So hat Corona die Mobilität an Rhein und Ruhr beeinflusst

2020 sollte eigentlich das Jahr des ÖPNV werden: Stichwort #Verkehrswende. Dann kam Corona und die Menschen kehrten Bussen, Bahnen und Fernzügen den Rücken und stiegen lieber ins Auto, aufs Rad oder gingen zu Fuß. Wir als Women in Mobility vom Hub Rhein-Ruhr werfen einen Blick zurück, was sich im letzten Jahr bei der Mobilität an Rhein und Ruhr getan hat - um dann gemeinsam mit Euch nach vorne zu sehen. Klimaschutz und die Verkehrswende sind für uns nämlich noch lange nicht vom Tisch.

Wer Kontakte zu Menschen meiden soll, fährt Fahrrad, anstatt sich in der Rushhour in die S6 Richtung Essen zu quetschen. Oder fährt doch lieber mit dem Auto anstatt mit dem RE1 von Leverkusen bis nach Duisburg. Wenn sich der Arbeitsweg nicht ohnehin erübrigt hat - weil Homeoffice möglich oder Kurzarbeit angesagt ist. Wie stark Corona die Mobilität in Deutschland 2020 verändert hat, zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).


Das Ergebnis: Die Menschen sind allgemein seltener und weniger unterwegs - und wenn, dann nicht mit dem ÖPNV. ”Momentan nutzen nur Menschen den ÖV, die keine Alternative haben«, zitiert der Spiegel den bekannten Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Diese Alternativlosen seien vor allem die mit einem Einkommen von weniger als 2200 Euro im Monat.

Auch der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) rechnet für 2021 bei Bus und Bahn mit Einnahmeverlusten von rund 3,5 Milliarden Euro. Das Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen hat deshalb für die ÖPNV-Anbieter einen Rettungsschirm von 700 Millionen Euro bereit gestellt, woran sich das Land mit 200 Millionen Euro beteiligt, der Bund mit 500 Millionen Euro.


Einheitliche Ticketing an Rhein und Ruhr bis Ende 2021


Knie geht jedoch davon aus, dass der ÖPNV nicht mehr Treiber der Verkehrswende sein wird - wenn es nicht bald digitale, einfach buchbare Tickets für den gesamten Weg von Tür zu Tür gibt.

Und jetzt die gute Nachricht: Genau zu diesem Thema bewegt sich etwas: Im Dezember 2020 kündigte NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) an, dass das Bus- und Bahnfahren über die Grenzen der regionalen Verkehrsverbünde hinweg bis zum Ende des Jahres 2021 per App und mit einem einheitlichen elektronischen Tarif funktionieren solle. Der Aachener Verkehrsverbund, der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg, die WestfalenTarif GmbH, der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe und das Land haben sich auf einen einheitlichen „eTarif NRW“ geeinigt, das Land fördert das Projekt zehn Jahre lang mit insgesamt 100 Millionen Euro.



„Ein Schlüssel zu Klima- und Gesundheitsschutz sowie zu einer Erhöhung der Lebensqualität an Rhein und Ruhr liegt in einer neuen Ausrichtung der Mobilität“


RVR-Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel



Schon im Mai gingen der Regionalverband Ruhr (RVR) und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr eine Partnerschaft für eine zukunftsfähige Mobilität in der Metropole Ruhr ein. Das Ziel: digitales Ticketing, Tarifvereinfachungen oder Bike-Sharing zu etablieren bzw. verbessern. Ende Mai gründete der RVR - mit einem ganz ähnlichen Ziel - zusammen mit den Bürgermeistern der Ruhrgebietsstädte die Kooperation Metropole Ruhr (KMR). Vorbild hier: die Kooperation östliches Ruhrgebiet (KöR), bei der Vestische, Bogestra, DSW21 und andere Verkehrsunternehmen zusammenarbeiten, um die Alltagsmobilität vor Ort zu verbessern.

Ein weiteres, positives Signal für den ÖPNV kommt aus Monheim am Rhein. Seit dem 1. April bietet die Stadt zwischen Leverkusen und Düsseldorf als eine der ersten Kommunen Deutschlands kostenlosen ÖPNV an.


Weniger Staus, mehr Elektromobilität

Ebenfalls positiv: Corona wirkte sich nicht nur auf Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen aus, sondern vor allem auf die verstopften Straßen und Autobahnen in der Region: Im März 2020 hatte es 90 Prozent weniger Staus im Vergleich zum Vorjahr gegeben. Der ADAC spricht vom stärksten prozentualen Einbruch seit der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre. Auch in den Städten selbst fiel der Autoverkehr auf einen historischen Tiefstand. Gleichzeitig nahm die Zahl der Elektroautos in Deutschland zu - auch dank der Förderung durch die Bundesregierung. Allein in NRW sind im Corona-Jahr 31.425 Elektroautos neu zugelassen worden. Das ist ein Anstieg um satte 180 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (Neuzulassungen: 12.377). Zwar gibt es bei öffentlich zugänglichen Ladesäulen noch Nachholbedarf, wie das Ladenetz-Ranking des Verbands der Automobilindustrie (VDA) zeigt, aber die Zahl der Ladesäulen nimmt an Rhein und Ruhr stetig zu. Trotz Corona.


Mobilitätsgewinner 2020: Das Fahrrad

Was ebenfalls drastisch zugenommen hat, ist die Zahl der Radfahrer*innen. Das Rad ist ein Fortbewegungsmittel, das jede*r dritte Deutsche auch nach der Krise weiterhin nutzen möchte, wie eine Studie von McKinsey zeigt. Entsprechend gestiegen ist auch die Zahl der Fahrradstraßen und Popup-Radwege: in Büderich, in Düsseldorf, Krefeld, in Essen, Dortmund und in Herne - überall heißt es nun: Radfahrer*innen haben Vorfahrt.



Wenn auch mancherorts erst einmal nur vorübergehend - und nicht immer läuft es sofort glatt. So ist zum Beispiel vor der Kommunalwahl am 13.9.2020 ein Teil der Bochumer Straße in Herne zwischen Hölkeskampring/Westring und der Sodinger Straße zur Fahrradstraße geworden. “Das ist keine Pop-up-Fahrradstraße, sondern eine mit blauen Markierungen längs, Piktogrammen auf der Straße und neuer Beschilderung”, sagt Petra Bönnemann, Diversity Managerin bei der Bogestra und Mobilmacherin bei den Women in Mobility. Die Einrichtung der Fahrradstraße sei etwa zeitgleich mit der Umsetzung eines größeren Parkraumbewirtschaftungskonzepts im Stadtteil Herne-Süd gewesen.

Im Vorfeld seien bereits die Fahrradwege „weggepflastert“ und die Tempokissen entfernt worden, um sich auf die neue Hauptnutzergruppe einzustellen. “Die Straße darf neben Fahrradfahrenden nur noch von Anlieger*innen befahren werden. Räder haben gegenüber dem PKW zu jeder Zeit Vorfahrt, dürfen nur mit 1,5 Metern Abstand überholt werden, Höchsttempo ist 30 km/h.” Allerdings erlebt Petra, dass sich diese Regeln noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben.

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