„Ohne gesetzliche Quoten würde niemand Biokraftstoffe nutzen“



Wienke von Schenck ist Marktanalystin im Bereich Pflanzenbau an der Bonner AMI-Akademie (Agrarmarkt-Informationsgesellschaft). Ihre Themenschwerpunkte sind Ölsaaten, Biokraftstoffe, Getreide und Futtermittel auf den nationalen und internationalen Märkten. Mit uns hat sie anlässlich des Fachkongresses für Erneuerbare Mobilität über Biokraftstoffe und deren Wirkungsgrade gesprochen.




MobilityMonday: Beim internationalen Fachkongress für erneuerbare Mobilität haben Sie im Themenforum “Biomassepotenziale zwischen Wunsch und Wirklichkeit” referiert. Wie sieht denn die deutsche Wirklichkeit in Sachen Biokraftstoffe aus?

Wiencke von Schenck: Biodiesel kommen hauptsächlich bei PKW und LKW zum Einsatz. Die Luftfahrtbranche fängt erst langsam an, Biotreibstoffe zu verwenden. Das sind prozentual aber noch unter 0,1 Prozent der Flieger, das ist also zu vernachlässigen. Insgesamt haben Biokraftstoffe am gesamten deutschen Kraftstoffverbrauch einen Anteil von rund fünf Prozent.


Woran liegt das, wenn sich durch Biokraftstoffe doch so viel CO2 einsparen lässt. Stichwort Klimaziele?

Biokraftstoffe sind teurer als reguläre, sprich fossile Brennstoffe. Deshalb gibt es gesetzliche Beimischungsquoten. Ohne die würde niemand Biokraftstoffe nutzen. Bis 2008 gab es zusätzlich noch eine Steuerbefreiung für Biokraftstoffe, die bis 2012 schrittweise wieder aufgehoben wurde, was sich schlagartig und deutlich auf Produktion und Absatz dieser Kraftstoffe ausgewirkt hat.


Das heißt?

Der Markt für Kraftstoffe aus Pflanzenöl in Deutschland ist seit dem Wegfall der Förderung durch die Steuerbefreiung tot. Die ganzen dezentralen Ölmühlen, die sich Landwirte in Deutschland auf den Hof gestellt und selbst Treibstoff für ihren Trecker produziert haben, haben die wieder abgebaut. Oder sie so umgebaut, dass sie damit jetzt Speiseöl herstellen können. Die Kleinanlagen sind abgebaut und nach China oder Afrika verkauft worden.

Ein moderner Traktor mit Euro VI-Motor fährt aber nicht ohne Zusatztechnik mit Pflanzenöl. Einen alten Diesel-Trecker dagegen konnte man noch mit einer Flasche Rapsöl vom Aldi tanken.



Womit wir bei der Tank/Teller-Diskussion wären: Lebensmittel als Treibstoff zu verwenden, ist zumindest in Deutschland heftig kritisiert worden...

Die Idee, Raps als Treibstoff zu verwenden, ist entstanden, weil wir in Deutschland ein Überangebot an Rapsöl hatten. Deshalb war Deutschland auch Vorreiter bei Biokraftstoffen: Deutschland hat die größten Ölmühlenkapazitäten Europas, stellt jährlich fast 4 Mio. Liter Rapsöl her und steht damit an dritter Stelle hinter China und Kanada. Im Zuge der Biokraftstoffforschung erlangte auch Bioethanol, also Treibstoff aus Getreide, Marktanteile. Er hat eine bessere Treibhausgas-Minderungsquote als Kraftstoffe aus Pflanzenöl.

Aber: Nur 13 Prozent der Rohstoffe, die weltweit verbraucht werden und sich als Biokraftstoffe eignen, also Zuckerrohr, Mais oder Pflanzenöle - werden auch für die Biospritproduktion genutzt. Der Rest wird gegessen beziehungsweise verfüttert. Knapp 1 Milliarden Tonnen Mais zum Beispiel gehen jährlich weltweit in den Futtertrog oder werden als Stärke von Menschen verzehrt. Und rund 156 Millionen Tonnen werden zu Kraftstoff. Beim Rapsöl ist das Verhältnis Kraftstoff zu Nahrung ein Drittel zu zwei Drittel und Sojaöl wird zu rund einem Viertel zu Treibstoff.


Welcher biogene Treibstoff ist denn Ihrer Meinung nach der beste?

Meiner Meinung nach ist jeder Ersatz von fossilen Kraftstoffen ein Fortschritt, also etwas Gutes. Trotzdem wird bei Biokraftstoffen stark auf die einzelnen Werte geschaut. Nur nicht immer einheitlich. Ein Liter Rapsöl ersetzt 0,96 Liter regulären Dieseltreibstoff. Ein Liter Bioethanol entspricht nur 0,65 Litern Kraftstoff und ein Liter Sunfuel, also Biomasse aus Stroh zum Beispiel, entspricht 0,97 Litern Kraftstoff.


Sun Fuel und Rapsöl wären demnach die effizienteren Kraftstoffe.

Ja, aber so einfach ist es nicht. Stroh zum Beispiel gilt als Abfallstoff, den man für die Treibstoffproduktion nutzen kann. Aber das Stroh ist natürlich kein Abfallstoff, sondern wird in der Landwirtschaft gebraucht. Zum einen müssen Landwirte einen Teil des Strohs auf den Feldern belassen, damit die fruchtbar bleiben. Die können sie nicht vollständig abernten. Zum anderen ist Stroh ein Futtermittel und wird u.a. genutzt, um Ställe einzustreuen. Wenn die Bauern jetzt von der EU jede Menge Subventionen bekommen, dafür dass sie ihr Stroh als Treibstoff verkaufen - worauf stehen dann die Kühe und Schweine? Und womit werden die Tiere gefüttert?


Okay, dann doch lieber Raps?

Wenn es in der Diskussion nur um den Wirkungsgrad ginge, dann wäre das eine gute Option: Der Raps ist da, sieht auf dem Feld auch noch hübsch aus und man nimmt niemandem etwas weg, wenn man Raps verwendet. Allerdings geht es bei biogenen Kraftstoffen immer auch um die Einsparungen beim Treibhausgas und hier haben andere Stoffe eine bessere Quote.


Welche Kraftstoffe sparen denn am meisten CO2 ein?

Kraftstoffe aus Abfall- und Reststoffen haben die beste Treibhausgas-Einsparung, weshalb sich die Förderung innerhalb der EU ab 2030 auf diese Stoffe konzentriert: Ab 2030 sollen 13 Prozent der in Deutschland verwendeten Kraftstoffe Biokraftstoffe sein. Davon wiederum sollen 10 Prozent aus Abfallölen bestehen.



Aus Abfällen Treibstoff herzustellen, klingt doch sehr sinnvoll.

Aber auch Abfallstoffe müssen irgendwoher kommen. Das Frittenfett, aus dem Kraftstoff hergestellt wird, muss auch erst produziert und als Speiseöl verwendet werden. Der ökologische Footprint wird aber hier erst berechnet, wenn es aus der Fritteuse kommt. Beim Rapsöl dagegen beginnt die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks bei der Aussaat auf dem Feld, geht weiter über den Trecker, die Düngung, die Ölmühlen, das Ausliefern und so weiter. Da werden sich Stoffe schöngerechnet. Und bei Biokraftstoffen aus Grünabfällen, aus Stroh oder aus Algen zum Beispiel, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen.


Haben wir denn eine Alternative zum Biokraftstoff? Elektromobilität? Wasserstoff?

Wasserstoff ist super - wenn es sichere und günstige Speicherlösungen gibt. Bei Elektromobilität wird gerne ausgeblendet, dass die Batterie sehr aufwendig und ressourcenintensiv hergestellt wird, die Entsorgung kompliziert ist - und viele Fahrzeuge dann mit Kohlestrom betankt werden.

Deshalb sind Biokraftstoffe immer noch ein gutes und vor allem präsentes Mittel, um fossile Brennstoffe zu ersetzen. Es nützt ja nichts, Alternativen zu diskutieren, die gar nicht umsetzbar sind. Das gilt zum Beispiel für die Diskussion um Algen als Quelle für Biokraftstoffe: Wie viel Fläche braucht man denn, um genügend Algen zu züchten, um damit einen Liter Kraftstoff zu produzieren? Und wie viele Wasserbecken müsste man dann in Deutschland aufstellen, um den Bedarf zu decken? Die Algen können Sie nicht in natürlichen Gewässern abernten oder züchten, weil sonst der natürliche Lebensraum dort zerstört wird.



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