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Frauen, die Normen am Arbeitsplatz in Frage stellen, werden als störend wahrgenommen

Eine Studie zeigt, was viele Frauen aus ihrem Berufsalltag kennen: Wer Ungleichheit anspricht, zahlt dafür mitunter einen Preis. Denn Männer befördern eher Frauen in Führungsrollen, die den Status quo nicht infrage stellten.

Mehrere Frauen gehen durch einen schmalen, vorgegebenen Korridor aus Pfeilen. Eine Person tritt aus der Linie heraus und zeichnet einen neuen Weg auf den Boden.

Die Arbeitswelt verändert sich aktuell rapide: KI wird in immer mehr Bereichen zum Game Changer, jüngere Menschen haben schlechtere Chancen als Berufserfahrene und das Interesse, ein eigenes Unternehmen zu gründen oder sich selbstständig zu machen, steigt bei vielen. Das zeigt der neue Entrepreneurship Report, eine Umfrage im Auftrag von LinkedIn.

Was sich nicht ändert: Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Das zeigt unter anderem der Women-on-Board-Index von FidAR, der die Umsetzung der Geschlechterquote in Führungspositionen der Privatwirtschaft und öffentlichen Unternehmen systematisch erfasst: Laut der aktuellen Studie planen beispielsweise 23 von 122 öffentlichen Unternehmen mit Zielgröße Null.


Und eine Studie im British Journal of Social Psychology aus dem Mai 2026 von Forschern aus den Bereichen Management- und Organisationspsychologie aus Belgien, den Niederlanden und Großbritannien zeigt, dass Männer bevorzugt weibliche Führungskräfte wählen, die in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter keine „Wellen schlagen“. Der passende Name der Studie: Don't rock the boat! Do men prefer women leaders who support the status quo?


In einem Experiment, in dem aus gleichqualifizierten männlichen und weiblichen Bewerbenden eine Person für eine Führungsrolle gewählt werden sollte, wählten Männer in 38 % der Fälle die Kandidatin, die den Status quo unterstützte, während sie die Kandidatin, die den geschlechtsspezifischen Status quo in Frage stellte, nur in 22 % der Fälle wählten.

Sprich: Frauen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, werden seltener Chefin. „Aus der Perspektive männlicher Entscheidungsträger kann die Beförderung einer Frau, die bestehende Normen befürwortet, einem doppelten Zweck dienen“, so die Forscher. „Sie ermöglicht es Männern, oberflächlich gesehen Unterstützung für Geschlechtervielfalt zu signalisieren: indem sie ihr Engagement für Gleichstellung zeigen und potenzielle Vorwürfe der Voreingenommenheit abwehren, während strukturelle Veränderungen der Unternehmenskultur auf ein Minimum reduziert werden.“


Das Hinterfragen des Status quo kann für die Führungsaussichten von Frauen mit Nachteilen verbunden sein. Frauen, die die Legitimität geschlechtsspezifischer Normen am Arbeitsplatz ausdrücklich in Frage stellen, können als konfrontativ oder störend wahrgenommen werden, was ihre Erfolgschancen untergräbt.

Zitat aus Don't rock the boat! Do men prefer women leaders who support the status quo?


Was die Forscher beschreiben, ist ein Phänomen aus der Systemtheorie mit dem Namen Autopoiesis. Das bedeutet, dass ein System sich immer selbst erhält und deutliche äußere Einflüsse für Veränderung braucht. Und diejenigen, die das System verändern wollen, brauchen ein dickes Fell. Zumindest, wenn sie Frauen sind. Denn: „Frauen müssen mit härteren Strafen rechnen als Männer, wenn sie Sexismus anspreche, da sie eher als Nörglerinnen abgestempelt und negativ bewertet werden“. Auch eine Studie von Forschenden der George Washington University School of Business und der IESE Business School belegt:

Männer, die Sexismus am Arbeitsplatz ansprechen, werden von anderen positiver bewertet als Frauen, die dasselbe tun.


Unternehmen, die wirkliche Vielfalt und Frauenförderung wollen, sollten sich deshalb ein paar Fragen stellen:

Befördern wir Menschen, weil sie gut in den Status quo passen, oder weil sie Perspektiven mitbringen, die das System verbessern können?

Gibt es in unserer Unternehmenskultur wirklich Raum für Dissens, für konstruktive Kritik, für Wandel? Und: Sind wir bereit, Frauen zu fördern, die Ungleichheit benennen, auch wenn das unbequem wird?


Deshalb entstehen Netzwerke wie WiM: weil Sichtbarkeit allein nichts nützt, wenn nur die gewinnen können, die die Spielregeln nicht hinterfragen. Es geht uns darum, Systeme zu schaffen, in denen sich Frauen nicht permanent an für sie ungeeignete Bedingungen anzupassen.

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