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„Ich wünsche mir ein Refresh der Mitfahr-Apps“

Aktualisiert: 23. Feb.

Egal wie gut das ÖPNV-Angebot und die Radinfrastruktur sind: Um das Auto kommen wir weder in der Stadt noch im ländlichen Raum herum. Der Individualverkehr soll ja auch gar nicht abgeschafft werden. Viel mehr geht es darum, Carsharing, Ridesharing und Mitfahrbänke als wichtige Bestandteile der Mobilitätswende zu fördern. Eine, die beim Ridesharing neue Wege gehen will, ist Monika Scherfer.


Aktuell sind etwa 48,8 Millionen Autos auf deutschen Straßen unterwegs. Bei rund 40,9 Millionen Haushalten kommen also auf jede Wohnung 1,19 Autos. Diese Fahrzeuge stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Straßenrand beziehungsweise in einer Garage oder auf einem Parkplatz. Sie sind also eher Steh- denn Fahrzeuge.


Wenn sie fahren, dann von Stadt zu Stadt (Langstreckenverkehr), von der Wohnung zur Arbeit (Pendlerverkehr), zum Einkaufen, Sport oder zur Schulaufführung (Alltagswege). Dabei sind sie in 90 Prozent der Fälle mit nur einer Person besetzt.

Circa 50% der Alltagswege sind Strecken von bis zu 5 Kilometern. Selbst im Pendlerverkehr betragen ca. 50% der Strecken weniger als 10 Kilometer.


Um die Effizienz der Autos zu verbessern, haben sich Carsharing und Ridesharing als wichtige Bausteine der Verkehrswende entwickelt.

Carsharing  

Beim Carsharing teilen mehrere Personen ein Fahrzeug, indem sie es je nach Bedarf mieten und nutzen. Es gibt verschiedene Modelle des Carsharings, darunter stationsbasiertes Carsharing, bei dem Fahrzeuge an festen Standorten abgeholt und abgegeben werden, sowie Free-Floating-Carsharing, bei dem die Fahrzeuge in einem bestimmten Gebiet frei geparkt und abgeholt werden können.

 

Ridesharing 

Beim Ridesharing teilen sich Personen, die ähnliche Fahrtrouten haben, ein Fahrzeug, um gemeinsam an ein Ziel zu gelangen. Dies kann entweder in Form von organisierten Fahrgemeinschaften zwischen Bekannten, über spezielle Ridesharing-Plattformen oder Mitfahrbänke erfolgen.

 

On-Demand-Verkehre

On-Demand-Verkehre sind flexible Bedarfsverkehre, die keine festen Haltestellen und Taktungen haben. Hier bestellen Personen telefonisch oder per App ein Fahrzeug und teilen es sich mit anderen Personen. Die Angebote können in den ÖPNV integriert oder kommerziell angeboten werden.


Ridesharing bietet die Möglichkeit, die Auslastung von bereits vorhandenen Fahrzeugen zu erhöhen, Leerfahrten zu reduzieren, den Verkehr zu optimieren und idealerweise zu reduzieren. Insbesondere in städtischen, aber auch ländlichen Gebieten kann Ridesharing effektiv sein. Wie viele Fahrten zur Schule, zur Arbeit, zum Sport oder abends in den Club geteilt werden, lässt sich nicht sicher sagen, da viele geteilte Fahrten privat organisiert werden.

Beim Carsharing sind Zahlen dagegen leichter zu erheben: Aktuell gibt es im Bereich Carsharing in Deutschland etwa 4,4 Millionen registrierte Nutzer in 1.082 Städten, die auf 33.930 Fahrzeuge von 249 Anbietern zugreifen können. Die 33.930 Fahrzeuge kommen zu den privaten PKW sowie den Dienstfahrzeugen noch on top. Was ein Kritikpunkt sein kann: Wer mehr Carsharing möchte, muss noch mehr Fahrzeuge auf die Straßen bringen, damit die Menschen möglichst überall Zugriff auf ein Carsharing-Fahrzeug haben.


„Unsere Vision ist: Make every driven mile a shared mile. Diese geteilte Meile muss gar nicht mit einem MILES-Fahrzeug sein. Hauptsache, du teilst dein Fahrzeug und deine Fahrten und leistest damit einen Beitrag zur Mobilitätswende“, sagt beispielsweise Nora Goette, PR & Public Affairs Lead bei MILES Mobility. Das ist auch der Gedanke der Anbieter aus dem Bereich Ridesharing, wie Lisa Schultheis, Head of Communications bei goFLUX Mobility, sagt. „Wir wollten nicht noch ein zusätzliches Verkehrsmittel auf die Straßen bringen, sondern die Ressourcen nutzen, die da sind. Nämlich die Autos, die jeden Tag massenweise unterwegs sind und in denen statistisch im Berufsverkehr 1,2 Personen und im privaten Verkehr 1,5 Personen sitzen. Wenn wir hier umverteilen, können wir den Verkehr viel effizienter machen.“


Tatsächlich gibt es sogar einen Verband, der sich mit dem Thema befasst: Der Mitfahrverband e.V.  Eine Gruppe von Unternehmen, Initiativen und Einzelpersonen, die sich dem Thema „Mitfahren“ verschrieben haben. Dazu zählen Mitfahrbänke, Ridesharing und Carpooling.


Seniorenverbände setzen sich für Mitfahrbänke ein

Neben der Koordination von Pendlerfahrten, gibt es auch Systeme, die bereits versuchen, spontane Fahrten zu ermöglichen, wie z.B. RRive. RRive ist eine Mitfahrzentrale, die Fahrer und Mitfahrer in Echtzeit durch KI und ein integriertes Navigationssystem verbindet. Fahrer:innen aktivieren das Navigationssystem in der App, um von potenziellen Mitfahrer:innen gefunden zu werden. Das System berechnet dann automatisch optimale Treffpunkte und zeigt potenzielle Umwege an. So soll die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vermittlung erhöht werden.


Der Mitfahrverband stellt auf seiner Website unter anderem Portale und Apps vor, über die Fahrten geteilt werden können. Aber auch eine Übersicht von sogenannten Mitfahrbänken im deutschsprachigen Raum findet sich auf der Seite des Verbandes. Mitfahrbänke sind Bänke oder Sammelpunkte, die an bestimmten Orten - in der Regel in ländlichen Gebieten - platziert sind. Entlang der Hauptstraßen, an Bahnhöfen oder vor Supermärkten sollen sie dafür sorgen, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich spontan Fahrten zu teilen. Wer mitgenommen werden möchte, nimmt auf einer solchen Bank Platz. Wer jemanden mitnehmen möchte, hält an einer solchen Bank an. Ein bisschen wie Trampen, nur ohne den ausgestreckten Daumen.


Derartige Bänke gibt es in Belgien und der Schweiz, aber auch in weiten Teilen Süddeutschlands, Nordrhein-Westfalens, Hessens und Brandenburgs. Nicht selten werden sie auf Betreiben von Seniorenverbänden errichtet. So sagte beispielsweise Karin Keil-Harbich, Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Felsberg gegenüber der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeine (HNA), dass die Bänke besonders für Senior:innen hilfreich seien. Bänke vor Supermärkten wie in Felsberg ermöglichen den Menschen nicht nur eine eigenständige Mobilität, sie sorgen auch für Vernetzung. „Autofahrer müssen nicht extra anhalten, um jemanden mitzunehmen und man kommt sofort ins Gespräch, wohin die Person auf der Bank denn möchte“, sagte sie der HNA.



  

Soziale Aspekte sind es auch, die Monika Scherfer, selbstständige Business Analystin, an- und umtreiben. Seit Monaten beschäftige sich mit Mobilität, Mobilitätswende und der Verkehrswende. „Ich wünsche mir ein Refresh der Mitfahr-Apps“, sagt sie.

Sie ist im ländlichen Hessen aufgewachsen und sei als ganz junge Frau immer wieder auf Kurzstrecken getrampt – unter anderem zur Schule, weil die Busverbindung zwischen den Dörfern so schlecht war. Trampen war damals noch eher „üblich“ und es gab eine größere Mitnahmebereitschaft, zum Teil auch, weil man sich – zumindest von Sehen - kannte bzw. wusste, wer der/die andere war, und die Landstraße eben klar die Ortschaften miteinander verbunden hat. Dass es das heute, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, so nicht mehr gebe, findet sie schade.

Deshalb möchte sie ein Angebot entwickeln, das ein spontanes Mitfahren in Form einer mobilen App wieder ermöglicht. „Ein System - spontan, sicher, sozial, seriös und sichtbar, mit Fokus auf Kurzstrecken und unter Berücksichtigung sozialer Aspekte“, sagt sie. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass Personen definieren, dass sie bestimmte Mitglieder im System – z.B. Alleinerziehende oder Rentner:innen - immer kostenlos mitnehmen, oder auch Kostenbeteiligungen, die Fahrer:innen für die Fahrt bekommen, einem sozialen Zweck spenden.“ Auch für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung soll das System nutzbar sein.


Viele Ridesharing-Angebote auf dem deutschen Markt konzentrieren sich auf geplante Strecken und mit vorheriger Absprache – z.B. am Wochenende zum Abenteuer-Spaß-Bad, jeden Montag um 7 Uhr zur Arbeit oder kommende Woche in die nächste Großstadt.

Monikas Vision sei es, ein digitales Angebot mit analoger Alternative und vor allem inklusiven Ansätzen für spontane Fahrten zu schaffen. Sie möchte, dass Fahrgemeinschaften nicht nur Tage und Wochen im Voraus gebildet werden, sondern „im Vorbeifahren“.  So will sie sicheres Mitfahren und Mitnehmen genauso selbstverständlich machen wie die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrädern.


Ich möchte das Mitfahren und Mitnehmen einfach machen und so dafür sorgen, dass Menschen, die keine Mobilität haben, welche bekommen. Und Menschen, die ein Auto haben, trotzdem darauf verzichten können. So können wir den Verkehr reduzieren, die Umwelt schonen und auch noch Menschen zusammenführen.

Monika Scherfer, selbstständige Business Analystin

 


Viele Mitfahr-Apps, vor allem die für Pendler:innen, sind regional begrenzt. Monika Scherfer möchte eine App für ganz Deutschland (und darüber hinaus) kreieren, damit Menschen das Angebot sowohl zu Hause als auch im Urlaub oder auf Geschäftsreise nutzen können.


Angebot von Frauen für Frauen schaffen


Sie möchte ein System schaffen, das vor allem Frauen anspricht, die ein stärkeres Sicherheitsbedürfnis haben und deshalb nicht mit gutem Gefühl zu Fremden ins Auto steigen. Zudem tragen viele Frauen immer noch den Großteil der Verantwortung für die Betreuung von Kindern und anderen Angehörigen und haben, bedingt durch diese Care-Arbeit, andere Wegeketten. Aus organisatorischen und zeitlichen Aspekten sind die schnellen Besorgungen nebenbei und nebenan im Voraus nur schwer zu koordinieren. Hier würde ein spontanes Angebot entlasten. Ergänzend sei erwähnt, dass alle aktuell existierenden Ridesharing-Angebote auf dem deutschen Markt von Männern gegründet und entwickelt wurden. Den Unterschied in deren Denkweise habe sie in vielen Gesprächen mit Gründern und Investoren bemerkt: Der Sicherheitsaspekt, der für Frauen bei der Wahl des Verkehrsmittels oft entscheidend sei, werde von Männern anders bewertet. „Wenn ich dann erzähle, dass mir bestimmte soziale Aspekte ganz wichtig sind, treffe ich oft auf Unverständnis“, sagt sie.

 

„Um die vielen Autos zu befüllen, in denen nur eine Person sitzt, braucht es keine Mitfahr-App, wie es sie schon gibt, sondern etwas ganz Neues. Und genau das habe ich konzipiert und kämpfe dafür.“

Monika Scherfer, selbstständige Business Analystin

 

Für die Umsetzung ihrer Idee sucht sie aktuell sowohl Mitstreiter:innen als auch potenzielle Mitgründer- oder Investor:innen, die ihre Vision teilen: den fließenden Verkehr effizienter gestalten, die Ressource Auto effektiver nutzen, den Besetzungsgrad von PKWs erhöhen die Gesellschaft stärken, Mobilitätsarmut bekämpfen und integrativ und inklusiv handeln.

Denn gemäß Agora Verkehrswende werden in den aktuellen Mobilitätsangeboten in Deutschland Themen wie Mobilitätsarmut und Inklusion noch nicht wirklich berücksichtigt.


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