zoom-Meeting einlädt, aber solche Veranstaltungen sind genauso wichtig, wie ein Treffen des Betriebsrates. Das muss in die Köpfe rein.”

Entsprechend lade sie Personen auch offiziell zu den Treffen ein. “Ich kriege zurückgespielt, dass es ein ganz anderes Gewicht hat, wenn ich sage, dass eine Person für einen Tag nach Berlin kommen soll.”


Ich will ein Unternehmen, in dem man nicht mehr darüber reden muss, ob oder warum man ein Frauennetzwerk braucht. Frauennetzwerke fördern Offenheit - und eine offene Kultur ist mir sehr, sehr wichtig.

Anne Rethmann, Geschäftsführerin Finanzen bei der Autobahn GmbH des Bundes



Diese offene Kultur zahle sich schließlich auch für das Unternehmen aus. Sowohl bei der Arbeitgebermarke als auch bei der Produktivität der Menschen. Rethmann sagt: “Man schafft ein neues, gemeinsames Verständnis füreinander und die verschiedenen Bereiche im Unternehmen. Die Mitarbeitenden werden befähigt, über den eigenen Tellerrand hinauszudenken. So schaffen wir eine Atmosphäre, in der Menschen über sich hinauswachsen können und Wissen informell vermitteln.”

Auch bei der Fachkräftesuche sei ein Frauennetzwerk ein wichtiges Asset. “Alle, auch wir, suchen händeringend nach Ingenieurinnen. Da kann ich im Netzwerk viel lernen, wie ich potenzielle Bewerberinnen ansprechen muss.” Hinzu komme, dass es beim gegenwärtigen Fachkräftemangel elementar wichtig sei, die Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden. Dafür müsse eine Arbeitskultur geschaffen werden, in der man gerne arbeitet.


Wenn ich sage, dass sich das Netzwerk trifft, heißt es schon mal: da trinkt ihr doch nur Kaffee. Dabei geht es dort genauso um fachlichen Austausch wie um die Kontaktpflege. Netzwerken und Kontaktpflege gehört zum Beruf. Das ist Arbeit. Und es ist in Ordnung, jemandem aus dem Netzwerk um etwas zu bitten: einen Rat, einen Kontakt oder einen Job.

Anne Rethmann, Geschäftsführerin Finanzen bei der Autobahn GmbH des Bundes


Frauen in den Meistereien sollen besser eingebunden werden

Vor allem aber wolle das Netzwerk die Bilder von der Autobahn als Arbeitgeber und als Infrastruktur ändern und die Frauen, die dort arbeiten, nach innen wie außen sichtbar machen. “Wenn irgendwo ein Streckenabschnitt eröffnet wird, stehen da fünf Männer im dunklen Anzug und schneiden ein Band durch. So gewinnen wir keine Ingenieurinnen.”

Noch tue sich das Netzwerk jedoch schwer, die Frauen in den Autobahnmeistereien und im Betriebsdienst mit einzubeziehen. “In den Betriebsdiensten sind die Arbeitszeiten starr, die Frauen sind in ihren Kolonnen unterwegs und müssen erst zurück in die Meisterei, um sich an einem Computer anzumelden.

Die können nicht mal eben an einem Call teilnehmen”, sagt Rethmann. “Die Kolleginnen merken schon: oh guck mal, die in den Büros machen da was. Aber tatsächlich erreichen wir diese Frauen derzeit sehr viel schlechter als die anderen”, räumt sie ein.


Wie die Frauen im operativen Geschäft besser erreicht werden können, darüber diskutieren jetzt das Netzwerk, die Führungskräfte - und die Meisterinnen selbst, die sich teilweise bereits zu eigenen Netzwerken zusammengeschlossen haben, wie Rethmann erzählt.



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