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"Frauenabteile sind eine ambivalente Maßnahme zwischen Symbolpolitik und Sicherheitspolitik"

Sollen Frauenabteile im öffentlichen Personennahverkehr eingeführt werden? Die Frage klingt simpel. Ist es aber nicht. Eine aktuelle Analyse von Dr. Ines Kawgan-Kagan zeigt, warum die Antwort von der Perspektive abhängt. Ein Anlass für Women in Mobility, die Expertise des Netzwerks künftig noch stärker in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit solchen Themen einzubringen.

Eine Frau steht von hinten auf einem U-Bahnsteig und wartet, während ein gelber U-Bahnzug mit Bewegungsunschärfe an ihr vorbeifährt. Sie trägt dunkle Kleidung und hält eine bedruckte Stofftasche in den Händen. Oben rechts im Bild ist das Logo von Women in Mobility zu sehen.

Zu Frauenabteilen im ÖPNV gibt es nicht nur Initiativen und Petitionen, sondern auch internationale Erfahrungen aus Städten wie Tokio, Mexiko-Stadt und Teheran. In Deutschland wurde das Thema zuletzt durch Anträge im Bundestag (2024) und Petitionen von VdV und S-Bahn Berlin reaktiviert. Doch so dringend das Sicherheitsbedürfnis vieler Frauen und weiblich gelesener Personen im ÖPNV ist, so komplex sind die Wirkungen möglicher Maßnahmen.


Genau hier setzt die Forschungsarbeit von Dr. Ines Kawgan-Kagan an. Ines ist Mobilitätsforscherin, an der Universität Bayreuth tätig und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Schnittstellen von Geschlecht, sozialer Ungleichheit und nachhaltiger Mobilität

In ihrem Artikel Frauen*abteile in Deutschland - Symbol oder Sinnvoll?, erschienen im Journal für Mobilität und Verkehr, analysiert Ines die Diskussion auf Grundlage wissenschaftlicher Literatur und internationaler Erfahrungen.

„Subjektive Sicherheit beschreibt das individuelle Empfinden und die Wahrnehmung von Sicherheit oder Unsicherheit. [...] Sie bezieht sich nicht nur auf physische Unversehrtheit, sondern auch auf das allgemeine Wohlbefinden im öffentlichen Raum."

Dr. Ines Kawgan-Kagan, Journal für Mobilität und Verkehr, März 2026



Titelseite des Artikels „Frauen*abteile in Deutschland – Symbol oder Sinnvoll?" von Ines Kawgan-Kagan, erschienen im Journal für Mobilität und Verkehr, Ausgabe 26 (2026), ISSN 2628-4154.
Kawgan-Kagan, I. (2026): Frauen*abteile in Deutschland – Symbol oder Sinnvoll? Journal für Mobilität und Verkehr, Ausgabe 26. Zum Artikel

Die Debatte um Frauenabteile bewegt sich laut ihr zwischen zwei Polen: subjektivem Sicherheitsempfinden und objektiver Sicherheit. Beide Dimensionen hängen zusammen, aber nicht immer so, wie man intuitiv annehmen würde. Maßnahmen, die das subjektive Sicherheitsgefühl stärken, müssen nicht zwingend die objektive Sicherheit erhöhen - und umgekehrt. Ihre zentralen Befunde:

Frauenabteile wirken in erster Linie auf das subjektive Sicherheitsempfinden. Internationale Studien u. a. aus Tokio und Mexiko-Stadt zeigen, dass Frauen* in gemischten Abteilen Belästigung häufiger wahrnehmen und angeben, ohne dass die objektiven Vorfallzahlen im gleichen Maß sinken. Gleichzeitig birgt die Einführung von Frauenabteilen eine symbolische Dimension mit gesellschaftlicher Tragweite: „Frauenabteile sind eine ambivalente Maßnahme zwischen Symbolpolitik und Sicherheitspolitik. Sie reagieren auf reale Sicherheitsbedürfnisse und können kurzfristig das subjektive Sicherheitsgefühl stärken. Gleichzeitig können sie [...] strukturelle Verhältnisse verfestigen", schreibt Ines. Das bedeutet: Wer Frauenabteile einführt, schafft sichtbare Abhilfe, läuft aber Gefahr, den Druck auf strukturelle Veränderungen zu verringern. Ines plädiert deshalb dafür, diese Abteile nicht als Dauerlösung zu verstehen.


Aus betrieblicher Sicht kommen außerdem praktische Herausforderungen hinzu: Kontrolle, Durchsetzbarkeit, Barrierefreiheit und Taktplanung machen die Umsetzung anspruchsvoll. Auch stellt sich die Frage, was mit Frauen ist, die mit ihren jugendlichen Söhnen den ÖPNV nutzen. Kawgan-Kagan hält fest, dass Frauenabteile „nicht allein als technische Maßnahme, sondern als politisches und gesellschaftliches Ziel anerkannt werden" müssen – eingebettet in umfassendere Strategien, die auf inklusive Infrastruktur, Diversity Management und strukturellen Wandel zielen.


Was das für Women in Mobility bedeutet

Genau solche Fragen landen regelmäßig bei uns; gestellt von Medien, Politik oder Unternehmen. Was wir bisher geben konnten, war die Einschätzung der Person, bei der die Anfrage zufällig landete. Das wollen wir ändern.

Analog zu unserem Engagement rund um das Thema Female Mobility werden wir künftig die Expertise der Frauen* in unserem Netzwerk systematisch bündeln. Zu WiM-Kernthemen sollen wissenschaftlich fundierte Papers und strukturierte Stellungnahmen entstehen. Erarbeitet von den Expertinnen*, die das Netzwerk ausmachen.

Der Beitrag von Ines ist dafür ein gutes Beispiel: fundiert, differenziert, praxisrelevant. Genau solche Perspektiven wollen wir künftig sichtbarer machen und bei Bedarf gebündelt in die Debatte einbringen.

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